INFOS DES TAGES (SONNTAG, 14. JUNI 2026)
Wiener Staatsoper: Heute wird der Bechtolf-Ring mit „Götterdämmerung“ zu Grabe getragen (oder hoffentlich bloß „eingemottet“). Erinnerung von Dr. Ulrike Messer-Krol an einige „Ring“-Vorstellungen und Kurzbericht über die letzte „Siegfried“-Vorstellung
Wiener Staatsoper 10. Jun 2026: SIEGFRIED. Der 32 . und LETZTE in dieser Inszenierung

Programmzettel von drei „Siegfried-Vorstellungen. Foto: Erwin Messer
Vor rund 18 Jahre, zwischen Ostern – damals sehr früh – und Pfingsten, rund um den 1. Mai hob sich am Sonntag, 27.April 2008 , sicher ganz pünktlich um 17h in der Wiener Staatsoper der Vorhang zu SIEGFRIED, 2. Tag des Bühnenfestspieles RING DES NIBELUNGEN . Eine Neuinszenierung von Sven-Eric Bechtolf, dirigiert von Franz Welser-Möst. Ein junger damals 46 Jahre alter Tenor, Stephen Gould trieb in Glittenbergscher Szenerie und Glittenbergscher Gewandung keinen Bären über die Bühne , sondern erschreckte nur mit einem großen Schatten Herwig Pecoraro als Mime. Wer in weiser Vorausplanung für den 10. Juni 2026 in der Staatsoper – nach fast zwei Jahrzehnten – eine Karte für die Abschiedsvorstellung erstanden hatte, konnte beruhigt feststellen : die Wände wackeln nicht, Mimes grell bunter Schlafrock ist nicht stärker zerschlissen als früher, das Geschirr auf dem Herd glänzt noch immer wie neu , das erlegte Wild, ein Hase ist schon ein bisschen länger tot , lag im Fundus gut vor den Motten geschützt.
Die Besetzung hat im Laufe der Jahre immer wieder gewechselt. Was im Fall des Titelhelden vieler weiteren Vorstellungen vor drei Jahren zu großer Trauer in der gesamten Opernwelt geführt hat, als der in der Zwischenzeit zum Österreichischen Kammersänger gekürte Heldentenor aus Roanoke in Virginia /USA ganz überraschend einer bösen Krankheit erlag. 22 Mal hat Stephen Gould auf dieser Bühne den Jung-Siegfried unter großem Applaus des nationalen und internationalen Publikums gestaltet, seine Schmiedelieder klingen allen, die ihn immer wieder mit großer Begeisterung gehört haben, noch im Ohr.

Siegfried in Wien 22 Aufführungen, Götterdämmerung 18!. Stephen Gould und Nina Stemme. Foto Christine Sommer
Die Stars, die mit ihm den Weg des Helden gingen, eroberten einen sicheren Platz im Wagner-Kosmos. Bei der ersten Aufführung waren es Nina Stemme, die das Licht der Sonne begrüßte und der Finne Juha Uusitalo , der als Wanderer den Weg zu ihr erfolglos versperrte .Bei der Premiere von Walküre – noch als Wotan, verließ den Gott vor dem 3. Akt seine Stimmkraft. Direktor Joan Holender holte, so erzählt es die Mär, direkt von einem Wiener Würstelstand den deutschen Bariton Oskar Hillebrandt für die finale große Schlußszene ins Haus . Das Kostüm passte nicht, aber der Beginn des RING-Zyklus war gerettet. Der Opernchef hatte diesen nämlich, sich auf frühere Vorbilder berufend, mit dem 1. Tag des Bühnenfestspiels programmiert, das Vorspiel Rheingold stand dann einerseits am Schluß aber auch am Beginn eines neuen Zyklus. Das hatte den ökonomischen Vorteil, dass der beliebteste Teil der Tetralogie zum Start öfter programmiert werden konnte, ohne gleich den großen Apparat für einen gesamten Zyklus in Bewegung setzten zu müssen. Sein Nachfolger Dominique Meyer hielt nach seiner Verabschiedung einen Vortrag zum Thema „Richard Wagner an der Wiener Staatsoper „, eingeladen vom Cercle Richard Wagner Rive droite in Nizza. Auf eine Bemerkung aus österreichischem Munde zur Publikumsakzeptanz der Wiener Inszenierung antwortete er lakonisch , sie habe ihre Qualität und ließe sich ohne Probleme jährlich in den Jahresspielplan integrieren, ohne das Haus wie es in anderen Städten notwendig ist, für ein halbes Jahr lahmzulegen. So konnte sich in Wien das Publikum fast jedes Jahr über einen , manchmal sogar zwei Ring-Zyklen freuen. – oder ärgern . Das Rheingold brachte es auf 27 Aufführungen, Siegried auf 32, Götterdämmerung auf 31und alle übertrifft Die Walküre mit 37 Abenden. Wird der Ring im Durchschnitt mit einer Länge von 16 Stunden gerechnet, so waren es 2032 Stunden Musik, die aus dem Graben der Wiener Staatsoper ertönten. An den großen US-amerikanischen Opernhäusern z.B. gibt es solche Vorstellungen nur alle „Wagner-heiligen“ Zeiten , 2013 zum 200. Geburtstag des Meisters zum Beispiel.
Höhepunkte, je nach Vorliebe des Publikums, waren unter vielen anderen das Dirigat von Christian Thielemann oder Peter Schneider, Franz Welser-Möst leitete einmal das Staatsopernorchester bei so hohen Temperaturen, dass die Musiker in weißen Hemden spielte und er auf die Frage nach seinem Befinden am Bühnenausgang antwortete, an solchen Abenden nehme er drei bis vier Kilo ab.
Der Reigen der Stars unter den Protagonisten auf der Bühne füllt viele Einträge in Wikipedia, nur einer wurde immer wieder schmerzlich vermisst, Bryn Terfel als Wotan. Einer anderen Mär aus der Direktion Meyer zufolge stellte er zu hohe Gagenansprüche, und als er endlich gleich für zwei Zyklen engagiert war, sagte er ab, es war für seine Stimme wohl zu spät.

Schluss Applaus Siegfried 30.Mai 2026. Foto Ingrid Fiala
Der Wagnertenor aus Österreich, Andreas Schager, hat seine Siegfried-Karriere nicht in Wien gestartet, sondern in Mailand und Berlin. Dafür war er auserwählt, die beiden letzten Abende in dieser Inszenierung zu gestalten. Sein Siegfried am ersten Abend erhielt die besten Kritiken seit langem, der Applaus wollte nicht enden. Alle, die dabei waren, lobten begeistert und steigerten die Erwartungshaltung bei denen, die Karten für den „letzten“ Siegfried hatten. Aber leider, eine Höchstleistung ist nicht jeden Tag abrufbar, nach den Schmiedeliedern bangte das Publikum um den Fortgang des Abends, der aber mit Bravour durchgezogen wurde. Michael Volle und Camilla Nylund als Brünnhilde hielten das Niveau wie erhofft hoch. Wobei am Beginn des dritten Aktes der Wanderer überraschend auf die schon bei der Premiere , in der zweiten Vorstellung am Tag der Arbeit besonders irritierenden Erdarbeiten verzichtete. Er kletterte – etwas mühsam- aus der Grube , wobei er die Schaufel, mit der er Erda üblicher Weise den Weg aus der Tiefe freischaufeln musste, rasch beiseite legte . Auch nach 18 Jahren gab es Neues zu sehen.
Überraschen ähnlich klingt auch die Kritik nach der Wiener Erstaufführung, als hätte der Kritikerstar am Ende des 19.Jahrhunderts die Mühen des Startenors zu Beginn des 21. Jahrhunderts vorausgesehen: Anlässlich der Premiere des „Siegfried“ am 9. November 1878 schreibt Eduard Hanslick: „Von den Gesangspartien ist Siegfried die wichtigste, zugleich die anstrengendste Tenorpartie, die je geschrieben wurde. Herr Jäger führte sie in Gesang und Spiel sehr glücklich durch. Durch seine hohe schlanke Gestalt dafür wie geschaffen, versteht er überdies, frei und natürlich zu agieren. Seine Stimme hat wenig Reiz und ist bereits etwas angegriffen, wahrscheinlich infolge des vielen Siegfried-Singens. Desto rühmlicher wirkt Herr Jäger durch Energie des Vortrages und Deutlichkeit der Aussprache.“ Sehr zu hoffen, dass es für den derzeit auf allen Wagnerbühnen erfolgreichen Sänger nur eine vorübergehende Schwäche war.
Wenn auch dem Mimen die Nachwelt keine Kränze flicht, die großen Namen der Opernwelt bleiben zumindest den Wissenden im Gedächtnis . Mit zunehmend moderneren Tonträgern kann es immer wieder neu aufgefrischt werden . Von den ersten Aufführungen gibt es Fotos und Zeitungsberichte. Am 9. November 1878 ertönte Richard Wagners Opus Magnum zum ersten Mal an der Wiener Hofoper mit Amalie-Materna–Friedrich als Brünnhilde und Ferdinand Jäger als Siegfried wie schon bei der Uraufführung zwei Jahre zuvor in Bayreuth. Es folgten in Wien 5 Neuinszenierungen, die bisher letzte erlebt am Sonntag, 14. Juni 2026 mit der Götterdämmerung nicht nur den Dritten sondern auch den letzten Tag dieser Inszenierung. Zwei Direktoren hat sie überlebt . Der dritte, Bogdan Roscic , plant mutig für das ungebrochene Interesse aller Wagner-Begeisterten und für seinen Platz in den Archiven eine neue für 2028. Dann gilt es das 150 Jahr Jubiläum in Wien zu feiern, das bereits diesen Sommer in Bayreuth ganz auf dem Stand neuester Technik mit einer KI Produktion stattfindet. Die Salzburger Osterfestspiele waren beim Gedenken an die Uraufführung der gesamten Tetralogie 1876 die ersten und schickten mit den Berliner Philharmonikern unter der Stabführung von Kirill Petrenko ein neues Rheingold ins Rennen.
In der österreichischen Kultur-Hauptstadt war trotz Sommerwetter bei Hitze und Regen der Andrang des Publikums an allen Tagen enorm . Unter den Touristen einige, die ihren erstenerlebten, unter den „Einheimischen“ viele, die Abschied feiern wollten . Darunter nicht wenige, die mit großem Bangen die Neuinszenierung erwarten und gemeinsam mit den Nornen fragen: weißt du was daraus wird ?
Ulrike Messer-Krol
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OPER FRANKFURT: Fotos aus der Premiere Der Triumph von Zeit und Erkenntnis von Georg Friedrich Händel

Monika Buczkowska-Ward (Bellezza) sowie im Hintergrund v.l.n.r. Michael Porter (Tempo), Katharina Magiera (Disinganno) und Younji Yi (Piacere). Foto: Monika Rittershaus
Georg Friedrich Händel:
Der Triumph von Zeit und Erkenntnis
Premiere 13.6.2026/ Frankfurter Erstaufführung im Bockenheimer Depot
Weitere Termine: 15./17./18./20./22./24.Juni 2026
Muss der Mensch seine Eitelkeiten überwinden, um Selbsterkenntnis zu erlangen? Und liegt der Schlüssel zum Glück tatsächlich in der Akzeptanz unserer eigenen Endlichkeit?
Mit brillanten Improvisationen auf der Orgel machte sich der 22-jährige Händel seit Januar 1707 in der Kulturszene Roms einen Namen und gewann gut betuchte Freunde. Einer von ihnen war Kardinal Benedetto Pamphilj. Dieser lieferte dem Komponisten nicht nur die Gelegenheit und finanziellen Mittel, sondern auch gleich den Text zu jenem musikalischen Streitgespräch zwischen der Schönheit, dem Vergnügen, der Erkenntnis und der Zeit. Die Schönheit muss sich entscheiden: Soll sie sich dem Vergnügen ganz verschreiben oder auf die Ermahnungen von Zeit und Erkenntnis hören und die Gedanken an ihre eigene Endlichkeit zulassen?
Musikalische Leitung: Simone Di Felice
Inszenierung: Katharina Kastening
Bühnenbild, Kostüme: Ashley Martin-Davis
Video: Tal Rosner
Licht: Jan Hartmann
Dramaturgie: Mareike Wink

: Younji Yi (Piacere). Foto: Monika Rittershaus
Bellezza: Monika Buczkowska-Ward
Piacere: Younji Yi
Disinganno: Katharina Magiera
Tempo: Michael Porter
Statisterie der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Mit freundlicher Unterstützung des Frankfurter Patronatsvereins – Sektion Oper

Michael Porter (Tempo) und Monika Buczkowska-Ward (Bellezza). Foto: Monikaq Rittershaus

Michael Porter (Tempo). Foto: Monika Rittershaus
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Münchner Opernfestspiele 2026 (18.6.–31.7.2026)

Nach dem großen Jubiläum im Jahr 2025 – 150 Jahre zuvor wurde mit dem sogenannten „Festlichen Sommer“ der Grundstein für die heutigen Münchner Opernfestspiele gelegt – wird auch 2026 wieder die ganze Fülle von Musiktheater, Ballett und Konzert zu erleben sein. Der Bogen wird dabei weit gespannt: von Barock – mit Georg Friedrich Händels Alcina als Festspielpremiere im Prinzregententheater – über Opernklassiker aus dem 19. Jahrhundert bis hin zum zeitgenössischen Musiktheater. Mit Brett Deans Of One Blood – ein Auftragswerk der Bayerischen Staatsoper – kehrt die Uraufführungsproduktion der aktuellen Spielzeit erneut ins Nationaltheater zurück. Mit der Premiere von Richard Wagners Die Walküre setzen Tobias Kratzer und Vladimir Jurowski nach der umjubelten Rheingold-Inszenierung ihre Zusammenarbeit am neuen Münchner Ring des Nibelungen fort. Die Ballettpremiere Konstellationen präsentiert klassische und zeitgenössische Ballette, und in unseren Liederabenden und Kammerkonzerten bietet sich die Möglichkeit, Musik im intimeren Rahmen zu erleben.
Die WALKÜRE

Erster Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen (1870) | Premiere am 25. Juni 2026
Komponist Richard Wagner. Dichtung von Richard Wagner.
AlCINA
Dramma per musica in drei Akten (1735) | Premiere am 13. Juli 2026
Komponist Georg Friedrich Händel. Libretto von einem unbekannten Bearbeiter nach dem Libretto von Antonio Fanzaglia zu der Oper L’isola di Alcina von Riccardo Broschi, basierend auf dem 6. und 7. Gesang aus dem Epos
Deutsche Oper am Rhein: Premiere von Astor Piazzollas María de Buenos Aires im Theater Duisburg am Samstag, 4. Juli, um 19.30 Uhr

Astor Piazzollas Tango Operita „María de Buenos Aires“ in der Regie von Johannes Erath mit Andreas Andrés Sautel (Tango Argentino), Morenike Fadayomi (Der Schatten Marías), Maria Kataeva (María) und dem Chor der Deutschen Oper am Rhein (FOTO: Andreas Etter).
Sein einziges Werk für die Opernbühne bezeichnete Astor Piazzolla als Tango Operita – eine kleine Tango-Oper – und schuf mit „María de Buenos Aires“ einen vielschichtigen Genrespringer zwischen Orchester-, Gitarren- und Bandonéonklang, Gesang und Sprechgesang und natürlich dem Tangotanz. Regisseur Johannes Erath fügt die surrealen Tableaus über Lieben und Leiden zu einem atmosphärischen Bilderreigen zusammen und bringt sie mit einem herausragenden Ensemble aus Solist*innen der Deutschen Oper am Rhein, einem argentinischen Gastsänger als Erzähler und Tangotänzer*innen aus Argentinien, dem Opernchor, den Duisburger Philharmoniker sowie einem Gitarristen und einer Bandonéonspielerin unter der musikalischen Leitung von Mariano Chiacchiarini auf die Bühne. Am Samstag, 4. Juli, um 19.30 Uhr ist Premiere im Theater Duisburg.
Der Begründer des Tango Nuevo, Astor Piazzolla, schuf mit seiner abgründigen Passionsgeschichte der María eine Hommage an den Tango, der in den heruntergekommenen Hafenvierteln von Buenos Aires entstanden war. Ihr Glück in der Großstadt Buenos Aires suchend, wird María – ihr Leben rückwärts abschreitend vom Vergessen zur Geburt – sterbend zur mythischen Gestalt. Jazz, Toccata und Fuge sind weitere Ingredienzen in Piazzollas Klangerzählung zwischen Lebensfreude und Melancholie. Regisseur Johannes Erath inszeniert dieses intensive und äußerst atmosphärische Bühnenwerk mit einem herausragenden Ensemble: In der selbst für eine Mezzosopranistin ungewöhnlich tief angelegten Titelpartie entfaltet Maria Kataeva ganz neue Facetten ihrer Stimme, an ihrer Seite zeigt sich Bariton Jorge Espino in verschiedenen Rollen und großer sängerischer Varianz, Morenike Fadayomi bringt mit ihrem warmen Sopran den Schatten Marías zum Leuchten. Mit Alejandro Guyot als El Duende, Carmela Delgado am Bandonéon, Ilija Tošić an der Gitarre sowie Mariano Agustín Messad, Andrés Sautel und Agostina Tarchini, der Weltmeisterin des Bühnentangos 2017, die auch den umfangreichen choreographischen Part des Stücks entwickelt hat, stehen zudem herausragende Vertreterinnen und Vertreter der zeitgenössischen Tangoszene auf der Bühne. Nach überaus erfolgreichen Vorstellungen in Düsseldorf hat der italienisch-argentinische Dirigent Mariano Chiacchiarini auch in Duisburg die musikalische Leitung inne.
Noch mehr Infos finden Sie hier .
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Ein Liederzyklus ist eigentlich ein ganzes Komponistenleben: Ein Gespräch mit der Schweizer Sopranistin Rebekka Susanne Bräm über ihr CD-Debut bei ARS-Produktion

foto (c) Rebekka Susanne Bräm
Drei Komponisten, drei Liederzyklen, ein Album: Die Schweizer Sopranistin Rebekka Susanne Bräm hat bei ARS Produktion ihre erste Solo-CD aufgenommen. Das Programm – Wagners Wesendonck-Lieder, Dvořáks Zigeunermelodien und die Vier Lieder op. 27 von Richard Strauss – hat sie selbst konzipiert. Beim Einstudieren der drei Zyklen entdeckte sie musikhistorische Verbindungslinien, die weit über ein zufälliges Nebeneinander hinausgehen: Von Wagners Zürcher Zeit über den Einfluss auf Smetana und Dvořák bis zu Strauss‘ Bayreuth-Bezug. Das Album eröffnet mit einem Gedicht, das Bräm selbst geschrieben hat: Vulnerable & Strong – über Musik als Sprache, wo Worte versagten. Im Gespräch erzählte die Künstlerin, welche unbeirrte Arbeit hinter diesem Programm steht, warum ein Liederzyklus mehr fordert als ein gemischtes Recital und was sie bei der Einstudierung über die drei Komponisten überrascht hat.
Frau Bräm, Ihr Album heisst vulnerable & strong und eröffnet mit einem Gedicht, das Sie selbst geschrieben haben. „In der Kindheit viel verschwiegen. In der Musik fand Sprache Freiheit.“ Was erzählt dieses Album?
Es erzählt davon, dass Musik mehr ist als ein schöner Klang. Für mich war Gesang von klein auf die Sprache, in der ich mich wirklich ausdrücken konnte – wo Emotionen Platz hatten, die sonst keinen Raum fanden. „Ich singe, also bin ich“ – das ist nicht pathetisch gemeint, das ist wörtlich so. Ich habe mich jeden Abend in den Schlaf gesungen als Kind. Musik war mir immer alles. Diese drei Liederzyklen erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Freiheit und Gefangenschaft, von Schmerz und Erlösung. Jeder auf seine eigene Art, aber alle mit einer Intensität, die man nur erreicht, wenn man sich als Interpretin ganz hineinfallen lässt.

foto (c) Rebekka Susanne Bräm
Wie ist dieses Programm entstanden – Wagner, Dvořák und Strauss auf einer CD?
Das hat sich eigentlich ganz natürlich ergeben. Nach meinem konzertanten Debüt mit der Elsa 2017 war ich neugierig auf Wagners Wesendonck-Lieder – ich wollte auf diesem Wagner-Weg bleiben. Meine damalige Pianistin hat mir dann die Zigeunermelodien von Dvořák vorgeschlagen, passend für meine Stimme. Ich war sofort begeistert, als ich die Lieder durchging – ich habe einfach eine besondere Vorliebe für östliche und nationaltraditionelle Musik. Aber dann dachte ich: Es braucht noch etwas Drittes. Einen Schmelztiegel, der Wagner und Dvořák thematisch schön verbindet. Und da kamen die Strauss-Lieder. Das hat sich sofort gefügt. Ich wusste: Das ist ein stimmiges Programm.
Es war Ihnen wichtig, drei vollständige Zyklen aufzunehmen – nicht einzelne Lieder bunt gemischt. Warum?
Weil ein Liederzyklus einfach eine ganz andere Qualität hat. Christa Ludwig hat es wunderbar formuliert: Ein Lied ist eine Oper in drei Minuten. Und ein Liederzyklus? Das ist eigentlich ein ganzes Komponistenleben. Da zieht sich über mehrere Lieder eine Geschichte durch, wie Kapitel in einem Buch. Man kann nicht einfach jedes Lied für sich singen – man muss den Zusammenhang schaffen, verstehen, was die Quelle ist, was der Komponist durchlebt hat. Es können viele Sänger hinstehen und ein paar Arien und Lieder hintereinander geben. Aber einen Liederzyklus wirklich gut interpretieren – das kann nicht jeder. Das braucht gesangstechnische Basis, das braucht Professionalität, das braucht Tiefe.
Was haben Sie bei der Arbeit an diesen drei Zyklen über die Zusammenhänge zwischen den Komponisten entdeckt?
Wahnsinnig viel, was ich vorher gar nicht wusste! Das hat mich richtig gepackt. Der zentrale Faden ist: Wagner kam 1849 als Flüchtling nach Zürich und erlebte dort seine künstlerisch wertvollste Zeit – hier entstanden grosse Teile des Ring, die Wesendonck-Lieder, Tristan und Isolde. Smetana galt in Prag als „Wagnerianer“, weil er Wagners revolutionäres Denken in eine neue tschechische Nationalmusik übersetzte. Dvořák spielte unter Smetana im Orchester und war fasziniert – ohne das Wagner-Erlebnis wäre sein Orchester nicht so klangfarbenreich geworden, wie es in der Literatur heisst. Und dann Strauss: Der schrieb die Vier Lieder op. 27 für seine Frau Pauline, nachdem sie als Elisabeth in Bayreuth debütiert hatte – also direkt im Wagner-Kontext. Da spannt sich ein Bogen über den ganzen Kontinent, über Generationen hinweg. Das ist keine willkürliche Zusammenstellung, da verlaufen echte Fäden.
Die Wesendonck-Lieder waren ursprünglich gar nicht im Programm. Wie kamen sie dazu?
Je tiefer ich mich in die Zusammenhänge zwischen den Komponisten einarbeitete, desto klarer wurde mir: Die Wesendonck-Lieder sind nicht nur eine inhaltliche Ergänzung – sie sind der Schlüssel. Plötzlich hatte das Programm eine innere Logik, die vorher noch nicht vollständig da war. Wagners Zürcher Zeit, der Einfluss auf Smetana und Dvořák, der Weg zu Strauss – alles fiel zusammen.
Was fasziniert Sie an den Wesendonck-Liedern so sehr?
Man findet sich in der Arbeit daran immer wieder neu – Wagners Kompositionen sind einfach unersättlich. Der Engel, das erste Lied, ist eines der intimsten Stücke, die ich in der Liedliteratur je kennengelernt habe. Wagner und Mathilde Wesendonck geben da Einblick in ihre tiefste Seele, das ist eine urstarke Offenbarung. Und dann Stehe still! – diese Reflexion darüber, wie ausgeliefert wir dem Lauf des Lebens und unseren eigenen Gefühlen so oft sind. Man möchte den Moment packen, anhalten – und ist machtlos dagegen. Im Treibhaus dehnt die Klanglinie so weit auseinander, dass man den Schmerz der Sehnsucht förmlich spürt. Da steckt so viel drin. Das sind keine Stücke, die man einfach schön vorsingt. Man muss durch diese Stoffe hindurchgehen.
Die Zigeunermelodien von Dvořák hört man im Konzertleben erstaunlich selten. Was reizt Sie daran?
Da kommt vieles zusammen. Ich habe schon in der Jugend wahnsinnig viel getanzt – Ballett, Modern Dance, Flamenco. Mein Bruder war ein Jahr in Ungarn und hat mir eine Platte mit ungarischen Volksliedern geschenkt, richtig so Bauernlieder. Im Gymnasium habe ich eine Arbeit über Fahrende und Freidenker geschrieben und dabei die Verbindungen kennengelernt zwischen Flamenco in Spanien und der Zigeunermusik in Ungarn. Es hat sich wie eine Landkarte über Europa gespannt. Das ist keine isolierte Nationalmusik – da verlaufen Kontexte über Ländergrenzen hinweg.
Was mich an den Zigeunermelodien besonders berührt: Im Vergleich zu den Wesendonck-Liedern, wo es um erotische Liebe auf einer fast metaphysischen Ebene geht, tritt die Liebe hier in etwas ganz anderes ein – sanfter, ruhiger, eingebettet in eine ländlich weite Idylle. Und dann diese gewaltigen Kontraste: Freiheit und Gefangenschaft, Frieden und Unterdrückung. Das siebte Lied, Darf des Falken Schwinge, endet mit einem Ruf im Fortissimo – wie ein Falke, der von seinem Felsen die Freiheit verteidigt. Das geht unter die Haut. Und das ist eine Botschaft, die über jede Zeit hinaus gilt.

foto (c) Rebekka Susanne Bräm
Und Strauss – warum gerade die Vier Lieder op. 27?
Strauss, das ist für mich Weite, Grosszügigkeit und eine gesunde Portion Selbstbewusstsein. Man muss die Alpensinfonie im Ohr haben oder Also sprach Zarathustra – das ist das Temperament von Richard Strauss, und ich liebe es, seine Lieder zu interpretieren, die im gleichen Pathos geschrieben sind. Morgen! – da schaut man wie von einer Klippe auf das weite Meer hinaus, in die Unendlichkeit. Die Ruhe in dieser Komposition hat eine Grösse, die weit in sphärische Stimmung hineinreicht. In allen vier Liedern spielt die Sonne oder die Kraft der Natur eine entscheidende Rolle. Mir war wichtig, dass auch beim Strauss eine Einheit entsteht – kein buntes Potpourri, sondern ein geschlossener Zyklus. Die Strauss-Lieder bieten mit ihrer Mischung aus realitätsnaher Einfachheit und kompositorischer Grösse eine wunderbare Brücke zwischen der intellektuellen Tiefe Wagners und der volksnahen Wärme Dvořáks. Das verbindet alles.
Was schätzen Sie an Ihrer Pianistin Ievgeniia Iermachkova?
Bei Ievgeniia habe ich beim Hineinhören in ihre Interpretationen sofort diesen Dialog gespürt – zwischen ihr und dem Instrument, dem Klavier. Das hat mich total angesprochen. Ihre Interpretationen wirken sehr authentisch und persönlich, sie wird eins mit dem Klavier. Das ist genau das, was diese Liederzyklen brauchen: Man muss sich ganz hineinfallen lassen und sich dem Charakter der Musik hingeben. Dafür ist sie eine ideale Partnerin.
Was mir grundsätzlich wichtig ist: Gesangsstimme und Begleitung müssen eine Einheit sein – sich manchmal in der Aktivität abwechseln, dann ergänzen, unterstützen, in stetigem Dialog miteinander. Alle drei Zyklen sind von starken Stimmungen und Kontrasten geprägt und doch sehr verschiedenartig. Sie verlangen eine Interpretation, die von Verletzlichkeit bis Stärke diverse seelische Farben herausarbeitet, möglichst nah am Text, an der Intention des Komponisten – und trotzdem mit grosser Authentizität.
Was kann diese Musik den Menschen heute sagen?
Ich finde, unsere Zeit geht ganz vieles viel zu oberflächlich an. Aber klassische Musik und diese Lieder sind so viel mehr als ein netter Event am Abend, damit es den Leuten nicht langweilig ist – sondern da steckt wirklich ganz viel über das Leben drin, über unsere Existenz, über Ängste, Sorgen, Freuden. Alles.
Wagner, Dvořák und Strauss – alle drei erzählen von der Natur als Spiegel unserer Seele. Wagner am Vierwaldstättersee, Dvořák an der Moldau, Strauss in den Alpen. Man muss sich klarmachen: Die Wahnsinnseindrücke in Wagners Musik sind durch seine Naturerfahrung am Vierwaldstättersee entstanden. Wenn man dort ein Gewitter erlebt hat, an den Bergen, dann versteht man diese Musik anders. Diese Naturbilder sind nicht dekorativ, sie sind existenziell. Und unsere durchgeplante Agenda-Gesellschaft meidet genau das – dieses Unheimliche, diese Vergänglichkeit, diese Verletzlichkeit. Dabei ist das die Basis für Empathie.
Was ist hier die Rolle des Künstlers?
Die Rolle des Künstlers ist es, die Gesellschaft ein bisschen anzustupsen, über solche Sachen nachzudenken. Wenn der Künstler abgewertet wird und nur noch zu einem gleichgültigen Teil der Gesellschaft gemacht wird, dann verliert nicht nur die Kunst an Wert, sondern auch die Gesellschaft selbst.
Was bedeutet es für Sie, eine Solo-CD aufzunehmen?
Gerade bei einem Solo-Projekt kommt es darauf an, die Hintergründe zu erforschen und zu wissen, was man da singt. Man muss sich in den Komponisten und den Librettisten hineinversetzen – auch wenn man überträgt, was das für unsere Zeit bedeutet, muss man im Ursprung zuerst verstehen. Eine Solo-CD mit drei vollständigen Liederzyklen – das ist ein Statement. Es sagt: Ich bin nicht nur eine Stimme, ich bin eine Interpretin, die sich mit dem Werk auseinandersetzt. Dieses Wissen fliesst in die Interpretation ein.

foto (c) Rebekka Susanne Bräm
Über die Künstlerin
Rebekka Susanne Bräm ist eine freischaffende Schweizer Sopranistin. Sie wuchs in Zürich-Witikon auf und studierte Gesang, Gesangspädagogik und Schulmusik an der Hochschule für Musik Karlsruhe bei KS Christa Lehnert und Stephan Kohlenberg. 2013/14 ergänzte sie ihre Ausbildung mit einem Certificate of Advanced Studies an der Zürcher Hochschule der Künste. Von 2001 bis 2020 wirkte sie am Opernhaus Zürich in rund vierundzwanzig Produktionen unter Dirigenten wie Fabio Luisi, Nikolaus Harnoncourt, Bernard Haitink und Franz Welser-Möst mit. 2017 debütierte sie konzertant als Elsa (Wagner, Lohengrin) und konzentriert sich seither auf das schwere Fach mit Wagner-Repertoire. 2017 besuchte sie den Meisterkurs für Liedinterpretation bei KS Christa Ludwig, 2019 nahm sie am Internationalen Stignani-Wettbewerb Imola für dramatische Solistenstimmen teil. Im Frühjahr 2025 erschien ihr Buch Das Theater mit dem Regietheater – die Oper braucht ihre Würde zurück! Das Album vulnerable & strong bei ARS Produktion ist ihre erste Solo-CD.
Das Interview führte Stefan Pieper
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