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MR. TURNER – MEISTER DES LICHTS

20.11.2014 | FILM/TV

FilmPlakat Mr. Turner~1

Ab 21. November 2014 in den österreichischen Kinos
MR. TURNER – MEISTER DES LICHTS
Mr. Turner  /  GB  /  2014 
Drehbuch und Regie: Mike Leigh
Mit: Timothy Spall,
Dorothy Atkinson, Paul Jesson u.a.

Mit den Genies tun sich die Normalmenschen schwer. Bei vielen ist es unumstritten – ob Mozart, Michelangelo oder Goethe, sicher auch bei dem britischen Maler William Turner -, aber wie stellt man sie dar? Schließlich wandeln sie ja mehr oder minder als Normalmenschen unter uns, und die Diskrepanz zwischen dieser Normalität und der Genialität in den Griff zu bekommen, ist ein ewiges Problem. Selten ist es jemandem so überzeugend gelungen wie Regisseur Mike Leigh, als er sich mit eigenem Drehbuch auf die Spuren jenes William Turner (1775-1851) setzte.

Der Alltag eines Malers, der um 1825 – ein gesetzter Fünfziger und höchst erfolgreich in seiner Kunst – von einer Reise aus den Niederlanden heimkehrt und zuhause alles in Ordnung findet. Sein immer hilfreicher Vater (Paul Jesson) ist unermüdlich damit beschäftigt, für den Sohn richtige Leinwand, Rahmen, Arbeitsmaterial zu besorgen. Die demütige Haushälterin Hannah (Dorothy Atkinson) steht für alle leiblichen Bedürfnisse des Herrn (für alle!) ohne die geringsten Ansprüche zur Verfügung. Von seiner Exfrau und den Kindern sieht er nicht viel, und wenn, dann eher Unangenehmes.

Wir begleiten William Turner bei der Arbeit – beim Malen im Freien und Atelier, beim notwendigen „Networken“ etwa unter (teils neidischen) Kollegen in der Royal Academy Of Arts, wo man auch seinen Platz bei den Ausstellungen behaupten muss, wo es offene und heimliche Kritik regnet, wo man bewundert und angefeindet wird  und im Mittelpunkt des Klatsches steht.

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Timothy Spall in Mr Turner

2014, MR. TURNER

Turner stellt hier seinen Mann. Angepasst höflich und geschmeidig ist er wahrlich nicht, eher ein Rüpel: Timothy Spall – ein „Oscar“ wäre dafür mehr als fällig! – verkörpert ihn grenzgenial, fettleibig, nicht unbedingt appetitlich, von rauer Selbstbezogenheit und dennoch mit einer Ausstrahlung, deren Faszination nicht nur über zweieinhalb Kinostunden reicht, in denen genau genommen gar nicht so viel passiert, sondern auch die glaubwürdige Gloriole des besonderen Künstlers um sich trägt, der sich in seiner Kunst durch absolut keine Kritik beirren lässt. Und für den Malen schlechtweg die Erscheinungsform seiner Existenz ist.

Und er macht unter der rauen Schale auch den Kern des großen Menschen spürbar – besonders in seinen letzten Lebensjahren, wenn er sich später außerhalb Londons mit der Witwe Sophia Booth (Marion Bailey) zusammen tut, sogar schüchtern zarte Töne der Zuneigung anschlägt und Glück durch eine Frau findet, die ihn bis zu seinem Tod liebt und pflegt.

Der Film von Mike Leigh, der eher durch seine kritische (oft auch humoristische) Sicht auf den britischen Alltag berühmt wurde, ist äußerlich ein „Biopic“, das ganz ohne Abstriche in seinem historischen Ambiente überzeugend erfüllt wird. Darüber hinaus ist es ein Künstlerporträt von seltener Überzeugungskraft, das uns mühelos durch ein Vierteljahrhundert von Turners Leben, aber auch sorglich „ausgemalt“ durch den englischen Kunstbetrieb und das Alltagsleben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts führt. Nicht versäumen!

Renate Wagner

 

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