Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

KON-TIKI

03.04.2013 | FILM/TV

Ab 5. April 2013 in den österreichischen Kinos
KON-TIKI
Norwegen  /  2012
Regie: Joachim Ronning & Espen Sandberg
Mit: Pal Sverre Valheim Hagen, Anders Baasmo Christiansen, Agnes Kittelsen u.a.

Wer je in seiner Jugend den Büchern „echter“ Abenteurer verfallen war (Karl May war ein „unechter“, aber auch nicht schlecht für Teenager), für den ist Thor Heyerdahl ein Lieblingsautor geblieben. Wahrlich ein Mann mit Visionen und wahrscheinlich der Forscher des 20. Jahrhunderts neben Heinrich Harrer, der sich am gnadenlosesten herausgefordert hat. Seine norwegischen Landsleute haben seinem „Kon Tiki“-Abenteuer nun einen Spielfilm gewidmet, den sie auch zum Auslands-„Oscar“ schickten (wo sie Haneke natürlich unterlegen sind). „Oscar“-reif wäre dieses wunderschöne Biopic auch nicht gewesen, aber als Unterhaltung und Würdigung einer großen Leistung ist es ein prächtiges Beispiel seines Genres.  

Thor Heyerdahl (1914-2002) war ein norwegischer Anthropologe und Ethnologe, der meinte, dass große Probleme sich nicht am Schreibtisch lösen ließen. Der Film von Joachim Ronning & Espen Sandberg (einem Duo, das dadurch bekannt wurde, dass es die Latino-Powerfrauen Salma Hayek und Penelope Cruz als „Bandidas“ auf die Leinwand brachte) schickt dem Film etwas schlicht eine Eingangsszene voraus, die zeigen soll, dass schon der kleine Junge unerschütterlich seinen eigenen Kopf hatte – wenn er übers Eis geht und prompt einbricht… Wasser war Zeit seines Lebens nicht seine Leidenschaft – und doch hat er sich später auf den Pazifik gewagt, ohne schwimmen zu können – das muss man sich einmal vorstellen.

Dann erlebt man ihn in den dreißiger Jahren mit seiner jungen Frau Liv (Agnes Kittelsen) auf der Insel Fatu Hiva (Marquesas-Inseln in Polynesien), wo die beiden absichtsvoll ohne jegliche Mittel der Zivilisation lebten (und ihr Abenteuer wegen Livs schwerer Erkrankung abbrechen mussten). Die Eingeborenen hatten ihm von „Tiki“ erzählt, der aus der Ferne auf die Inseln gekommen war…

Der Film gibt sich dann nicht mit den Kriegsjahren ab, in denen Heyerdahl nicht in seine von den Deutschen besetzte Heimat zurückkehren konnte, sondern blendet gleich ins Jahr 1947: Damals war der 33jährige entschlossen, für seine in Fatu Hiva erarbeitete Theorie den Beweis anzutreten: Kulturellen Ähnlichkeiten der Südseekunst mit jener der Ureinwohner Südamerikas überzeugten ihn, dass die Inseln der Südsee nicht von Asien her bevölkert worden war (was damals die allseits anerkannte wissenschaftliche Überzeugung war), sondern von Peru aus. Um das zu beweisen, wollte er mit einem Boot, wie es die Polynesier damals noch bauten, die 8000 Kilometer über den Pazifik zurücklegen…

Nun ist man mit dem jungen, blonden, ungemein charismatischen Norweger (hinreißend zurückhaltend und überlegt gespielt von Pal Sverre Valheim Hagen) unterwegs, um Überzeugungsarbeit zu leisten und Geldgeber zu finden. Nicht dass es ihm gelungen wäre – und auch Gattin Liv, mittlerweile Mutter von zwei Söhnen und mit erstaunlich wenig Verständnis für den Mann, den sie doch kennen musste, war nicht mehr dabei. Dennoch ging Heyerdahl nach Südamerika, und ist pointiert zu sehen, wie er dort erst in Schulden eher hoffnungslos herumkrebste, bevor er dem Präsidenten von Peru die Großtat der Vorfahren „g’schmackig“ machen konnte: Damit war das Unternehmen auf den  Beinen.

Die Exposition ist farbig uns spannend, und man erlebt auch vage (nicht wirklich genau – technisch kapiert man es doch nicht), wie das Boot (oder auch Floß mit Hütte darauf, wie immer man es bezeichnen will) gebaut wurde, aus neun Stämmen von Balsa-Holz, die mit Hanfseilen zusammengebunden wurden, mit Bambus und grünen Bananenblättern für die weitere „Ausstattung“. Damit waren sechs Männer entschlossen, ohne die technischen Hilfsmittel des 20. Jahrhunderts (einzig und allein ein Funkgerät war dabei – und Heyderdahl hämmert in eine alte Schreibmaschine), einfach basierend auf den Erkenntnissen der Eingeborenen-Boote, den Pazifik zu überqueren. Die Filmemacher (einmal kein 3 D, danke!) waren ähnlich puristisch: Dieser Film wurde nicht, wie „Life of Pi“, im Tank und mit Hilfe von Computern gedreht, sondern tatsächlich auf dem offenen Meer…

Mit Ausnahme des deutschen Ingenieurs Watzinger (Anders Baasmo Christiansen), der sich Heyerdahl anschloss, um einem langweiligen Leben als Kühlschrankvertreter zu entfliehen, der dann aber mit den Erfordernissen der hohen See nervlich ziemlich überfordert schien, werden die übrigen vier Besatzungsmitglieder nicht wirklich plastisch – vielleicht, weil alle so nordisch blond sind, ähnliche Typen und nicht wirklich unterschiedlich profiliert.

Dennoch ist es am Meer, wo man sich etwa zwei Drittel des Films aufhält, nicht im geringsten langweilig, obwohl man es den Regisseuren hoch anrechnen muss, dass sie die Klischees von Abenteuerfilmen dieser Art vermieden haben – ob Sturm, ob Haie, ob schlicht Langweile, nichts davon wird unnötig dramatisiert, auch nicht die unvermeidlichen Spannungen zwischen den Männern, die allerdings nie wirklich exzessiv wurden. Auch der Mut, den sie gebraucht haben, um auf dieser Nussschale dem unendlichen Ozean entgegenzutreten, wird nobel unterspielt.

Am Ende sieht man die Schwarzweißbilder, die damals original mit einer kleinen 16mm-Filmkamera eingefangen wurden – und fast wird die Größe der Geschichte nicht klar, so selbstverständlich wird sie erzählt. Sie küssen nicht einmal den Boden, als sie nach 101 Tagen endlich angekommen waren…

Übrigens – mit „Fatu Hiva“ und „Kon Tiki“ (alles wunderbare Bücher) war Heyerdahls immerwährende Faszination durch die Südsee noch nicht gestillt: Eines seiner größten Abenteuer stand noch bevor – er nannte es „Aku Aku“, und es war seine Erforschung der magischen Osterinsel… Vielleicht machen die Norweger eines Tages auch daraus einen Film!!!

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken