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INSIDE WIKILEAKS – DIE FÜNFTE GEWALT

28.10.2013 | FILM/TV

FilmPlakat Wikileaks

Ab 1. November 2013 in den österreichischen Kinos
INSIDE WIKILEAKS – DIE FÜNFTE GEWALT
The Fifth Estate  /  USA  /  2013
Regie: Bill Condon
Mit: Benedict Cumberbatch, Daniel Brühl, Moritz Bleibtreu, Stanley Tucci, Laura Linney u.a.

Julian Assange, der Echte, jener, der in London in der Ecuardorianischen Botschaft sitzt und vielleicht nie wieder herauskommt, beschwert sich. Eigentlich begreiflich, denn wirklich gut kommt er in dem über ihn gedrehten Film nicht heraus. Ist dieser doch nach den Memoiren eines seiner Mitstreiter – Daniel Domscheit-Berg – gemacht worden, den er nach gemeinsamen Schlachten um Wikileaks gefeuert hat. Da herrscht dann nicht mehr die große Übereinkunft, wie die Dinge eigentlich waren…

Für den Kinobesucher ist das uninteressant. Er weiß zwar, dass dieser Film auf einer sehr wahren Begebenheit beruht, deren Zeuge er als Zeitungsleser, Fernsehzuschauer oder auch Wikileaks-Benutzer selbst wurde. Doch wer nicht eigene Hacker-Qualitäten besitzt, wird die computertechnischen Feinheiten der Geschichte sowieso nicht begreifen. Nimmt man es aber als den Kampf von zwei Männern, eine „Big Brother“-Welt (in der wir alle längst stecken) transparent zu machen, dann ist es schlechtweg eine unglaublich spannende Story.

Computerfreaks erkennen einander und laufen einander früher oder später über den Weg, und sei es nur virtuell: Da kann man ja bekanntlich in alle Identitäten schlüpfen. Der Australier Julian Assange und der Deutsche Daniel Domscheit-Berg trafen sich 2007 und teilten den Wunsch, die Skandale dieser Welt  aufzudecken. Das Prinzip ihrer dazu gegründeten Wikileaks-Website, die nicht nur die Amerikaner wahnsinnig machte, bestand im Zusammenholen von Geheimnissen, die von Leuten verraten wurden, die Ungerechtigkeit nicht mehr aushielten und für ihren Verrat, den sie nicht als solchen empfanden, ausreichend geschützt werden wollten. Das gelang Assagne, mit Hilfe von Domscheit-Berg, lange Jahre, bis seine Provokation der Mächtigen zu groß wurde und er schließlich ins Exil gejagt wurde. (Wobei es noch besser sein mag, in London in einer Botschaft zu sitzen, als in Moskau, wo „Kollege“ Edward Snowden seine vermutlich letzte Station erreicht hat…)

Entscheidend für die Glaubwürdigkeit des von Bill Condon rasant inszenierten Films, der die Darsteller brillant führt, ist natürlich die Besetzung: Wenn man Benedict Cumberbatch sieht, denkt man nicht automatisch „Hallo, Sherlock Holmes“, so anders ist er als Assagne, nicht zuletzt dank der langen weißen Haare (die sich der originale Assagne, wie man erfährt, sorgfältig färbt – wohl, um sich interessant zu machen). Cumberbatch spielt das Genie recht affektiert, was möglicherweise der Wirklichkeit nahe ist, aber natürlich als Faszinosum für Freund und Feind.

Wikileaks beide~1

Als Freund zuerst, Feind später hat Daniel Brühl wieder eine große Rolle, und auch er ist ein erstaunlicher Verwandler: War er doch eben so überzeugend der trocken-humorlose Niki Lauda, gibt er nun den beflissenen deutschen Technokraten, der die längste Zeit nicht anderes will als dienend dem bewunderten Assagne hinterher zu rennen – bis dessen Fassade bröckelt, Eitelkeit als herausragende Triebfeder erscheint, die angebliche große moralische Verpflichtung durchaus gebogen wird, um Assagnes Interessen zu dienen… Schon klar, dass er sich so nicht unbedingt auf der Leinwand sehen möchte.

Moritz Bleibtreu kommt auf deutscher Seite als Computergenie Marcus hinzu, als US-Politiker knirschen Laura Linney und Stanley Tucci mit den Zähnen über den Mann, den sie nicht fassen können, Carice van Houten spielt die isländische Politikerin Birgitta Jonsdottir, die sich für Assagne stark machte, als er schon sehr viele Feinde hatte. Mal abgesehen von einer durchaus spannenden Story wird der moralische Impakt des Themenkomplexes immer mehr als nur angetippt. Aber in welcher Richtung man auch darüber nachdenkt, man kommt eigentlich nicht weiter. Das „Netz“, dieses www. mit all seinen Problem, scheint schon nicht mehr zu entwirren zu sein…

Renate Wagner

 

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