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INFOS DES TAGES (SAMSTAG, 15. NOVEMBER 2025)

15.11.2025 | Aktuelles

INFOS DES TAGES (SAMSTAG, 15. NOVEMBER 2025)

ATHEN – Opera Awards 2025

Agnes Baltsa sieht bei der Preisverleihung an sie ganz hervorragend aus!

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ZUM VIDEO  (2 Minuten

International Opera Awards announces 2025 winners
Agnes Baltsa receives the Lifetime Achievement Award with Theater an der Wien named Company of the Year

https://www.gramophone.co.uk/opera-now/news/article/international-opera-awards-announces-2025-winners

 Full list of the winners:

CONDUCTOR: Alain Altinoglu
DESIGNER: Paolo Fantin
DIRECTOR: Claus Guth
EQUAL OPPORTUNITIES & IMPACT: The Dallas Opera: Linda and Mitch Hart Institute for Women Conductors
FEMALE SINGER: Asmik Grigorian
FESTIVAL: Janáček Brno Festival
LEADERSHIP: Anthony Freud
LIFETIME ACHIEVEMENT: Agnes Baltsa    
MALE SINGER: Nicholas Brownlee
MUSICAL: Sunday in the Park with George (Glimmerglass Festival)
NEW PRODUCTION: The Excursions of Mr Brouček (National Theatre Brno & Staatsoper Berlin/Teatro Real/Robert Carsen)
OPERA COMPANY: MusikTheater an der Wien
PHILANTHROPY: C. Graham Berwind III
READERS’ AWARD – OPERA MAGAZINE WITH OPERA NEWS: Marina Rebeka
RECORDING (COMPLETE OPERA): Lully: Atys (Château de Versailles Spectacles)
RECORDING (SOLO RECITAL): Ann Hallenberg & The Mozartists: Gluck Arias (Signum)
REDISCOVERED WORK: Galuppi: L’uomo femina (Opéra de Dijon)
RISING STAR: Adèle Charvet (mezzo-soprano). Hugh Cutting (countertenor) 
SUSTAINABILITY: Teatro Real Madrid
WORLD PREMIERE: Turnage/Hall: Festen (The Royal Opera)

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ZU INSTAGRAM 

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Bayerische Staatsoper: Umbesetzung La Fille du régiment am 22., 25. und 28. November 2025

 In den Vorstellungen von La Fille du régiment am 22., 25. und 28. November 2025 übernimmt Jack Swanson die Partie des Tonio anstelle von Xabier Anduaga.

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Jack Swanson. Foto: BayerischeStaatsoper

 Jack Swanson
Der Tenor Jack Swanson, geboren in Stillwater (Minnesota), studierte an der University of Oklahoma und an der Rice University in Texas. Er ist Preisträger mehrerer Wettbewerbe und errang 2014 den 1. Preis des Hal-Leonard-Wettbewerbs und 2015 den 1. Preis des National-Opera-Association-Wettbewerbs. Mehrmals gewann er den Richard Tucker Memorial Award der Santa Fe Opera. Zu seinem Repertoire zählen u. a. Roderigo (Otello), Lindoro (L’italiana in Algeri), Don Ramiro (La Cenerentola), Graf Almaviva (Il barbiere di Siviglia), Belmonte (Die Entführung aus dem Serail), Ferrando (Così fan tutte), Tamino (Die Zauberflöte), Ernesto (Don Pasquale), Nemorino (L’elisir d’amore) und Alfred (Die Fledermaus). Engagements führten ihn u. a. an die Oper Frankfurt, an die Hamburgische Staatsoper, an die Opéra national du Rhin in Straßburg, ans Teatro Regio di Torino, an Den Norske Opera in Oslo, an die Metropolitan Opera in New York, an die Houston Grand Opera und an die Lyric Opera of Chicago sowie zum Rossini Opera Festival Pesaro und zum Sag Harbor Song Festival. 2025/26 debütiert er an der Bayerischen Staatsoper als Tonio (La Fille du régiment).
 
ZU DEN VORSTELLUNGEN
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Zum Tod des Opernsängers Donald McIntyre:

Zum Tod des Opernsängers Donald McIntyre: Der Gentleman von Bayreuth Sir Donald McIntyre war oft bei den Bayreuther Festspielen zu erleben, unter anderem als „Wotan“. Am 13. November ist der neuseeländische Opernsänger im Alter von 91 Jahren in München verstorben.

https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/donald-mcintyre-gestorben-oper-bayreuth-100.html

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OPERA CARLO FELICE GENOVA: CAVALLERIA RUSTICANA – Premiere 14. November 2025

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Gentile amica, gentile amico

La stagione artistica 2025-2026 della Fondazione Teatro Carlo Felice di Genova prosegue con il secondo appuntamento in programma: Cavalleria Rusticana, melodramma in un atto di Pietro Mascagni su libretto di Giovanni Targioni-Tozzetti e Guido Menasci Lorenzo, in scena da venerdì 14 novembre alle ore 20 (repliche: sabato 15 novembre ore 15, domenica 16 novembre ore 15, venerdì 21 novembre ore 20, sabato 22 novembre ore 20 e domenica 23 novembre ore 15).

Sul podio ci sarà Davide Massiglia alla guida dell’Orchestra e del Coro (diretto da Claudio Marino Moretti) del Teatro Carlo Felice. Personaggi e gli interpreti: Veronica Simeoni (Santuzza), Nino Chikovani (Lola), Luciano Ganci (Turiddu), Gezim Myshketa (Alfio), Manuela Custer (Mamma Lucia).

Nelle recite del 15, 21 e 23 novembre ci saranno nei ruoli principali Valentina Boi (Santuzza), Leonardo Caimi (Turiddu), Massimo Cavalletti (Alfio).

Ti ricordiamo che i titolari di abbonamento o biglietto per le opere 2025-2026, 45 minuti prima di ciascuna recita, possono accedere in Sala Paganini e partecipare a una conferenza di presentazione a cura degli allievi del Conservatorio “Niccolò Paganini”.
 

PRIMA
RAPPRESENTAZIONE
Venerdì 14 novembre 2025
ore 20.00
Teatro Carlo Felice
 

ACQUISTA ORA

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Das Nationaltheater Brno feiert einen herausragenden internationalen Erfolg!

Zwei Auszeichnungen bei den renommierten International Opera Awards 2025 für das Festival Janáček Brno und die Produktion Die Ausflüge des Herrn Brouček

Brno, 14. November 2025

Das Nationaltheater Brno feiert einen außergewöhnlichen Erfolg bei den renommierten International Opera Awards 2025, die oft als die „Opern-Oscars“ bezeichnet werden. Das Theater erhielt zwei bedeutende Auszeichnungen – in der Kategorie Festival für das Internationale Festival Janáček Brno 2024 und in der Kategorie New Production für die Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper Die Ausflüge des Herrn Brouček. Diese Produktion entstand als Koproduktion der Janáček-Oper des NdB mit dem Teatro Real Madrid und der Staatsoper Unter den Linden Berlin, in der Regie von Robert Carsen und unter der musikalischen Leitung von Marko Ivanović. Carsens Inszenierung eröffnete am 1. November 2024 mit einer festlichen Premiere im Janáček-Theater den 9. Jahrgang des Festivals Janáček Brno 2024 und wurde im März 2025 auch an der Staatsoper Unter den Linden gezeigt.

Brno triumphiert über die großen Opernhäuser der Welt

In starker Konkurrenz zu Institutionen wie der Opéra national de Paris oder der Metropolitan Opera in New York konnte das Nationaltheater Brünn überzeugen und seinen Platz an der Spitze der internationalen Opernwelt bestätigen. In der Kategorie Festival setzte sich Janáček Brno unter anderem gegen das Innsbrucker Festival der Alten Musik, das Münchner Opernfestival und das Rossini Opera Festival durch.

Der zweite Triumph in der Geschichte des Festivals

Der Gewinn dieser Auszeichnung stellt für das Festival Janáček Brno einen historischen Meilenstein dar. Es ist nicht nur das einzige tschechische Festival, das je diese Ehre erhalten hat, sondern konnte nun bereits zum zweiten Mal siegen – nach dem ersten Erfolg im Jahr 2018. Damit reiht sich das Festival unter die bedeutendsten Veranstaltungen der Welt ein, wie die Salzburger Festspiele und das Festival d’Aix-en-Provence, die einzigen weiteren Festivals, die diese Auszeichnung mehr als einmal erhielten.

Der Kartenverkauf für das Jubiläumsfestival Janáček Brno 2026 (13. Oktober – 17. November 2026) hat bereits begonnen. Diese 10. Ausgabe wird die längste und umfangreichste in der Geschichte des Festivals sein – sowohl in ihrer Dauer als auch in der Anzahl der Produktionen.

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Tschechiens Kulturtourismus 2026: Es lockt Gustav Mahlers „Symphonie der Tausend“

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Mitglieder des Südböhmischen Theaters werben für Tschechien. Foto: E. Zöckl

Angekündigt wird: Eine einzigartige Aufführung! Beworben als Tschechiens kulturelles touristisches Highlight im Jahr 2026. Als Wunderwerk wird die „Symphonie der Tausend“, das ist Gustav Mahlers 8. Symphonie, beworben. 1910 in München uraufgeführt, von Mahler als „Botschaft der Liebe in liebloser Zeit“ heiß geliebt. Der Aufwand ist riesig: Vorgeschrieben sind an die 50 Streichinstrumente, 40 Bläser, 5 Harfen, Klavier, Mandoline und Pauken und, und … . Und ja, zwei hymnisch auftrumpfende große gemischte Chöre sowie ein Knabenchor und vor ihnen 7 Gesangsolisten ergeben zwar nicht tausend Mitwirkende, doch 600 werden es sein. Wohl klar, dass diese „Achte“, ein zweiteiliges Oratorium, keine richtige Symphonie, so gut wie nie zu hören ist. Die Aufführungen werden für 17. und 18. Mai unter Dirigent Christian Arming in der Konzerthalle von Ostrava angekündigt.

Tschechiens Kulturpflege ist weit stärker im eigen Boden verwurzelt als es sich extrem gegenteilig in Österreich entwickelt hat. Smetanas „Verkaufte Braut“    wird nicht wie in der Staatsoper in grellem Zirkusmilieu verkauft, sondern wird, vom Opernensemble des Südböhmischen Theaters aufgespielt, auf dem Dorfplatz des UNESCO-Weltkulturerbes Holasovice in Sommeratmospähre zu genießen sein. Smetana ist auch in seinem Geburtsort Litomysl unter freiem Himmel präsent. Und noch einmal das Budweiser Südböhmische Theater: Es bespielt auch das Freilichtheater im drehbarem Zuschauerraum im Schlosspark des historischen Cesky Krumlov. Und die Werbung dazu: „Ein Theater, dass Sie in seinen Bann zieht.“

Und als Lockvögel haben die Budweiser zur touristischen Werbung mehrere Mitglieder des Ensembles nach Wien gesandt. Mit einer stimmig vorgetragenen Kantate: Tschechische Edelmusik des 17. Jahrhunderts von Adam Michna z Otradovic – hier ein Unbekannter, über der Grenze wird er als barockes Genie geführt. Doch von Musikfreuden zu weiteren angebotenen Attraktionen: Schloß Telc mit früher Avantgardemalerei, das Internationale Iglauer Dokumentarfilmfestival, die 800 Jahre Feiern der Stadt Znaim, in Pilsen 100 Jahre Hurvinek-Marionetten, die neurekonstruierte Grabstätte von Marie Ebner-Eschenbach nahe Kromeriz, das Brünner Janacek-Festival …. reich bestückt ist die Kulturlandschaft der tschechischen Regionen. Und auch das Olmützer Quargelfest rühmt sich seiner Tradition. 

Info: wien@czechtourism.com / www.visitczechia.com

Meinhard Rüdenauer 
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ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Sharon Eyal . S-E-D mit „Delay the Sadness“

 Ein Meisterwerk nannte die Künstlerische Leiterin des Festspielhaus St. Pölten Bettina Masuch das in einer Koproduktion mit (unter anderem) ihrem Haus entstandene Stück „Delay the Sadness“, in dem die israelische Choreografin Sharon Eyal (Co-Kreation: Gai Behar) ihrem Innenleben nach dem Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren ein künstlerisches Gesicht gibt. Klugheit, Ehrlichkeit, Verletzlichkeit und Kraft machen dieses Gesicht zu einem von einzigartiger Schönheit.

 Sharon Eyal lebt mit ihrem künstlerischen und privaten Partner, dem Musiker und Produzenten Gai Behar, in Paris. Nach vielen Jahren bei der Batsheva Dance Company als Tänzerin, stellvertretende künstlerische Leiterin und Hauschoreografin gründete sie gemeinsam mit Behar 2013 die Sharon Eyal Dance Company S-E-D. Mehrfach ausgezeichnet entwickelt Eyal Choreografien für internationale Festivals und Ensembles, so das Nederlands Dans Theater NDT, die Compagnie der Opéra national de Paris und die GöteborgsOperans Danskompani, mit der sie, zuletzt im Festspielhaus St. Pölten zu Gast, im September 2023 das Stück „SAABA“ zeigte.

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Portrait Sharon Eyal (c) Davit Giorgadze

 In „Delay the Sadness“, einem Stück für vier Tänzerinnen und vier Tänzer, löst die Choreografie immer wieder Kleingruppen, vor allem Paare, aus dem Ensemble heraus. Die lange Reihe, in der sie anfangs auf und über die Bühne schreiten, ist wie eine Gemeinschaft von synchronisiert Gleiches Lebenden, erfüllt von Würde und einem fast trotzigen psychischen Überlebenswillen. Das Brodeln ist spürbar. Seelen unter Hochdruck, umhüllt von einer noch intakten Membran.

 Bald schon wird diese durchlässig. In wechselnden Konstellationen, vom Solo bis zum Quartett, extrahiert und exponiert Sharon Eyal die acht in ihrer Doppelrolle als Verkörperung eines sozialen Feldes und von Aspekten einer Seele. Das Bühnendesign mit seitlichen sichtgeschützten Öffnungen und rückwärtig vierfach durchbrochenem schwarzen Vorhang, dahinter gähnt eine unendliche lichtlose Weite, erlaubt das Erscheinen und Verschwinden von Menschen und Emotionen.

 Eyal lässt ihre Tänzerinnen und Tänzer wie schon in früheren ihrer Werke auf den Ballen gehen. Sie schafft damit einen Zustand zwischen dem federleichten, gen Himmel strebenden Spitzentanz der Klassik und der gravitativen Erdigkeit des zeitgenössischen und afrikanischen Tanzes. Mit dieser Schwebe zwischen den Polen und allem Definierten verbannt sie alle Gewissheit, schafft damit größtmögliche Freiheit und löst so das Ticket für eine Reise in die tiefsten Schichten der Seele.

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Sharon Eyal . S-E-D: „Delay the Sadness“ (c) Vitali Akimov

 Was sie, Sharon Eyal und die acht Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne, dort in sich finden, formuliert die Choreografin mit einzigartigem Bewegungsmaterial, getanzt von einer herausragenden, auch klassisch geschulten Kompanie. Ein ständig höchster Tonus, phasenweise physisch äußerst fordernde Langsamkeit, höchste Präzision und ein den Fluss der ineinander verwobenen Sequenzen tragendes perfektes Timing rauben einem den Atem.

 Die Duette sind von unaussprechlicher Fragilität. Sie hinterfragen Konstrukte von Polaritäten und binden Dualitäten, sie sind jenseits jeder Sicherheit und Klarheit. Es ist eine erschütternde Bewusstwerdung. Die Suche nach Halt, Trost und Beistand trifft auf Verunsicherung und Hilflosigkeit. Obzwar der Schmerz Empathie begegnet, dominiert das Erleben des allein Seins mit ihm.

 Die Musik (von Josef Laimon) im Dreivierteltakt treibt mit Gleichmaß und trancehaften Wiederholungen fort gelebte individuelle Muster und gesellschaftliche Gepflogenheiten durch die Zeit. Unmerklich geht sie in einen Techno-Rausch über und damit in das Zulassen des aus dem Dunkel ihrer/einer Seele Aufsteigenden. Es ist ein unsagbarer, alles untergrabender Schmerz. Der Choral aus dem Funeral Canticle von John Tavener ist von ungeheurer emotionaler Gewalt. Auch die Stimme ihres Sohnes spricht in vielen Wiederholungen zu seiner Mutter. Vom Festhalten. Wie das innere Kind in uns allen. Das Stück beschreibt den Prozess der Verarbeitung, ohne ein Ziel oder Ergebnis zu benennen. Es endet abrupt. Es ist nur abgebrochen. Es wird ewig weiter gehen.

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Sharon Eyal . S-E-D: „Delay the Sadness“ (c) Vitali Akimov

 Aller Grund dieses Stückes ist das Geworfensein in die Welt. Die Vertreibung aus dem Uterus-Paradies verursacht und bewirkt das wohl gefürchtetste und daher am angestrengtesten vermiedene Gefühl: Die Erfahrung einer fundamentalen initialen und finalen Einsamkeit. In der Zwischenzeit, im Leben also, bemüht sich der Mensch nach besten Kräften um Gefühlsvermeidung.

 Sie weisen mit dem Zeigefinger ins Publikum und in den Himmel, als würden sie uns auffordern, nachzuschauen in uns, ihn endlich zuzulassen, den uralten, allertiefsten Schmerz in uns. Denn er ist Teil des Großen Plans. Er trägt uns auf der Reise durch die Leben. Das Rouge auf den Wangen der gebleichten Gesichter ist der Atem des ewigen Lebens. Die roten Adern auf den Oberkörpern, quer über das Herz, sind wie von dessen Herzschlag durchströmt.

 Der stumme Schrei zum Ende hin (Munchs Bild kommt einem sofort in den Sinn), mit dem alle Enttäuschung, Angst, Trauer und dieser unbeschreibliche Schmerz endlich ihren Weg aus den Tiefen dieser braven Seele finden, erzählt von der emotionalen Positionierung zur Mutter und sich selbst. Hier schreien Geburtstrauma und Geworfensein, das verlassen Werden und verlassen Sein, Verlust und Einsamkeit, Furcht, Wut und der Widerstand gegen Akzeptanz und die Hingabe an das, was ist.

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Sharon Eyal . S-E-D: „Delay the Sadness“ (c) Vitali Akimov

 Der Schmerz mit einer Vergangenheit, die ihren Anfang am Ursprung aller Zeiten hat, der unser Leben überdauert und in eine unendliche Zukunft reicht, ist in seiner Reinheit kosmisch. Er gilt der einen, ewigen, unser aller Mutter. Das Jetzt und die Ewigkeit, das Diesseits und das Jenseits, den Menschen und seine Vereinigung mit Gott fügt Sharon Eyal in diesem Werk zusammen zu einem individuellen und zugleich menschlich universellen Drama von immenser Tiefe und Tragweite.

 Das Hinauszögern und mithin die Flucht vor der Traurigkeit beseitigen diese nicht. „Delay the Sadness“ ist mit seiner intimen Selbstoffenbarung ein starkes Bild für eine Grundbefindlichkeit unserer Gesellschaft und eine der fundamentalen Qualitäten unserer Zeit. Mannigfaltige individuelle, soziale und gesellschaftliche Vermeidungsstrategien und insbesondere digitale Narkotika verhindern das Zulassen, das Anschauen und die Bewusstmachung dieser Traurigkeit.

 „Delay the Sadness“, im September im Rahmen der Ruhrtriennale 2025 in Bochum uraufgeführt, geht weit über das auslösende Moment, den Tod der eigenen Mutter, hinaus. Sharon Eyal hebt den Blick und macht sich zum Abbild des Menschen. Mit der Androgynität der acht auf der Bühne, sie tanzen mit glatten Gelfrisuren und in hautengen und fleischfarbenen Kostümen, überwindet diese Traurigkeit Geschlechtergrenzen, jegliche Individualität und Identität. Der Mensch, zurück geworfen auf sich selbst. Darüber liegt: Es sind Frauen, die Emotionen zulassen, und Männer, die in traditionellem Selbstverständnis versuchen zu stützen. Ihre Unsicherheit im Umgang mit ihren eigenen Gefühlen macht sie zu wohlmeinenden, doch hilflosen Helfern.

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Sharon Eyal . S-E-D: „Delay the Sadness“ (c) Vitali Akimov

 Im Zusammenwirken mit dem die Lichtquellen allesamt versteckenden Lichtdesign von Alon Cohen, der dem Sujet (s)einen düsteren visuellen Stempel aufdrückte, der pulsierenden, zwingenden Musik, dem Bühnendesign und den Kostümen von Sharon Eyal, Gai Behar und Noa Eyal Behar entsteht ein Gesamtkunstwerk von berückender Authentizität, rückhaltloser Intimität und hypnotischer Kraft, formaler Kühnheit, spiritueller Weisheit und betörender Schönheit. Ohne jede Attitüde. Dafür mit umso mehr emotionaler Wucht und elektrisierender Intensität.

 Sharon Eyal . S-E-D mit „Delay the Sadness“ am 08.11.2025 im Festspielhaus St. Pölten.

 Rando Hannemann

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