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LIFE OF RILEY

02.07.2014 | FILM/TV

FilmPlakat Aimer, boire, chanter~1

Ab 4. Juli 2014 in den österreichischen Kinos
LIFE OF RILEY
Aimer, boire et chanter  /  Frankreich  /  2013 
Regie: Alain Resnais
Mit: Sandrine Kiberlain, Sabine Azéma, Caroline Silhol u.a.

Alain Resnais musste nicht erst sterben, um eine Legende zu sein. Der 1922 Geborene lebte bis ins hohe Alter bewundert und hoch geehrt, bedeckt vom Ruhm seiner Anfänge, als er damals Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre mit zwei wahren Schockern die Filmszene betrat – „Hiroshima, mon amour“ und „Letztes Jahr in Marienbad“, verwirrend surreale Meisterwerke, mit denen damals wenige etwas anzufangen wussten und die heute Meilensteine des Films sind. Über problematisch verdichtete Filme wie etwa „Providence“ ging er den Weg zu jenen lockeren Theaterverfilmungen seines Alters, die nun am Ende einer großen Karriere stehen.

Vor zwei Jahren erst hatte er in „Ihr werdet euch noch wundern“ (Vous n’avez encore rien vu) Theater verfilmt – hatte zwei Theaterstücke des einst so berühmten, heute so gut wie vergessenen Jean Anouilh kunstvoll verschränkt und ein diffiziles Meisterstück daraus gemacht. Nun – und es wurde sein letzter  Film, bei den Berliner Filmfestspielen präsentiert und ausgezeichnet, kurz danach ist Resnais im März 2014 gestorben – nahm er sich ein Theaterstück des britischen Boulevardkönigs Alan Ayckbourn vor. Wieder einmal, haben doch schon seine Filme „Smoking / No Smoking“ und „Coers“ auf Stücken dieses Autors beruht, mit dem der alte Resnais die Freude am ungemein „spielerischen Element“ teilt.

„Life of Riley“, wie das Originalstück heißt (der deutsche Titel greift darauf zurück, der französische nimmt sich den Text „Aimer, boire et chanter“ dafür her, der zu einem Johann-Strauß-Walzer gesungen wird!!!), ist nun wieder eine klassische Spielerei. Dabei ist der Schauplatz Yorkshire, und Resnais hat das nicht geändert: Es wurde immer wieder darauf hingewiesen, wie grotesk die Situation ist, dass man sich ganz offensichtlich in England befinden soll, aber nicht nur Französisch gesprochen wird, sondern auch alles unverwechselbar „französisch“ zu riechen und schmecken scheint.

Das dem Drehbuch zugrunde liegende Stück mag noch so „britisch“ sein – Resnais konnte aus seiner Haut nicht heraus. Er hat französischen Boulevard geschaffen, so leichtfüßig, ironisch und amüsant, wie man es sich nur wünschen konnte. Bloß nicht sehr „filmisch“. Das Gefühl, hier würde ein Theaterstück abgefilmt, bleibt permanent präsent. Na und – bei einem solchen Meisterregisseur?

Das „Theaterhafte“ wird dadurch unterstrichen, dass der große Regisseur nicht genug Geld hatte, reale Schauplätze bauen zu lassen. Er ließ die einzelnen Häuser, in denen die Geschichte spielt, von Jacques Saulnier zeichnen (dazu kommen noch Cartoons des Franzosen Blutch) und schiebt diese Bilderchen zwischen den Szenen ein. Logischerweise sollen auch die einzelnen Episoden in etwas spielen, das einer Theaterdekoration verblüffend ähnlich ist – nicht nur, weil an einem der Schauplätze die Proben zu einem Theaterstück laufen – und man durchaus nicht immer weiß, ob es sich bei dem, was man hört, jetzt um echte Dialoge handelt oder um das, was gerade im geprobten Stück gesagt wird? (Geprobt wird übrigens “Relatively Speaking” von – na ja, von Alan Ayckbourn…)

Tatsächlich aber geht es um drei Paare: Sechs Personen suchen keinen Autor (den haben sie wahrlich gefunden), sondern reden über eine siebente, die nie auftritt – ein berühmter Theatertrick. Die Frauen übernehmen jeweils den Großteil des nimmermüden Redenflusses. Ihr Thema: George, ihrer aller Freund, ist schwer krank, dem Tode nahe. Es ist stets eine prickelnde Sensation, wenn man sich über das Unglück anderer unterhalten kann, das zeigen Autor und Regisseur mit mildem Lächeln.

Die drei Damen sind Sandrine Kiberlain als Exfrau von George, die erstmals mit Resnais zusammen arbeitete, Resnais’ Gattin und Leib- und Mageninterpretin Sabine Azéma sowie Caroline Silhol, drei Meister-Komödiantinnen.  Sie überstürzen sich geradezu, George letzte Liebesdienste zu erweisen – so intensiv, dass sie sich dabei gegenseitig geradezu über die Füße stolpern. Das ergibt dann wackelnde Freundschaften und jede Menge Ressentiments und Giftigkeiten, wobei die Männer ratlos in die Aktivitäten der Frauen einbezogen werden: Hippolyte Girardot, Michel Vuillermoz und André Dussollier bieten verschiedene Stadien der Hilflosigkeit angesichts weiblicher Dominanz… In ihrer Beziehung zu George offenbart jeder sich selbst, Durchschnittsmenschen, in deren Leben einmal etwas „Dramatisches“ passiert.

Fazit: Wie viele Illusionen macht man sich doch, wie wenig kapiert man in der heute üblichen Küchentisch-Psychologie, alles analysieren zu wollen, wirklich. Einmal darf der Zuseher der Gescheitere sein.

Am Ende von Resnais’ Karriere steht ganz anderes als am Beginn – wie auch anders nach mehr als einem halben Jahrhundert. Hat er als großer Enigmatiker begonnen, so endet er als ironischer, souveräner, hintergründiger Entertainer – und erzählt von nicht weniger als der unvergleichlichen Leichtigkeit des französischen Kinos.

Renate Wagner

 

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