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LIBERACE

14.10.2013 | FILM/TV

FilmPlakat Liberace~1

Ab 18. Oktober 2013 in den österreichischen Kinos
LIBERACE
Behind the Candelabra  /  USA  /  2013
Regie: Steven Soderbergh
Mit: Michael Douglas, Matt Damon, Debbie Reynolds u.a.

„Liberace“ ist ein weltweiter Begriff, auch wenn seine Karriere untrennbar mit dem US-Entertainment der großen Showpaläste und Fernsehshows verbunden ist – der auf seine Art geniale Cross-Over-Pianist, der sich selbst zur Kunstfigur stilisiert hatte und in dieser Aura vergoldeter Künstlichkeit ein besonderes Image aufrecht erhielt. Der Kerzenleuchter am Flügel (der ist im Originaltitel des Films enthalten) galt als sein Markenzeichen.

Aber nicht der Showman Liberace, nicht der Künstler (der er auf seine Art zweifellos war) steht im Mittelpunkt des Films von Steven Soderbergh, sondern das, was zu sein er stets vehement geleugnet hat: Liberace, der Homosexuelle. Seltsam, dass es mit dem scheinbar so liberalen Amerika doch nicht so weit her ist: Die Tatsache, dass dieser Film es nicht in die Kinos, sondern nur ins Fernsehen schaffte, erinnert an die verkrampften Fünfziger Jahre… Andererseits hat Regisseur Steven Soderbergh auch schonungslos zugelangt: Fans sehen nicht nur den nackten Hintern von Matt Damon, sondern auch ihn und Michael Douglas in Aktion in Bett, und es wird ein bisschen später abgeblendet, als es bei Darstellungen dieser Art üblich ist.

Dennoch wäre „Liberace“ nicht bemerkenswert, ginge es nur um das Hohelied der Schwulität. Es geht auch nicht um deren selbstgerechte Verdammung. Es ist auch keine Liebesgeschichte. Es ist ein Stück aus Liberaces Leben, so bemerkenswert gespielt und dargestellt, wie es nur einer Akkumulation wirklicher Künstler gelingt.

Es war in den siebziger Jahren. Da ist Scott Thorson, der „normale“ junge Mann, ein Tierpfleger mit durchschnittlichen Erwartungen an das Leben (auf seinen später geschriebenen Memoiren basiert der Film). Ein hübscher Junge, lockig, muskulös und genuin nett. Heterosexuell, aber auch zur Homosexualität bereit. Ein Freund nimmt ihn mit zu einem Konzert von Liberace in Las Vegas, man geht backstage, erlebt beeindruckt den bunten Vogel aus der Nähe, für den affektiertes Verhalten zur selbstverständlichen Attitüde geworden ist. Liberaces Hund ist krank, der Tiefpfleger weiß Rat, der Superstar bietet ihm einen Job an. Mit Bettverpflichtung…

BEHIND THE CANDELABRA / Steven SODERBERGH  BEHIND THE CANDELABRA / Steven SODERBERGH

Es macht Steven Soderberghs Film so außerordentlich, dass er es nie billig gibt. Er malt Liberaces unmöglichen Lebensstil in seiner privaten Welt, die von Gold und Reichtum auf die geschmackloseste Weise strotzt, wo Pelze, Luxusautos und Schmuck selbstverständlich dazu gehörten. Soderbergh stellt den Mann in seiner ganzen Lächerlichkeit hin –  und verkauft ihn dabei nicht eine Sekunde lang. Michael Douglas, der der Figur auch sprachlich durch überdeutliches Akzentuieren einen eigenen Duktus gibt, ist letztendlich unerwartet genial als Kunstfigur mit weher Seele, großen Sehnsüchten, dem Wunsch nach Nähe und Zuneigung – und dann wieder rücksichtslos, selbstgefällig, unerträglich. Das ganze Paket Mensch in einer Leistung, die nicht eine Sekunde ermüdet, immer spannend bleibt.

Matt Damon ist ein großer Verwandler. Aus seinem privaten Habitus des sympathischen Durchschnittsmanns kann ebenso der harte Jason Bourne kriechen wie der komische Dodel, den er in den „Ocean“-Filmen spielte, ein Grimm-Bruder oder ein Familien-Gutmensch mit Zoo, ein zynischer Verkäufer („Promised Land“ kam leider nie in unsere Kinos) oder entschlossener Retter in der Zukunft („Elysium“). Oder ein schüchterner, blondgelockter All American Boy, der sich erst von Liberace gebrauchen lässt und in seiner Schwäche so weit geht, sich auf dessen Wunsch eine Gesichtsoperation machen zu lassen, um dem Geliebten ähnlich zu sehen. Doch irgendwann in den gemeinsamen fünf Jahren wacht er schließlich auf, wünscht sich ein Leben jenseits des goldenen Käfigs, ein Leben, in dem er nicht nur in Chauffeuruniform in der Öffentlichkeit erscheinen darf. Der schließlich in Drogen und Schulden eintaucht und von Liberace mit derselben Brutalität weggeworfen wird wie alle seine Vorgänger (und Nachfolger).

Und doch sind die Szenen der beiden, als Liberace liebt oder sich einbildet zu lieben, von prickelnder Intensität, die Oberflächlichkeit der Welt, in der sie leben, macht diese Gestalten nicht klein. Es ist fast ein Kammerspiel zu zweit – einmal taucht Debbie Reynolds, geradezu erschreckend unkenntlich, als Liberaces scharfzüngige Mutter auf, und Rob Lowe zeigt einen jener Chirurgen, die gewissenlos zu jeder Operation bereit sind… Aber die Nebenfiguren bleiben am Rande.

Fast zwei Stunden lang, in denen im Sinn von „Aktion“ nicht allzu viel passiert (Liberace als Star am Klavier und vor der Fernsehkamera kommt auch nur am Rande vor), wird diese Beziehung entwickelt – von inszenatorischer Meisterhand, von Meisterschauspielern, die hier Gipfelleistungen ihrer Karriere liefern. Seltsam genug, dass die sexuellen Ausschweifungen im Grunde nicht peinlich sind, weil sie als das gezeigt werden, was sie in diesem Rahmen wohl waren: ein selbstverständliches Stück Leben, Teil einer Beziehung.

Renate Wagner

 

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