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LIFE OF PI: SCHIFFBRUCH MIT TIGER

25.12.2012 | FILM/TV

Ab 26. Dezember 2012 in den österreichischen Kinos
LIFE OF PI: SCHIFFBRUCH MIT TIGER
Life of Pi  /  USA  /  2012
Regie: Ang Lee
Mit: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Gérard Depardieu u.a.

Auf der einen Seite ist da der offenbar vielschichtige, eigentümliche Roman des Kanadiers Yann Martel, „Schiffbruch mit Tiger“ aus dem Jahr 2001, der weltweit sehr viele Leser fand. Auf der anderen Seite ist da der aus Taiwan stammende chinesische Regisseur Ang Lee, der heutzutage als unvergleichliches Phänomen in der Welt des internationalen Films steht. Er brachte englische Literatur vom Feinsten und amerikanische Problematik vom Diffizilsten, asiatische Martial Arts vom Schönsten und Mainstream vom Kraftvollsten gleicherweise überzeugend auf die Leinwand. Es gibt nichts, in das er sich nicht mit größter Sensibilität hineinversetzen könnte.

Und er hat sich, nachdem die Produzenten zwischen zahlreichen Regisseuren schwankten, nun auch zweifellos als idealer Regisseur für eine „indische“ Geschichte erwiesen, deren zahllose Schichten man wie bei einer Zwiebel abschälen kann. Was am Ende bleibt?

Nun, der Jubel vor allem der amerikanischen Kritik war überwältigend. Der Europäer sagt mutig, dass der Film toll gedacht und toll gemacht ist. Aber mit über zwei Stunden viel zu lang. Denn das Zentrum des Geschehens besteht in der Tatsache, dass Held „Pi“ – damals ist er ein 16jähriger Teenager – nicht weniger als 227 Tage in einem Rettungsboot im Pazifik verbrachte. Aber nicht allein, sondern gemeinsam mit einem riesigen bengalischen Tiger. Das ist eine Wahnsinnsstory. Aber die 227 werden so lang, als müsste man sie Tag für Tag absitzen…

Die Rahmenhandlung ist erzählend: Der erwachsene Pi (Irrfan Khan), der in Kanada lebt, berichtet einem Schriftsteller über sein Leben. (Immer wieder schieben sich Szenen aus dieser „Gegenwart“ in die Rückblenden.) Es begann im indischen Pondicherry, wo der Sohn eines Zoobesitzers als aufgeweckter Junge heranwuchs (jetzt in Gestalt von Suraj Sharma). Er wusste sich zu helfen: Als sein Name „Pi“ unangenehme Assoziationen auslöste, erklärte er ihn als Synonym für die gleichnamige Zahl – man weiß schon: Kreisumfang 3,14159265, die Stellen gehen ins Unendliche… Außerdem interessiert sich Pi für Religionen, tut sich in allen um. Die erste Liebe stellt sich ein – man ist fast in einer opulenten Bollywood-Geschichte.

Da beschließen die Eltern, nach Kanada auszuwandern, weil die ökonomische Situation des Zoos zu schwierig ist. Mit einigen ihrer kostbaren Tiere gehen sie an Bord eines Schiffes nach Kanada. Mit wenigen davon findet sich Pi nach einem gewaltigen Schiffbruch auf dem Rettungsboot wieder (seine Eltern gehen zugrunde) – Zebra und Co. überleben nicht. Nur Pi – und der Tiger.

Man gibt es ja zu: Als Kinobesucher ist man, Disney ist wohl schuld, einfach verdorben. Man kann sich Mensch-Tier-Geschichten im Endeffekt nur lieblich vorstellen. Der Junge und das Tier, gemeinsam allein im Ozean, da müssen sie sich doch anfreunden? Mitnichten. Denn das ist dann der interessante Aspekt: Schon in Indien hat Pi gelernt (spätestens, als er zusah, wie der Tiger eine lebende Ziege verspeiste), dass Wildkatzen keine Kuscheltiere sind. Mit „Richard Parker“ (der Tiger trägt diesen Namen…) befreundet man sich nicht.

Da ist Misstrauen angesagt, da kämpft man um Koexistenz, da will der Mensch nicht gefressen werden, aber natürlich ist auch ein Tier lernfähig und begreift, dass es den Menschen zum Überleben braucht (nur dieser kann fischen, kann  im Boot trinkbares Regenwasser einfangen…und es dann mit ihm teilen). Kurz, das ist ein spannendes Duell. Nur – es zieht sich, wie gesagt. In Variationen gibt es immer wieder dieselbe Situation. Beide überleben übrigens, das ist klar. Der Tiger verschwindet bei erster Gelegenheit, als er festen Boden unter den Füßen hat: kein dankbares Schwanzwedeln. Keinerlei Vermenschlichung.

Ang Lee hat alles getan, um die Künstlichkeit der Machart (der Pazifik war der größte Tank, der je für einen Film gebaut wurde) nicht merken zu lassen: Tatsächlich ist man enttäuscht, wenn man erfährt, dass „Richard Parker“ zwar nach echten Vorbildern gestaltet wurde, aber total aus dem Computer kommt. Andererseits: Realistischerweise hätte sich wohl kein bengalischer Königstiger zähmen lassen, diese Szenen zu „spielen“… Außerdem hat Ang Lee diesmal lustvoll mit der allerneuesten Technik („CGI“ – Technik-Freaks werden sich auskennen) gespielt, hat atemberaubende Kameraeinstellungen gewählt, 3 D-Effekte ausgereizt. Man bleibt optisch beschäftigt, manchmal fast auf „Naturfilm“-Ebene…

Und schließlich soll es ja, wie man am Ende dann zweifelsfrei erfährt, vor allem eine metaphysische Story sein, wenn der alte Pi und der Schriftsteller philosophieren, was wohl an der Geschichte wahr gewesen sei… Alles nur geträumt? Manchmal hat der Film Traumspiel-Charakter, keine Frage. Und er ist ein Meisterstück in vieler Hinsicht. Aber über weite Strecken ist er auch verdammt langweilig.

Renate Wagner

 

 

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