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Klaus Zehelein, Unerhörte Augenblicke, Autobiographie. Herausgegeben von Günther Heeg. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2025, 299 Seiten

23.02.2026 | Reflexionen

Klaus Zehelein, Unerhörte Augenblicke, Autobiographie. Herausgegeben von Günther Heeg. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2025, 299 Seiten

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Klaus Zehelein, so kann man sagen, brachte im deutschsprachigen Raum den Anschub für das moderne Musiktheater seit dem Ende der 1970er Jahren. An der Oper Frankfurt wirkte er als  Operndramaturg und stellvertretender Operndirektor zusammen mit dem Generalmusikdirektor  Michael Gielen.Er hatte in den 60er Jahren an der Frankfurter Goethe-Universität Philosophie bei Theodor W.Adorno studiert und in Seminaren über dessen „Philosophie der Neuen Musik“ gearbeitet. Nach Zwischenstationen in Kiel (Dramaturg am Theater) und Oldenburg (Chefdramaturg am Staatstheater), in der er sich in der ‚Provinz‘ noch eher ruhig in Oper und Schauspiel einarbeiten und natürlich auch die politische Entwicklung (Ende der Studierendenbewegung und das Ende der Rote Armee Fraktion) kritisch beobachten konnte, war Frankfurt dann sein erster grosser Wirkungskreis für seine Ambitionen in Bezug auf die  Opernarbeit, die sich nach dem Nationalsozialismus in den 50er und 60er Jahren ja nicht gross verändert hatte.

Wesentlich für die Frankfurter Opernarbeit wurde,dass nicht mehr Inszenierungen in möglichst kurzer Zeit ‚herausgeschleudert‘ wurden, und auch die dramaturgische Arbeit sich nicht nur auf das Herausgeben von Programmheften und einer Einführungsveranstaltung beschränkte.In der politisch liberalen Ära unter dem Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann,1970-90, wurde es möglich, diese Ideen bis zu einem gewissen Grad umzusetzen.Natürlich war ein Schwerpunkt die Aufführung zeitgenössischer Opern,so z.B. „Die Soldaten“ von B.A.Zimmermann,die erst 1965 in Köln unter Michael Gielen uraufgeführt wurde, die dann auch in Frankfurt herausgebracht wurde.Aber in der Herangehensweise gab es keine Unterschiede mehr zwischen modernen und älteren Opern.Alle wurden mit der gleichen Ernsthaftigkeit, die letzteren natürlich auch besonders auf ihre Wirkungsgeschichte, befragt. In Frankfurt wurde seit 1979 „Die Gezeichneten“ (UA 1918) von Franz Schreker gespielt, „eine der schönsten Inszenierungen von Hans Neuenfels“ (Klaus Zehelein, S.104), der Regisseur, der neben Ruth Berghaus (‚Ring des Nibelungen‘) und Jürgen Flimm zu den bevorzugten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in diesen Teams zählte.Neben den Erfolgen gab es aber auch Kämpfe, u.a. mit alteingesessenen Abonent:innen oder zu Beginn auch mit dem Orchester. Neben den ‚Gezeichneten‘ werden noch „Al gran sole carico d’amore“, eigentlich ein ‚Lehrgedicht‘ über gescheiterte Revolutionen,von Luigi Nono, „Aida“ von Verdi, für die damalige Zeit schon gegen den Strich gebürstet und unter Dirigent Gielen auch einmal eher entschlackt zur Dispostion gestellt.Diese drei Opern werden von Zehelein als „Nichtbeispiele“ dieser Frankfurter Ära angeführt.

MODELL OPER STUTTGART – 15 SPIELZEITEN ALS OPERNINTENDANT 1991 BIS 2006

Nach dem Ende der Frankfurter Opernära verbrachte Klaus Zehelein eine „vagabundierende Dramaturgen-Existenz“ von 1987 bis 1991, die er aber auch als „Eingebundensein“ bezeichnet.In Stuttgart wurde er vom damaligen Generalintendanten Gönnenwein berufen und fand die Staatsoper verschuldet und in relativ desolatem Zustand vor.Nachdem er mit dem geschäftsführenden Intendanten Tränkle die 10 Mio Schulden in seiner 1. Spielzeit abgebaut hatte,baute er mit Jossi Wieler,Sergio Morabito (Dramaturgen), seiner stellvertretenden Intendantin Pamela Rosenberg, die später die Francisco Opera leitete und durch die Dramaturgin Juliane Votteler ersetzt wurde,sowie dem Dirigenten und Stuttgarts GMD Lothar Zagrosek ein sehr erfolgreiches Leitungsteam auf,das durch seine effektive Arbeit der Stuttgarter Oper während Zeheleins Intendanz sechs Mal den Titel „Opernhaus des Jahres“ seitens der Journalist:innen der Fachzeitschrift ‚Opernwelt‘ einbrachte.Zum Team gehörte aber auch der Kommunikationsdirektor Thomas Koch,der sich nicht als Manager,sondern als gut venetzter Vermittler für das Leitungsteam begriff. Dadurch wurde auch die eigentliche Dramaturgie entlastet,die durch Einstellung dreier Komponisten eine musikalische Komponente erhielt.(Es galt ja auch, versiert zeitgenössische Partituren zu lesen.) Wichtig für die Leitung war auch eine ‚Gesamdramaturgie‘ des Hauses in dem Sinn,dass sich der Intendant auch um das ‚Vorderhaus‘ kümmert, sich mit den Beschäftigten an der Kasse und den für das Abonnement Verantwortlichen regelmäßig trifft. Und die Entscheidung,vom Einkauf wechselnder Gesangsstars abzusehen,musste von allen,die mit dem Publikum in Kontakt kamen, vertreten werden. ‚Ensemble vor Gastbetrieb‘ wurde das Motto. Das aber auch mit einem klaren Bekenntnis zum Repertoirebetrieb,der ja in dieser Zeit gar nicht mehr so selbstverständlich war.

In dem Unterkapitel ‚Sieben aus Einhundertfünfzehn‘ stellt Zehlein wichtige Inszenierungen vor, „die für das Haus stehen und die mir am Herzen liegen“.

Luigi Nono „Intolleranza 1960“,Spielzeit 1992/93: Nono war in Stuttgart unbekannt, der Zeitgeist hielt es mehr mit ‚Postmodernen‘, wie John Adams (‚Nixon in China‘) oder Philip Glass: ‚Satyagraha‘, ‚Echnaton‘, ‚Einstein on the beach‘. Nono war aber vom Team gewollt und benötigte ein Jahr Vorlaufszeit.Er war von den Rundfunkanstalten als Kommunist zuvor jahrelang boykottiert.Es gelang aber, auch durch die Inszenierung von Christof Nel und mit der Bühne von Alfred Hrdlicka,das Vorurteil vom doktrinären Kommunisten abzuräumen.Es werden Geschichten von Linken erzählt,aber nicht deren Erfolg. „Nonos Azione scenica hält dieses Bild fest in den Zeitschichten von Text und Musik,die die Gegenwart durchziehen.“(S.191)  „Auch die Gesangsprotaginist:innen David Rampy als Flüchtling,Ursula Kostut als Gefährtin und Kathrin Harris als Frau, das Dirigat von Bernhard Kontarsky,das Orchester und der überragende Chor der Stuttgarter Staatsoper,der zum ersten Mal in der Aufführungspraxis des Werks auf der Bühne live die Partitur realisierte, sie hatten alle zusammen ein zuvor unbekanntes exemplarische Werk der Moderne zu einer festen, in 29 Aufführungen nachgefragten Grösse des Repertoires gemacht. Die Auslastung betrug 83% von 1400 Zuschauern.Über 30 000 Zuschauer haben die Stuttgarter „Intolleranza 1960″ gesehen.“ (Der Rezensent war einer davon und kann es bestätigen.)

Eine weitere exemplarische Oper war G.F.Händels „Alcina“, Spielzeit 1997/98.In Stuttgart kam es zu einer historisch informierten Aufführung in der ‚Spiegelregie‘ von Jossi Wieler und Sergio Morabito, und im Bühnenbild von Anna Viebrock.Ein internationales Ereignis und einer der größten Erfolge der Ära Zehelein.

In der ‚Entführung aus dem Serail‘ von Mozart, Spielzeit 1997/98 bestand Hans Neuenfels als Regisseur darauf,die Hauptfiguren der Oper ausser den Bassa Selim,der sowieso eine Sprechrolle ist, mit SchauspielerInnen doppelt zu besetzen,um den gesamten Subtext der Oper einmal besser zum Ausdruck zu bringen. Ähnliches gilt auch für ‚Fidelio‘, Spielzeit 97/98, wo in der Regie von Martin Kusej das Verhältnis Marzelline -Jaquino -Leonore unter die Lupe genommen wird,und Pizarro in einem Akt der Rache Florestan später die Kehle durchschneidet. Danach wird die Bühne schwarz. Das Ende wird dann als Oratorium unter dem Dirigent M.Gielen gegeben.

Die weiteren exemplarischen Operproduktionen stellen für Zehelein A.Schönbergs „Moses und Aron“, 2002/03, Hans Zender: „Don Quijote de la Mancha“ 1993/94 und Helmut Lachenmann: „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“,2001/02, dar.

DER STUTTGARTER „RING“, SPIELZEITEN 1998/99 UND 1999/2000

Auch nach seinen Erfahrungen mit dem Frankfurter Gielen-Berghaus-Ring, obwohl er  letzten Endes erfolgreich war, liess Zehelein zu der Meinung kommen, dass an der Schwelle zum 3.Jahrtausend ein Ring mit der Gesamtvision in einer ‚einheitlichen‘ Regie immer schwieriger würde und eigentlich nur noch eine Fiktion darstelle, die angesichts des Scheiterns der Wotan’schen Idee oft gar nicht mehr zustande gebracht werden konnte.Es scheiterten ja auch einige Ringe mit Einzelregisseuren zu dieser Zeit.Der Pariser Ring 1976 mit zwei Regisseuren, Peter Stein und Michael Grüber, wurde andererseits nach Walküre beendigt, als der Dirigent Georg Solti, der nur zu den Endproben kam, am Ende von Rheingold das Ensemble bereits aufforderte, nur noch an der Rampe zu singen. So etwas konnte in Stuttgart mit dem GMD Lothar Zagrosek, der als Dirigent in das Konzept der Tetralogie mit vier verschiedenen Regisseuren, Joachim Schlömer (Rheingold), Christof Nel (Walküre), Jossi Wieler/Sergio Morabito (Siegfried) und Peter Konwitschny (Götterdämmerung) eingebunden war, nicht passieren.

Unter „Laboratorien der Vermittlung“ zählt Zehelein diese auf: Die „Junge Oper Stuttgart“ wurde erstmals in seiner Intendanzzeit gegründet und besteht bis heute fort. Ähnliche Institutionen wurden mittlerweile an vielen Opernhäusern institutionalisiert. Es geht  darum, dass jüngere Menschen eigenständig Opern creieren bzw Jugendopern.von KompononistInnen aufgeführt werden, auch mithilfe von Studierenden der  Musikhochschulen. Weiters begründete Zehelein in Stuttgart ein „Forum Neues Musiktheater“, wozu auch eine eigene Spielstätte in einem alten Römerkastell, später mal Dragoner- Reiterkaserne, bespielt werden konnte.

 Massstäblich war hier auch der Werkstattgedanke, und es entstand z.B. ein „Infinito Nero“,eine ‚Projektbeschreibung’/2004 des italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino, unter der Leitung von J.Schlömer und dem Sopran Sarah Maria Sun, eine hier öfter auftretende Sängerin. Dann  Lucia Ronchettis Tragödie in einem Akt „Last Desire“/2004. Weiters „fremd“, ein Medea-Projekt von Hans Thomalla.Begleitet wurden diese Veranstaltunsformate von Workshops und Ateliers. Klaus Zehelein sah in ihnen Orte konkreter Uropie.

Nach dem Ende seiner Intendanz in Stuttgart ging Zehelein nach München,wo er von 2006 bis 2014 die Bayrische Theaterakademie leitete. Diese fand er als Service und Raumbeschaffer für die Bayrische Staatsoper vor.Mit den Studenten änderte er das in allen Ausbildungsteilen für das  Musiktheater und konnte damit auch seine immense Erfahrung im Bereich der Dramaturgie und als Intendant weitergeben. Von 2003 bis 2016 war er zudem noch Präsident des Deutschen Bühnenvereins.

Als er 2014 bei der Bayrischen Theater- Akademie August Everding verabschiedet wurde, führten die Studierenden der Dramaturgie eine Sprechkantate für ihn auf, deren Refrain aus einem schlichten Vierzeiler bestand: „Ja, da hat der Klaus mal wieder recht gehabt“ (3x wiederholt) Darin sprach sich natürlich auch eine gewisse Ironie aus, aber Zehelein konnte es als immense Anerkennung seiner Arbeit werten.

Friedeon Rosen

 

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