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INFOS DES TAGES (SAMSTAG, 3. JÄNNER 2026)

03.01.2026 | Aktuelles

INFOS DES TAGES (SAMSTAG, 3. JÄNNER 2026)

Wien/ Volksoper: Die Serie CABARET läuft und wartet auf Ihren Besuch

Vorstellungen am 5./10./12./19./22./27./30. Jänner 2026

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ZUM TRAILER/ VIDEO
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Heinz Sichrovsky in „News“: Was Sie im Theater nicht versäumen sollten

­Die Burg erholt sich
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Eine Bitte zum jungen Jahr hätte ich: Gehen Sie ins Theater, der Luxus halbleerer Säle wird immer schwerer kommunizierbar. Freude bereitet quotentechnisch die Burg, die sich von der Vorgängerdirektion gut erholt hat. An manchen Abenden bekommen Sie schon für keine der beiden Hauptbühnen eine Karte. Nicht, dass ich Ihnen das wünsche. Aber gut, dass der Direktor die Erfordernisse einer Schauspielerstadt verstanden hat. Die von einem Internet-Mob nach Berlin vertriebene Stefanie Reinsperger ist zurück und Wiens stärkster Publikumsmagnet (für ihren Liliom bekommen Sie endlich Restkarten, wenn es mit „Elisabeth!“ und „Selbstbezichtigung“ nichts wird). Nils Strunk („Schachnovelle“, „Gulliver“) wurde ins Kult-Format aufgebaut. Nicholas Ofczarek („Richard III.“, „Holzfällen“) ist glanzvoll mit dem Haus versöhnt, Caroline Peters („Egal“) wurde mit Fortune heimgeholt, ebenso Joachim Meyerhoff (für „Der Fall McNeal“ gibt es endlich Restkarten).

Quotenausreißer nach unten sind unvermeidbar, aber in einige würde ich Sie doch gern überreden: Wajdi Mouawads „Wurzel aus Sein“, inszeniert von Direktor Bachmann, ist ein wundersames Vexierspiel der Identitäten. Bernhards „Auslöschung“ gelingt der Regisseurin Therese Willstedt erstklassig. Und für Molières „Tartuffe“ bringt Barbara Frey inmitten weltskeptischer Finsternis Kreaturen von umwerfendem Sarkasmus zum Funkeln.

Weiterlesen in der Zeitung NEWS
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ORF 3 – ERLEBNIS BÜHNE. Das Jänner-Gesamtprogramm

Erlebnis Bühne (Fernsehserie 2011– ) - IMDb

SA 3.1.2026 AUF 3SAT
20:15 WELTSTARS IM GRÜNEN – DIE TIROLER FESTSPIELE IN ERL:
JONAS KAUFMANN IM PORTRÄT
DI 6.1.2026 IN ORF III
20:15 ANDRÉ HELLERS REMASSURI
21.50 ANDRÉ HELLER: MEIN HAUSKONZERT
SA 10.1.2026 AUF 3SAT
20:15 BUCHBINDER SPIELT BEETHOVEN, SCHUBERT UND BRAHMS
SO 11.1.2026 IN ORF III
20:15 OTTO SCHENKS OPERNWELTEN
21:15 TOSCA AUF DEM TRAMPOLIN
SA 17.1.2026 AUF 3SAT
21:45 PIERRE BOULEZ – EIN LEBEN FÜR DIE MUSIK
22:40 EMMANUEL TJEKNAVORIAN – EIN MUSIKERLEBEN
SO 18.1.2026 IN ORF III
20:15 PHILHARMONISCHES ABOKONZERT MIT YANNICK NÉZET-SÉGUIN
SO 25.1.2026 IN ORF III
20:15 ROLANDO VILLAZÓN: VIVA MOZART!
SA 31.1.2026 AUF 3SAT
20:15 ROLANDO VILLAZÓN: BEST OF MOZART-WOCHE!
Programmänderungen vorbehalten

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Filmdiva mit einem großen Herzen

Ein ganz persönlicher Nachruf auf Brigitte Bardot

Von Kirsten Liese

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Viele assoziieren mit ihrem Namen nur die blonde Sex-Ikone und schamlose Verführerin mit Schmollmund, als die sie in Filmen wie „Et Dieu créa la femme“ („Und immer lockt das Weib“) „En cas de malheur“ („Mit den Waffen einer Frau“), „Viva Maria!“ oder „Vie privée“ („Privatleben“) zu erleben war. Dass diese Produktionen an sie als Schauspielerin keine sonderlichen Anforderungen stellten,  hat sie selbst in späteren Jahren keinen Hehl gemacht.

Jedenfalls sagte Brigitte Bardot rückblickend mehrfach, dass für sie ihr Wirken als Filmschauspielerin wenig bedeutsam war, aber natürlich dank hoher Gagen eine gute Grundlage für ihre eigentliche Mission, den Tierschutz, dem sie sich nach dem Ende ihrer Leinwandkarriere widmete. Und über den sie sich als ein ganz anderer Mensch entdecken ließ als ein vermeintliches Biest:  als eine Grande Dame mit einem großen Herzen, die ihr Vermögen und ihre Popularität ganz in den Dienst der geschundenen lobbylosen Kreaturen stellt und dafür in Kauf nimmt, auf unerträgliche Weise beschimpft und beleidigt zu werden wie nun auch in zahlreichen Nachrufen, die mich dazu bewogen haben, meinen ganz persönlichen zu schreiben, den ich ihr als Seelenschwester schulde.

Bevor ich darauf zu sprechen komme, sollen zumindest aber ein paar Zeilen der Aktrice Bardot gewidmet sein, die ich immerhin in zwei anspruchsvolleren Filmen sehen konnte: „La verité“ („Die Wahrheit“) und „Le mépris“ („Die Verachtung“), in denen sie zwar auch dem Mythos entspricht, auf den die Filmindustrie sie festlegte, aber in denen sie dann doch dank hochwertigerer Drehbücher nicht nur Busen, Po und schöne Beine präsentiert, sondern seitens der Dialoge stärker gefordert ist.   

In Henri-Georges Clouzots Drama „La verité“ steht sie als Angeklagte vor Gericht. In Rückblenden erzählt der Regisseur die Geschichte einer tragisch endenden Amour fou zwischen einer jungen, lebenshungrigen Frau und einem jungen Dirigenten. Weil sie ihn ein bisschen zappeln lässt und sich zeitweise mit noch anderen Männern amüsiert, bis sie ihre große Liebe allein für ihn entdeckt, unterstellen ihr Richter und Staatsanwälte, dass sie den Musiker nur an der Nase herumgeführt habe. Und ihn, nachdem er sich schließlich –  frustriert und verärgert über ihre Eskapaden mit anderen Männern –  mit ihrer Schwester verlobt hatte, aus Rache an der Schwester ermordet habe.

An dieser Konstruktion, die so nicht der Wahrheit entspricht, zeigt sich letztlich die frauenfeindliche Justiz zu Beginn der 1960er Jahre vor der sexuellen Revolution. Mit größtem Eifer lastet sie einer unschuldigen Frau, die die nicht dem normativen Rollenbild entspricht, ein Verbrechen an und spricht ihr ihre Gefühle ab. Ob Richter aufmüpfigen Frauen heute mehr Vertrauen schenken würden, bleibt allerdings die Frage.

Jean-Luc Godards Drama „Le Mépris“ („Die Verachtung“) erscheint noch zeitloser, in der Weise wie hier eine relativ harmlose Situation, die Missverständnisse nach sich zieht, bewirkt, dass sich ein Paar derart in Streitigkeiten verliert, bis die Beziehung zerbricht. Brigitte Bardot und Michel Piccoli spielen das sehr überzeugend, verheddern sich zusehends in absurden Situationen. Wie im wirklichen Leben. Die Verachtung, die sie ihm gegenüber plötzlich ausspricht, spiegelt sich zudem in den Empfindungen des Filmemachers, der nebenher vom Filmemachen erzählt. Und das mit dem legendären Fritz Lang, der sich selbst spielt und sich an seinem amerikanischen Produzenten ärgert, der sein Drehbuch über Homers Odyssee überarbeiten lassen will. Zeitweise sehr kluge, philosophische Dialoge und absurdes Theater bietet dieser Film, der nicht zuletzt auch dank des elegischen wiederkehrenden Sundtracks von George Delerue anrührt.

Schade, dass Bardot nicht weitere solche anspruchsvolleren Filme angeboten wurden, aber letztendlich war das vielleicht ihre Bestimmung, sonst hätte die Tierwelt in ihr keine so engagierte Anwältin gefunden.

In den 1970er und 80er Jahren veräußerte sie einen großen Teil ihres Besitzes, um mit dem Gewinn ihre Stiftung zur Rettung der Tiere zu gründen.

Von da an wuchs sie mir, so wie ich selbst die an Tieren begangenen Grausamkeiten verurteile, stark ans Herz. Und ich bewunderte sie dafür, wie sie dafür nicht nur ihr Geld zur Verfügung stellte wie ich, sondern sich auch selbst mit dem Leid konfrontierte, als sie etwa nach Kanada reiste, um den Kampf gegen das Abschlachten von Robben aufzunehmen. Das Bild von ihr mit einem Robbenbaby auf dem Arm, das ein wildes Massaker überlebt hatte, werde ich nie aus dem Kopf bekommen.

Ihre 2018 erschienene Autobiografie „Tränen des Kampfes“ konnte ich nur unter Tränen lesen, manche Kapitel, die von unsäglichem Leid berichteten, musste ich abbrechen. Und ich fragte mich und frage mich das immer wieder, wie es nur Menschen geben kann, die so wenig Empathie, so wenig Mitgefühl für unsere Mitgeschöpfe haben können.

Vielfach wird Bardot vorgeworfen, sie hätte zu wenig Empathie für Menschen gehabt. Offenbar verstehen die, die sich daran stören aber nicht, dass das unmittelbar mit den Grausamkeiten zu tun hat, die Menschen Tieren antun, nicht umgekehrt.

Das Entsetzen darüber, dass Bardot ihren Sohn lange Zeit verbannte, lässt sich eher nachvollziehen. Aber das geschah nicht aus böser Absicht, sondern resultierte vermutlich aus dem heute bekannteren Phänomen einer postnatalen Depression. Leider gehören solche Fehlbarkeiten zum Menschsein dazu. Immerhin hat Bardot das später bereut und sich beim Sohn entschuldigt. Und dafür eben anderweitig ihr Herz geöffnet, das andere Menschen ihr ganzes Leben lang verschließen. Zum Vergleich konnte Mia Farrow die Mutterrolle nicht ertragen und adoptierte dennoch ein Dutzend weiterer Kinder.

So sehr ich mich jedenfalls mit Bardots Aktivitäten beschäftigte, wurde mir bewusst, dass es keine Gattung gab, für die sie keine verbesserten Lebensbedingungen forderte: ein Verbot der Jagd auf Rehe und Hirsche in Wäldern war ihr ebenso ein Anliegen wie die Abschaffung der rituellen Käfighaltung in der Geflügelzucht, das systematische Töten männlicher Küken oder das rituelle Schächten von Schafen.

Es ist bezeichnend, dass sie in Sache Schächten mehr Widerstand als Unterstützung erfuhr, die französische Regierung sich bis heute ebenso beschämend wenig wie die deutsche dazu entschließen kann, Ethik über Religion zu stellen. Die Freiheit eines jeden einzelnen sollte bekanntlich dort aufhören, wo die anderer verletzt wird. Und das sollte für alle schmerz- und leidensfähigen Geschöpfe gelten.

Das alles hatte mich derart aufgewühlt, dass ich Brigitte Bardot 2020 schrieb,  ihr meine Bewunderung und Seelenverwandtschaft ausdrückte.

Ihre Antwort darauf war ein ganz berührender, per Hand geschriebener Brief, in dem sie mich nun ihrerseits eine „soeur ame“ (Seelenverwandte) nannte und mir für meine Anteilnahme, mein Engagement und finanzielle Unterstützung als Spenderin dankte. „Ihr Brief hat mich zu Tränen gerührt“, so beginnt er, „Ihre Hoffnungen, Ihre Herzensangelegenheiten, Ihre Verzweiflung sind auch meine.“

Dann folgt der entscheidende Satz „Sie sind meine Seelenverwandte“ und weiter auf der ersten Seite: „Es erfordert viel Mut, sich der Wahrheit zu stellen, und viel Mühe, der breiten Masse verständlich zu machen, welche Qualen Menschen den Tieren zufügen, diese unmenschlichen, roboterhaften Wesen, von denen es auf diesem armen Planeten, der durch alle Gräueltaten, die der Mensch ihm antut, verwüstet ist, viel zu viele gibt.“

Der Brief hat mich derart bewegt, dass ich entschloss, sie unbedingt persönlich in ihrer französischen Heimat kennenlernen zu wollen. Aber zu diesem Zeitpunkt war das Reisen aufgrund von Einschränkungen und Auflagen wegen Corona sehr mühsam und so schob ich mein Vorhaben auf. Leider zu lange. Nun ist es zu spät.

Im Alter von 91 Jahren ist Brigitte Bardot am 28. Dezember gestorben.

Ihre Stiftung wird hoffentlich bleiben. Ich werde sie noch mehr unterstützen als zuvor.

Kirsten Liese

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SAN FRANCISCO: PARSIFAL – Neuinszenierung 2025 (Stream)
Wagner ernstgenommen

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Foto: Cory Weaver/ San Francisco-Opera

 Aus den USA kam ja einst der sog. Wokismus herüber nach Europa, der sich gesellschaftlich mit bestimmten und mittlerweile immer häufiger diskutierten Narrativen ausbreitete und sich in einer gewissen Ausprägung auch auf die Ästhetik des Opernschaffens insbesondere deutschsprachiger Opernhäuser legte. Umso interessanter ist es, dass man in den USA immer noch Opernproduktionen erleben kann, zumal auch im Wagnerfach, die den Intentionen und Motiven ihrer Schöpfer, den Komponisten also, recht nahe stehen. Sie kommen durch einen Aufführungsstil, den man in unseren Breiten bisweilen abfällig als traditionell oder gar „altmodisch“ abtun würde, zu sehr beeindruckenden szenischen und interpretatorischen Lösungen. Diese verlangen gerade den Opernliebhabern und Rezensenten, die die Wagner-Rezeption schon über ein halbes Jahrhundert beobachten, immer wieder Bewunderung ab.

So geschah es nun wieder mit einer Neuinszenierung von Richard Wagners Abschiedswerk „Parsifal“ an der San Francisco Opera Ende Oktober/Anfang November 2025, wo das Werk seit 2000 nicht mehr aufgeführt worden war. Für Generaldirektor Matthew Shilvock ist der „Parsifal“ ein once-in-a-generation event. So suchte man die ganze Opernwelt nach einer passenden Produktion für sein Haus durch – ähnlich wie Loge im „Ring des Nibelungen“ nach einer Lösung, Walhall zu bezahlen. Da man nichts Geeignetes fand, entschloss man sich zu einer eigenen Inszenierung und übertrug die Regie Matthew Ozawa. Er bekam damit nach zuletzt „Orpheus und Eurydike“ seinen vierten Inszenierungsauftrag am War Memorial Opera House. Auch Ozawa sieht – nachvollziehbarerweise – im „Parsifal“ ein zentrales Werk der Opernliteratur. Für ihn ist die Thematisirung von Phänomenen wie menschliches Leid, Mitleid und Erlösung in Wagners Bühnenweihfestspiel zentral.

Um diese Dimensionen in seiner Interpretation darzustellen, will er nicht auf einer einzigen religiösen Deutung wie dem Christentum beharren. Stattdessen bringt der wie einst Harry Kupfer in seiner sagenhaften „Parsifal“ in Helsinki 2005 und Roland Aeschlimann in seinem Genfer „Parsifal“ 2004 christliche und heidnische Elemente wie auch Aspekte des Wagner später sehr interessierenden Buddhismus in seine Inszenierung ein. Und genau damit kommt er den Intentionen Wagners nahe und schafft mit seinem leading team – mit der Choreografin Rena Butler, dem Bühnenbildner Robert Innes Hopkins, der Kostümbildnerin Jessica Jahn und dem Licht-Designer Yuki Nakase Link – eine beeindruckende und perfekt zum Dirigat von Eun Sun Kim passende „Parsifal“-Inszenierung. Sie soll in einer gespaltenen Gesellschaft den immer größer werdenden Wunsch nach Heilung und Bestimmung ansprechen und im Zusammenwirken all dieser Inszenierungselemente die Möglichkeit der Transformation aufzeigen – durch Empathie, Mitleid und letztlich durch Kunst! Das hatte Richard Wagner im Sinn, und das zeichnet diese Produktion erfolgreich und emotional mitnehmend nach.

Die Choreographin setzt auf Figuren, die zusätzlich zu denen im „Parsifal“ vorgesehenen rituelle und an Transformation im Sinne der Regie erinnernde Bewegungen vollführen. Dabei kommen Elemente verschiedener Quellen zum Einsatz: die reduzierten und poetischen Bewegungen von Noh, bei denen Ruhe und langsame Entfaltung eine außerirdische Stimmung erzeugen; die die Seele erforschenden Impulse vom Butoh, die Transformation aus dem Körper heraus kanalisieren; und schließlich die rituellen Gesten des Christentums, das Kreuzzeichen, das sich Beugen und Niederknien, welche die Figuren in eine devote Haltung bringen. All das wurde nachdrücklich durch drei in purpurrot äußerst gemächlich agierende Tänzer sowie Tänzerinnen in der Zaubermädchen-Szene gezeigt. Der Bühnenbildner setzte ebenso auf den Aspekt der Transformation und schuf beeindruckende Verwandlungen im 1. und 3. Aufzug auf einer sich gegeneinander bewegenden Drehbühne. So bildete sich kaum merklich der Grals-Tempel aus dem heiligen Wald, und im 3. Aufzug wurde die Zerstörung der Gralswelt ebenso langsam aber bestimmt erkennbar. Das Lichtdesign spielte mit dezenten und oft changierenden Pastelltönen eine ebenfalls bedeutende dramaturgische Rolle, zumal im 2. Aufzug.

Und die Kostümbildnerin konzipierte die Kostüme je nach Aufzug in verschiedenen thematischen Bezügen, die mit der jeweiligen Figur im jeweiligen Aufzug in Einklang standen, was emotionale Entsagung und Leid; irdische Verbundenheit und Menschlichkeit; sowie Mitleid und Lernbereitschaft betrifft. Für Jessica Jahn entspricht jede der Haupt-Figuren einer dieser drei Qualitäten, was sich insbesondere an den Kostümen für Kundry und Parsifal offenbarte. Es war eine große, aber stets zu Bild und Inhalt passende Vielfalt an oftmals eindrucksvollen Kostümierungen. Und das Ganze verband Matthew Ozawa mit einer äußerst feinfühligen, auch neue Ideen zeigenden Personenregie. So sieht man einmal, wie Kundry nicht Parsifal küsst, sondern er die Kussszene ganz zärtlich beginnt. Oder bei ihrer Herzeleide-Erzählung tritt eine junge Tänzerin auf, die an seine verstorbene Mutter erinnernd mit ihm tanzt – und noch manches andere.

Soweit zum relativ komplexen theatralischen Teil. Er fand seine kongeniale Entsprechung in einem offenbar sorgfältig ausgewählten erstklassigen Sängerdarsteller-Ensemble. Brandon Jovanovich, den ich in San Francisco 2011 schon als sehr guten Siegmund erlebte, war ein Parsifal mit viel emotionalem Tiefgang, sehr gefühlvoll und bedacht in seinen Aktionen, mit guter Mimik und mit einem klangvollen, etwas dunkel timbrierten Tenor. Tanja Ariane Baumgartner spielte bei ihrem San Francisco Opera Debut eine facettenreiche Kundry, von einer Ahasver-artig kostümierten Getriebenen über einen mütterlichen Typ (und damit nicht ganz dem Stück entsprechend) in 2. und als Geläuterte im 3. Aufzug. Baumgartner verlieh der Rolle ihren klangvollen leuchtenden Mezzo, der nur in den finalen Momenten des 2. Aufzugs an Grenzen stieß. Die Kundry hat eben eine Sopran-Tessitura. Brian Mulligan gab ganz im Sinne des Regie-Konzepts den bisweilen unmenschlich leidenden Amfortas, auch mit einem leidvollen Ausdruck in seiner ausdrucksvollen Stimme. Er vermochte stark zu beeindrucken.

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Foto: Cory Weaver/ San Francisco-Opera

Einen echten Höhepunkt bescherte Falk Struckmann als unglaublich intensiver und fast Angst einflößender Klingsor. Seine lange Lederschürze mit freiem Oberkörper vermittelte fast eine Schlachthof-Ästhetik, die er mit grimmig-mimischer Ausdrucksvielfalt noch unterstützte. Einen solch dominanten Klingsor habe ich noch nicht erlebt, der zudem mit einem dramatischen Bassbariton auch alle vokalen Facetten der Rolle ausdrucksstark auslotete. Kwangchul Yun war wieder der bewährte und hier vor allem väterlich wirkende Gurnemanz, der die große Ruhe des Gralsgebietes ausstrahlte, mit einem eindeutigen Zeichen des Christentums, dem Rosenkranz, umhangen. David Soar war ein mahnender Titurel aus dem Off mit starkem Bass. Die Zaubermädchen sangen alle sehr gut, die Kostümierung des Damenchores wirkte allerdings an der Grenze des Kitsches und völlig unerotisch. Da hätte man andere Akzente setzten können bei der ansonst so guten Kostümarbeit. Auch die Gralsritter und Knappen waren stimmlich einwandfrei und empfahlen sich zum Teil für größere Aufgaben. Der von John Keene geleitete Chor war ein eindrucksvoller Pluspunkt des Abends mit großer Transparenz und Stimmkraft.

Eun Sun Kim, die vierte Musikdirektorin der San Francisco Opera und im Amt seit 2021, dirigierte das San Francisco Opera Orchestra mit enormer Ruhe und entsprechenden Tempi, die aber dem Geschehen auf der Bühne voll und ganz gerecht wurden, auch wenn man ein ultimatives Urteil bei einem Stream nur bedingt fällen kann. Das Vorspiel zu 1. Aufzug ließ sie fast zelebrieren. Im 2. Aufzug wurde dann größere Dynamik erzielt, aber die Randakte bestachen gerade durch die getragenen Tempi mit den dazu entstehenden Bildern.

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Foto: Cory Weaver/ San Francisco-Opera

Am Ende kommt Kundry bei der Enthüllung des Grals eine elementare Rolle zu. Anders als bei Wagner vorgesehen hält sie im Finale den Kelch mit Parsifal zusammen in die Höhe – ein großartiges symbolhaftes Zeichen für Frieden und Verständigung. Nach manchem, was man in Sachen „Parsifal“ in Europa zuletzt gesehen hat, zumal an der Wiener Staatsoper, war diese Interpretation ein wahrer Genuss und eine sinnhafte Inszenierung aus einem Guss. 

Klaus Billand 

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*BÖLLERVERBOT JETZT! *

Müllberge und Luftverschmutzung – die Silvester-Knallerei gefährdet nicht nur Mensch und Tier, sondern auch die Umwelt. Damit muss endlich Schluss sein!

*Ich hab deshalb gerade den Appell von #aufstehn an Innenminister Karner unterzeichnet, mach auch du mit:* https://aktion.aufstehn.at/andere/boellerverbot/appell?utm_source=wa-ty

Fritz Kramme
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GRAMOLA Winter & CO: Annnageln kannst es net, die Zeit.  Günther Groissböck; Neue Wiener Concert-Schrammeln

Vor vier Jahrenüberaschte Günther Groissböck, gefeierter Bassist an denbedeutendsten Opernhäusern der Welt, seine Musikfreundemit einem Tonzträger beliebter Wienerlieder. Es war zu hoffen und zu erwarten, dass dem eine Fortsetzung folgen würde. Nun meldet er sich mit einer Zeitreise durch das Genre vom Biedermeier bis in die Jetztzeit zurück, Waren es beim „Gemischten Satz“ von 2021 die Philharmonia-Schrammeln, so bestimmendiesmal die Neuen Wiener Concert-Schrammeln den wienerischen Klangkörper der CD. Darunter befinden sich Lieder aus der Feder des Wiener Liedkomponisten Andre Heller wie“Es is alles unhamlich leicht“ ode das titelgebende „Annageln kannst es net, die Zeit“, aber auch Klassiker wie“In einem kleinen Café in Hernals“ von Hermann Leopoldi, „Herrgott aus Sta“ von Karl Hodina oder klassische Wienerlieder wie „Wann i amal stirb“ oder „I hab die schönen Maderl net erfunden“ sowie Instrumentalbeiträge der Concert-Schrammeln und die Eigenkompositionen zweier Mitglieder der „Schrammeln“

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Günther Groissböck bass
Neue Wiener Concert Schrammeln
Peter Uhler violin
Johannes Fleischmann violin
Helmut Thomas Stippich Schrammel accordion
Peter Havlicek contra-guitar

Katalognummer: 99329
CD:1
Code 323

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