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INFOS DES TAGES (MONTAG, 25. MAI 2026 – Pfingstmontag)

25.05.2026 | Aktuelles

INFOS DES TAGES (MONTAG, 25. MAI 2026)

Wiener Musikverein: Verdi-Requiem der Dresdener unter Gatti mit Buratto, Garanca, Bernheim, Zanellato

Der Wiener Musikverein zählt mit seiner einzigartigen Akustik zu den klangschönsten Konzertsälen der Welt! Es ist also immer etwas ganz besonderes, im Goldenen Saal des Musikvereins zu spielen, der für große musikalische Tradition und internationale Konzertkultur steht.

Unter der Leitung von Chefdirigent Daniele Gatti musizierte die Staatskapelle Dresden gemeinsam mit Eleonora Buratto (@eleonora_buratto), Elīna Garanča (@elina.garanca), Benjamin Bernheim (@benbernheimtenor), Riccardo Zanellato (@riccardozanellatobasso)sowie dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien Verdis monumentales Requiem.

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SALZBURG/ Haus für Mozart: „IL VIAGGIO A REIMS“  Hyperaktive Rossini-Manie

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Es wird wild geschossen: Misha Kiria (Barone di Trombonok), Florian Sempey (Don Profondo), Peter Kellner (Don Alvaro), Dmitry Korchak (Conte de Libenskof) werden von Marina Viotti (Marchesa Melibea) und Tara Erraught (Madama Cortese) zur Vernunft gebracht. Foto: Monika Rittershaus

Cecilia Bartoli, seit 2012 künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele, gibt heuer das Motto „Bon Voyage“ vor und lädt in Rossinis Drama giocoso (1825 die letzte italienische Oper des Komponisten und zugleich das erste für Paris komponierte Werk) zu einer Reise eines äußerst turbulenten Aufenthalts ins Badehotel „Zur Goldenen Lilie“ in Plombières ein. Dort finden sich internationale Adelige, eine Künstlerin und militärische Würdeträger ein, um zur Krönung des französischen Königs Karls X zu reisen. Man kennt sich oder lernt sich gerade kennen, beginnt amouröse Abenteuer und beklagt in einer Auftrittsnummer nach der anderen den persönlichen, großen Kummer. So beweint die Contessa di Folleville den Verlust ihrer Garderobe, fällt angesichts der unendlichen Trauer in Ohnmacht, wird zu Takten von Mozart, Haydn, Beethoven und Bach versucht wiederzubeleben und ist zuletzt wieder überglücklich über das Auftauchen ihres über einem Meter großen, farbenfrohen Federhuts. Ja, das sind die wahren Probleme der High Society dieser Zeit (und vielleicht auch noch heute?).

Regisseur Barrie Kosky inszeniert zum bereits 4. Mal bei den Salzburger Festspielen und versetzt sein Ensemble in rauschähnliche Zustände, wo – passend zur elektrisierenden, temporeichen Musik – kein Klischee der Hotelgäste aus Polen, Spanien, England, Deutschland, Frankreich oder der liebenswerten Hotelbesitzerin aus Tirol ausgelassen wird. Mit atemberaubender Geschwindigkeit folgt das Treiben auf der Bühne den raschen Tempi aus dem Orchestergraben und die Gesellschaft hüpft, springt, tanzt sich (über-)aufgeregt, zappelig und ruhelos von einer Szene zur nächsten. Die Figuren sind mit karikaturhafter Selbstironie dargestellt und unterstreichen mit überladener Gestik und Mimik die dargebrachten Emotionen. Das Konzept gelingt zum Teil und sprüht vor Witz, Fröhlichkeit und Esprit, wobei es für die SängerInnen sicherlich sehr herausfordernd ist, neben ständiger Bewegung auch noch herausragende Kantilenen und höchste Koloraturen zu singen (im Ensemble spricht man von der „Kosky-Diät“, da in der Probezeit alle 3-5 Kilo abgenommen haben). Mit den schrillen, farbenfrohen Kostümen (Victoria Behr), den skurril-bemalten Gesichtern entsteht zusätzlich zu goldenen Drehtüren und einem stark frequentierten Hotelkorridor mit 12 Türen (Bühne: Rufus Didwiszus), wo auch ununterbrochen die Personen hin und her laufen, bunteste Lebendigkeit auf der Bühne. Was anfangs noch unterhaltsam, witzig und erfrischend wirkt, bewirkt nach fast 3 Stunden Trubel, dass einem der Kopf raucht. Wie auch die Harfe zu qualmen und explodieren beginnt, nachdem sie oft durchs Hotel getragen wird (natürlich im Eiltempo), um die berühmte Improvisationskünstlerin Corinna bei ihren Auftritten zu begleiten.

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Chaos und Turbulenz nach dem Ohnmachtsanfall der Contessa di Folleville (Mélissa Petit) mit Helena Rasker (Hausdame Maddalena), Misha Kiria (Barone di Trombonok) und Tara Erraught (Madama Cortese). Foto: Monika Rittershaus

Diese wird von Cecilia Bartoli mit großartiger Bühnenpräsenz und verführerischer Koketterie dargestellt. Auch wenn ihre Stimme immer kleiner ertönt, ist ihr Mezzo noch immer in den tiefsten Lagen und Höchsttönen tragfähig. Mélissa Petit begeistert als verwitwete Contessa de Folleville mit brillanten Höchsttönen und kapriziösen Drama Queen-Qualitäten. In gelber Uniform und mit enormer Stimmgewalt gefällt der bombenmäßige Bass Misha Kiria als deutscher Barone di Trombonok. Dmitry Korchak zeigt mit flexiblem Tenor und kantablen Passagen viel Leidenschaft und Eifersuchtsattacken als verliebter Conte di Libenskof. Seine angebetete Marchesa Melibea, von Marina Viotti mit wundervollem dunklem Timbre und Ausdruckskraft dargeboten, zückt Pistolen und schnalzt mit einer feuerroten, langen Gerte, um mit dominanter Strenge zu Liebe und Hoffnung zu gelangen – das Versöhnungsduett mit dem Grafen gelingt mit prachtvollen Belcanto-Stimmen im passenden Einklang. Als eleganter Cavalier Belifiore verfügt Edgardo Rocha über eine leichtfüßige Stimme mit ansprechender Höhe und macht Corinna dauerkniend den Hof, ebenso versucht auch Ildebrando D´Arcangelo als liebestrunkener Lord Sidney mit noblem, glänzendem Bass und streuenden Blüten vor Corinnas Hotelzimmer sein Glück. Mit perlenden Koloraturen, Schluckauf und flinkem parlando versucht Tara Erraught als Madama Cortese für Ordnung in ihrem Hotel zu sorgen und übersingt auch mühelos Chor und crescendo spielendes Orchester; ihre Jodeleinlagen sorgen für Gelächter. In knapper Leder-Unterbekleidung erstellt Florian Sempey mit kernigem Bariton als Don Profondo die Liste der Gäste und Peter Kellner beweist als spanischer Admiral Don Avaro mit großem Einsatz seine Spielfreudigkeit und überbordenden Slapstick.

Gianluca Capuano führt die Musiker des von Bartoli 2016 gegründeten Orchesters Les Musiciens du Prince – Monaco mit spritziger Eleganz, präzisem Feingefühl, ausladender Dynamik, rasenden Tempi und einem musikalischen Rausch gekonnt durch die schwierige Partitur und setzt auf Originalklang und umfangreiche Forschungsarbeit von Rossinis lange verschollenm Werk.

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Geburtstagsfeier für Primadonna und künstlerische Leiterin Cecilia Bartoli . Foto: Monika Rittershaus

In der Schluss-Szene feiert die ausgelassene Gesellschaft an einer feudalen Festtafel mit bunt geschmücktem Hirsch überdreht wie eh und je und lässt die Harmonie und Eintracht der Völker Europas hochleben. Das Rossini-Fest endet eruptierend, als Cecilia Bartoli aus einer Geburtstagstorte entsteigt – eine Vorfeier auf den 4.6., wenn die Intendantin ihren 60er begeht: Buon Compleanno! „Die Musik soll leben und die Freude und die Liebe“, wie Corinna am Opernende singt…

Susanne Lukas, 22. Mai 2026 Premiere

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CRO-ArT Festival 2026
HERKUNFT – ZUKUNFT / HERITAGE – FUTURE / BAŠTINA – BUDUĆNOST

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Die siebte Ausgabe des CRO-ArT Festivals für Neue Musik und Kunst Wien, organisiert vom Kammermusikverein WISE und unter der künstlerischen Leitung der Geigerin, Bratschistin, Dirigentin, Kuratorin und Kulturmanagerin Andrea Nikolić, widmet sich einer der zentralen Fragen unserer Zeit: Wie kann kulturelles Erbe zur Grundlage einer gemeinsamen Zukunft werden?

Unter dem Leitthema HERKUNFT – ZUKUNFT versammelt das Festival von Mai bis Oktober 2026 — mit zusätzlichen neuen Projekten bis zum Jahresende — Konzerte, interdisziplinäre Projekte, Workshops und internationale Kooperationen zwischen Wien, Kroatien, Marokko sowie Bosnien und Herzegowina.

CRO-ArT versteht kulturelles Erbe nicht als statische Erinnerung, sondern als lebendigen Raum neuer Perspektiven, künstlerischer Offenheit und transkulturellen Dialogs.

Im Zentrum des Festivals stehen Begegnungen unterschiedlicher musikalischer Generationen, Traditionen und künstlerischer Poetiken. Werke von Boris Papandopulo, Emil Milo Cipra (dessen 120. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird), Tomislav Uhlik (70. Geburtstag), Laura Mjeda Čuperjani sowie weiterer bedeutender kroatischer Komponistinnen und Komponisten treten in Dialog mit neuen Kompositionen, österreichischen Autor:innen wie Friedrich Cerha, Erwin Schulhoff, Meinhard Rüdenauer, Gabriele Proy (u.a.) sowie weiteren mediterranen, europäischen und internationalen Komponist:innen, transmedialen Projekten und internationalen Kooperationen.

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Cipra Quartett. Copyright „Wise“

Eröffnet wird das Festival am 29. Mai 2026 mit dem Konzert „Zwischen Herkunft und Zukunft“ im Bank Austria Salon im Altes Rathaus Wien mit dem Cipra Quartett und Ivana Nikolić an der Oboe. Das Konzert wird von Ulla Pilz moderiert, während die visuelle Identität des Festivals vom Architekten Hessamedin Fama entwickelt wurde — inspiriert von Reflexionen über Zeit, Erinnerung und die Transformation kulturellen Erbes als etwas Lebendiges, Fragiles und ständig Wandelbares, das gerade durch Veränderung Raum für neue Formen und Zukunft eröffnet.

Die Hauptkonzerte — die zentralen Säulen der vier Festivalabschnitte — werden am 24. Juni, 5. August und 5. Oktober 2026 in Wien fortgesetzt, begleitet von zahlreichen internationalen Kooperationen und Gastprojekten zwischen und nach diesen Festivalstationen.

Das Festival umfasst darüber hinaus:
– das transmediale Projekt „Digital Diary – On the Creation of From the Same Sea“ von Andrea Nikolić und Sanel Redžić,
– das internationale VaClaF Festival in Vareš, Bosnien und Herzegowina, in Zusammenarbeit mit dem Verein der Musikfreunde Emil Milo Cipra Vareš,
– die erste Ausgabe des Festivals Mediterranean Music Bridges in Marokko sowie Kooperationen und Konzerttourneen in der Republik Kroatien.

Das CRO-ArT Festival hat sich über die Jahre zu einer Plattform für zeitgenössische Musik entwickelt, die allen zugänglich ist und in einem relevanten gesellschaftlichen Kontext präsentiert wird — durch die Schaffung neuer kultureller Verbindungen einer Kunst, die keine Grenzen kennt.

In einer Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen möchte das Festival Räume schaffen, in denen Musik nicht trennt, sondern verbindet — zwischen Herkunft und Zukunft, Erinnerung und Vision. Ein kulturelles Erbe, das neue Horizonte eröffnet und uns in eine bessere Zukunft führt.

Das CRO-ArT Festival 2026 wird vom Kammermusikverein WISE organisiert und ist Teil der jährlichen Zusammenarbeit mit HKD Napredak Wien sowie dem Verein Emil Milo Cipra Vareš. Neben österreichischen Organisationen und Institutionen wird das Festival vom Zentralen Staatsbüro für Kroat:innen außerhalb der Republik Kroatien unterstützt und seit seinen Anfängen im Jahr 2020 in Zusammenarbeit mit der Botschaft der Republik Kroatien in der Republik Österreich realisiert.

 Herzlich willkommen!

 Mehr Information finden Sie auf: www.wisemusicwien.com/events

Andrea Nikolić, Mag. Art.
Violinist/Violist/Conductor/Producer
General & Artistic director of WISE / VaClaF / CRO-ArT Festival
Vienna, Austria
+436769017226
www.andreanikolic.com

Meinhard Rüdenauer

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Presseschau Musikverein Graz: Facettenreicher Edelschliff

Riccardo Muti gastierte mit den Wiener Philharmonikern im Grazer Musikverein

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FOTO: LUEF / Musikverein Graz

Den Abschluss eines außerordentlichen Konzertabends im Grazer Stefaniensaal vorweg: Die Organisatoren des Grazer Musikvereins unter Intendant Michael Nemeth sowie der Vertreter des Hauptsponsors verliehen in feierlicher Form den gastierenden Wiener Philharmonikern die Ehrenmitgliedschaft. Dirigent und Maestro Riccardo Muti hatte diese Auszeichnung gesondert schon vor einem Jahr erhalten. In bewegenden Worten dankte der Sprecher der Wiener Philharmoniker, die seit 80 Jahren in Graz gastieren – zum ersten Mal im Juni 1946 (!) und just diesmal zum 25. Mal – für diese vom Publikum mit Standing Ovations bedachte Auszeichnung.

Dem vorangegangen waren die letzten drei zum Zwölferpack der „Londoner Sinfonien“ Joseph Haydns zählenden Werke, die, wie der Name sagt, im Jahr 1795 vom Rohrauer Meister anlässlich seines zweiten Aufenthalts an der Themse im „King‘s Theatre“ uraufgeführt wurden. Es sind dies Nr. 102, 103 und die feinsinnige Nr. 104 in D-Dur. Riccardo Muti maß der vorwiegend apollinischen Struktur Haydnscher Tonsprache einen entsprechenden, durchaus werkinhärenten Stellenwert zu. Muti hatte den formalen Verlauf und Zusammenhang stets „im Untergriff“ und vermittelte auf diese Weise mit durchaus sparsam gewählter Gestik eine zu erwartende – und zu erhoffende – der Musik innewohnende „Selbstverständlichkeit“. Und selbstverständlich, so wie‘s dann nämlich erklang, ist da gar nichts – zumal in seinen späteren Werken scheinen Haydns Wendungen recht kühn, ja oftmals zukunftsweisend.

Launig, ja mitunter geradezu frech changiert Haydn da zwischen den Tonarten und verpackt all dies in aufwühlende und mitreißende Dynamik. Und erschuf so ein komplexes Geflecht aus Rhythmus, Harmonie und melodischem Verlauf, alles verpackt obendrein noch in seinem eigenen gestalterischen Frohsinn. Summa summarum bildete all dieses einen ganz wunderbar funktionierenden, durch und durch ausgeglichenen, von berechtigten Jubelstürmen umkränzten Dreiklang aus Partitur, wohldosierter dirigentischer Gestik und nicht zuletzt den ganz fabelhaft respondierenden Philharmonikern.

KLEINE ZEITUNG | Walther Neumann
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Innsbruck: Johannes Maria Staud: „MISSING IN CANTU (EURE PALÄSTE SIND LEER)“ (ÖEA) – 23.5.2025 Premiere – Ein dystopischer Albtraum

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Hazel Neighbour (Echo), Marcel Brunner (Seher) © Marcella Ruiz Cruz

„Missing in cantu (eure paläste sind leer)“ ist die jüngste Oper des aus Innsbruck stammenden Komponisten Johannes Maria Staud nach einem Libretto des oberösterreichischen Autors, Dramatikers und Regisseurs Thomas Köck. Nach der Uraufführung 2023 im Rahmen des Kunstfests Weimar gelangte das Werk nun in der Inszenierung von Bettina Bruinier am Tiroler Landestheater Innsbruck zur österreichischen Erstaufführung.

Die Handlung entfaltet sich in drei Strängen, die jedoch – entgegen anderslautender Hinweise im Einführungsgespräch von Julia Spinola, Co-Direktorin und leitende Dramaturgin der Sparte Musiktheater am Tiroler Landestheater, mit dem Komponisten – nicht wirklich zueinanderfinden, sondern weitgehend im Anekdotischen verbleiben. Zusammengehalten werden sie durch eine sehr unverblümt formulierte Sozialkritik an den vielfältigen Verfehlungen der Menschheit: religiösem Fanatismus, Machtgier, zwanghaftem Konsumverhalten und Turbokapitalismus. Ein „Seher“ blickt aus nachträglicher Perspektive auf die Ursachen des menschlichen Untergangs zurück. Die Paläste stehen leer, die Räume verfallen, die Menschen sind verschwunden – wie konnte es so weit kommen? Kontrapunktisch tritt ihm die Figur „Echo“ gegenüber: Sie hinterfragt seine Klagen, verschiebt die Perspektive und rückt den Seher zunehmend selbst in die Nähe eines Mitverantwortlichen dieses dystopischen Albtraums, weil er weggesehen und nicht dagegen unternommen habe.   

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Jennifer Maines (Hexe), Christian Miedl (Don Stepano), Chor © Marcella Ruiz Cruz

Die drei Handlungsstränge stehen exemplarisch für die genannten Verfehlungen und deren zerstörerische Folgewirkungen. Die erste Episode führt ins 16. Jahrhundert: Der Konquistador Don Gairre unternimmt mit seiner Expedition einen Zug durch den brasilianischen Dschungel, getrieben von der Suche nach der paradiesischen Stadt Eldorado. Die Truppe meutert, der Missionar Don Steppano wird zum König ausgerufen; religiöser Eifer schlägt in Gewalt um, in Morde an Indigenen und Hexenverbrennungen. Später wird Steppano von Don Gairre gestürzt, während sich die Suche nach Eldorado im Nirgendwo des Dschungels verliert.

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Jakob Nistler (Schlachthausbesitzer), Chor © Marcella Ruiz Cruz

Die zweite Episode spielt in einer US-amerikanischen Vorstadt. Ein Reporter-Duo mit Kamera und Mikrofon bedrängt einen Drogenabhängigen, ein Opfer der Opioidkrise der Nullerjahre in den USA – einer massiven Gesundheits- und Gesellschaftskrise, ausgelöst durch die massenhafte Verschreibung, Abhängigkeit und Überdosierung von opioidhaltigen Schmerzmitteln – und zerrt sein Leiden in die Öffentlichkeit. Die mediale Ausbeutung wird zur Fortsetzung der Gewalt mit anderen Mitteln. Später stürmt der Mann einen Gottesdienst, nimmt Geiseln und erschießt sich.

Der dritte Strang führt in ein Schlachthaus, in dem während der Arbeit reihenweise Menschen kollabieren. Um überhaupt überleben zu können, leisten sie trotz Schlafmangels mehrere Jobs und halten sich mit Aufputschmitteln funktionsfähig. Am Ende stirbt ein Elternpaar an den Folgen einer Überdosis. Das – eher banale, aber durchaus wahre – Fazit lautet: Die Menschen lernen nichts aus der Geschichte.

Johannes Maria Stauds Musik unterlegt den Stoff stellenweise in der Art einer Filmmusik, wobei unterschiedliche Ausdrucksebenen und Stilmittel ineinandergreifen: seine eigene musikalische Sprache mit eindringlichen Kantilenen, schwebenden, teils wirkungsvoll durch den Raum des Großen Hauses kreisenden Klangflächen und klangschön aus dem Orchester hervortretenden Soli; direkte Zitate aus geistlichen Chorsätzen des 16. Jahrhunderts von William Byrd und Cristóbal de Morales; dazu Genrezitate aus Popmusik und Gospel.

Die Interpretation durch das SWR Experimentalstudio unter der Klangregie von Michael Acker und das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der Leitung von Timothy Redmond eröffnet Freiräume für Improvisation und klangliche Entfaltung. Allerdings treten Elektronik und die Rhythmik eines beträchtlich erweiterten Schlagwerks deutlich stärker hervor als die genuinen Möglichkeiten des Orchesterklangs. Die Zitate werden collageartig eingefügt und bleiben weitgehend ohne tiefere kompositorische Verarbeitung. Zugleich schöpft die Partitur kräftig aus dem Fundus vertrauter Klischees: Gegenwartsbezogene Popularmusik markiert das Milieu des drogenabhängigen Attentäters ebenso wie die – im Übrigen äußerst eindrucksvolle – Schlachthausszene, während die Renaissance-Zitate die Eldorado-Episode signalisieren bzw. am Ende noch einmal heraufbeschwören. Manchen mag diese Art der Vertonung zu plakativ erscheinen, anderen bietet sie willkommene Orientierungspunkte in einem Libretto, das sich streckenweise in metaphorischen Bildern und Abstraktionen artikuliert, sowie in einer streckenweise unvertraut oszillierenden Klangwelt.

Formen wie Rezitativ, Arie oder Ensemblesatz, ebenso die Idee eines durchkomponierten musikalischen Verlaufs, spielen für „missing in cantu (eure paläste sind leer)“ als kompositorische Kategorien kaum eine tragende Rolle. Treffender erscheint Julia Spinolas Charakterisierung einer „mehrschichtigen, hybridhaften Szenenanlage“ (Programmheft, S. 8). Zunächst ist das Stück nicht nur Oper, sondern über weite Strecken auch gesprochenes Schauspiel, manche Rollen sind überhaupt nur Sprechrollen. Zur Hybridität des Gesamteindrucks trägt auch Bettina Bruiniers Inszenierung wesentlich bei. Neben den (Dreh-)Bühnenkonstruktionen von Volker Thiele, den anregenden Kostümen von Chani Lehmann und der dynamischen Choreografie von Volker Michl kommt dabei vor allem den Videozuspielungen von Ayşe Gülsüm Özel eine tragende Funktion zu. Gerade durch sie wird Stauds Intention, eine Nähe zu Film und Filmmusik herzustellen, besonders prägnant herausgearbeitet.

Das Werk, das in seinen 90 Minuten in 15 Einheiten gegliedert ist, wird in einer Folge vielfältiger szenischer Konstellationen geradezu opulent bildhaft visualisiert. Dass dieses Potpourri aus unterschiedlichen Klängen, Genres, dramatischen Situationen, Videoebenen und Kameraeinstellungen einen beträchtlichen Unterhaltungswert besitzt, lässt sich kaum bestreiten, und auch die schauspielerische, sängerische und instrumentalmusikalische Umsetzung ist sehr ansprechend.

Problematisch wird es allerdings dort, wo Rollen mit hohem Sprechtheateranteil Sängerinnen oder Sängern anvertraut sind, deren Deklamation nur eingeschränkt verständlich bleibt. In Innsbruck betrifft dies insbesondere die Partien von Echo und Don Gairre. Von einem Landestheater darf man erwarten, für solche Aufgaben eine auch sprachlich adäquate Besetzung zu finden, die gegenüber dem standardisierten Bühnendeutsch der Kolleginnen und Kollegen aus dem Schauspielfach nicht deutlich abfällt.

Die überragende Erscheinung des Abends ist – sängerisch wie deklamatorisch – Marcel Brunner als Seher. Mit seinem biegsamen, wendigen Bassbariton und seiner ausdrucksstarken Deklamation gibt er der Figur eindrucksvolle Kontur. Hazel Neighbour beeindruckt als Echo mit einem leuchtenden, differenziert geführten und warm timbrierten Sopran. Stephen Chaundy bringt als Don Gairre mit virilem, dynamischem Tenor Energie und Dramatik in seine Szenen, während Christian Miedl den religiösen Eiferer Don Stepano in fein austarierter Baritonlage überzeugend zeichnet. Jennifer Maines sorgt als wortlos heulende Hexe für beklemmende Momente. Auch William Blake als Don Miguel, Michael Gann als Übersetzer, Jakob Nistler als Schlachthausbesitzer und in weiteren Rollen sowie Sabrina Henschke als dritte Polizistin überzeugen sowohl in ihren Gesangs- als auch Sprechpartien. Stefan Riedl als drogenabhängiger Hausbesitzer und Attentäter sowie Bernarda Klinar als Reporterin und in weiteren Nebenrollen vertreten das Schauspielfach mit Nachdruck, Jannis Dervinis, Stanislav Stambolov und William Tyler Clark spielen den Konquistador und Ureinwohner und Jakob Noggler das betroffen schweigende Kind.

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Stefan Riedl (Attentäter), Chor © Marcella Ruiz Cruz

Ein besonderes Lob gebührt dem Chor und der Statisterie des Tiroler Landestheaters, den Musikerinnen und Musikern des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck sowie dem SWR Experimentalstudio und den musikalischen Leitern des Abends.

Thomas Nußbaumer
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