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MAMAN UND ICH

01.06.2014 | FILM/TV

FilmPlakat Mama und ich~1

Ab 6. Juni 2014 in den österreichischen Kinos
MAMAN UND ICH
Les garçons et Guillaume, à table! /  Frankreich  /  2013
Drehbuch und Regie: Guillaume Gallienne
Mit: Guillaume Gallienne, André Marcon, Francoise Fabian, Diane Kruger, Götz Otto u.a.

Da hat eine Mutter, eine echte, zickige, selbstbezogene, großbürgerliche französische „Maman“, drei Söhne. Die beiden ersten sind „richtig“, so wie man sich Buben eben vorstellt. Der dritte ist – na, anders. Das lässt ihn Maman auch wissen. „Les garçons et Guillaume, à table!“ ruft sie, also: „Die Buben und Guillaume zu Tisch!“ Kein Wunder, dass dieser Guillaume mit einigen Komplexen ins Leben tritt. Hätte er wohl doch ein Mädchen werden sollen und wird gewissermaßen als solches behandelt und beiseite geschoben…

Man muss nicht fragen, ob dies die „private“ Geschichte von Guillaume Gallienne ist (immerhin, derselbe Vorname!), jedenfalls ist es voll und ganz „sein“ Film. Drehbuch, Regie, Hauptrolle und das nicht nur einmal. Der deutsche Titel sagt es: „Maman und ich“: Guillaume Gallienne (der als schwuler Lebensgefährte von Yves Saint Laurent in der Verfilmung so sehr beeindruckt hat) ist beides, hier sein dickliches, jugendliches, unausgereiftes, seltsames Ich, dort die immer abweisende, immer belästigt wirkende Maman, die ihren Jüngsten möglicherweise auf ihre Art mag, aber nichts mit ihm anzufangen weiß.

Dafür „spielt“ Guillaume im stillen Zimmerlein andere Mutter / Kind-Szenen: Sissi und Erzherzogin Sophie (beide Male er selbst, versteht sich), zwerchfellzerreißend und doch rührend.

Vielleicht hat Guillaume Gallienne in dem Wunsch, seinen Mutterkomplex zu verarbeiten, ein paar Ebenen zu viel in sein Drehbuch eingezogen. Da ist er erst einmal Schauspieler geworden und spielt auf der Bühne die Ein-Mann-Show „Maman und ich“. Dann wird zu den originalen Familienszenen geblendet. Papa ist auch ziemlich betroffen über die „Unmännlichkeit“ des Jüngsten – keine Jagd, kein Sport? Aber tanzen kann er, unglaublich!

Dann geht es, ein bisschen wild durcheinander geschnitten, zu Szenen des Erwachsenwerdens (wobei Maman immer da ist, auch wenn sie nicht da ist, und dem Tochter/Sohn schnoddrige Kommentare liefert – eine alptraumartige Omnipräsenz). Im englischen Internat sind die schwulen Jungs übermächtig. Eines weiß Guillaume jedenfalls sicher, als er eher fälschlich in eine Schwulenbar gerät: Nein, ein paar nordafrikanischen Machos mag er nicht als Mädchen dienen. Da gefallen ihm doch wirklich Frauen besser… Selbst wenn sie, wie Diane Kruger in einem Auftritt als energische Wellness-Priesterin, nichts wirklich Gutes mit ihm vor haben.

Denn Guillaume, den Maman verkorkst hat, ist ja doch ein Junge. Ihr am Schluss beizubringen, dass er heiraten will – ja, das ist nicht so einfach. Maman will nämlich wie üblich nicht zuhören. Und glauben kann sie es schon gar nicht…

Was täten die Psychoanalytiker, wenn es die „verfehlten“ Mütter nicht gäbe? Wo könnte man die Schuld für alle Fehlentwicklungen abladen?

Egal, ob Guillaume Gallienne sich mit seinem Film am Ende privat befreit hat – die Geschichte einer Aufarbeitung mit Hilfe von Reflexion und Humor ist es jedenfalls geworden. Und Gallienne ist ein Schauspieler, an dessen Wandlungsfähigkeit und Nuancierungskunst man sich gar nicht sattsehen kann. Ein Vergnügen.

Renate Wagner

 

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