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LA GRANDE BELLEZZA

23.07.2013 | FILM/TV

 

Ab 26. Juli 2013 in den österreichischen Kinos
LA GRANDE BELLEZZA               
Italien  /  2013 
Regie und Drehbuch: Paolo Sorrentino
Mit: Toni Servillo u.a.

Früher hätte man dergleichen vielleicht „ein Sittenbild“ genannt. Heute müsste man einen zeitgemäßeren Ausdruck dafür finden. Aber im Grunde tut Paolo Sorrentino auch nichts anderes als die großen Vorbilder Fellini oder Scola, vor denen er sich verneigt: Er gibt einen Querschnitt durch eine Gesellschaft. Die Bilder sind schön. Der Nachgeschmack bleibt schal, weil er die richtigen Erkenntnisse vermittelt. La Grande Bellezza ist nur äußerlich eine „große Schönheit“.

Allerdings verliebt man sich in diesen Film. Und in diesem Film wiederum erstens in Rom, zweitens in die Wohnung in einer alten Villa mit Terrasse, Blick direkt aufs Kolosseum (!), und drittens in den Mann, den man durch sein eigentlich ödes Leben begleiten darf, denn Toni Servillo spielt diesen Klatschjournalisten Jep Gambardella schlechtweg hinreißend, durchwirkt von einer Traurigkeit, die stets durch seinen routinierten Charme durchsickert. Dass für ihn das Amüsement „Arbeit“ ist – so wie für alle anderen auch, die sich durchs Jet Set schleppen, das ist nur eine der evidenten Erkenntnisse dieses Films.

Man kann keine Handlung im Wortsinn ausmachen, weil man nichts anderes tut als Jep zu begleiten. Das heißt, zu Beginn gibt es eine Szene mit japanischen Touristen in Rom, die alles programmgemäß bewundern und fotografieren. Plötzlich fällt einer von ihnen um und ist tot. Anfangs weiß man noch nicht, ob das vielleicht im Zusammenhang mit der Geschichte stehen wird – später ist klar, dass der Regisseur hier ganz deutlich ein „Memento Mori“ gesetzt hat.

Dann sind es – wenn man nicht einmal unverhofft durch einen herrlichen römischen Palazzo schlendern darf –  eigentlich nur die Menschen, denen man begegnet, auf Parties (u.a. schreckliches Techno-Gezucke), auf Jeps Terrasse, vom Regisseur auf den Punkt gebrachte Porträts von grausamer Entlarvungskunst: Ob es der hohe Geistliche ist, der so peinlich über nichts anderes sprechen kann als die Kochkunst und Kochrezepte (und man merkt, dass ihn eigentlich nichts anderes interessiert), ob es die Society-Lady ist, die sich selbst in allen Belangen für das absolute Optimum einer Frau und eines Menschen hält (und deren egozentrische Handlungen keinem Hinterfragen standhalten), ob die affektierte Wahrsagerin, die zu interviewen Jep letztlich eigentlich zu dumm ist. Und wenn am Ende eine klapprige Parodie auf Mutter Teresa herumstakst, ist die Sinnlosigkeit auf die Spitze getrieben.

Jep begegnet alten Freunden mit ihren seltsamen Existenzen oder betrachtet junge Nonnen (und man fragt sich, was wohl hinter den Klostermauern vorgeht), er geht mit einer ältlichen Stripperin, der Tochter eines Freundes, aus. In dieser Schicki-Micki-Welt will jeder „in“ sein, dabei sein, beachtet werden, große Reden schwingen… und über allem schwebt die Melancholie des 65jährigen, der spürt, dass sein Leben vorbei ist, dass es verschwendet ist, dass er außer einem Roman, den er vor Jahrzehnten schrieb, nichts geleistet hat und nie mehr etwas leisten wird, obwohl seine Fähigkeit, die Menschen zu durchschauen, ihn weit über alle anderen hebt.

Der Film ist Satire und Melancholia zugleich, La Dolce Vita heute, das man im Kino betrachtet – und um keinen Preis teilen wollte. Auf der Leinwand ist man allerdings für ein solches Meisterstück schlechtweg dankbar.

Renate Wagner

 

 

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