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GROSSE ERWARTUNGEN

09.01.2013 | FILM/TV

Ab 11. Jänner 2013 in den österreichischen Kinos
GROSSE ERWARTUNGEN
Great Expectations / GB /  2012
Regie: Mike Newell
Mit: Jeremy Irvine, Ralph Fiennes, Helena Bonham Carter, Holliday Grainger, Robbie Coltrane u.a.

Geht man von der literarischen Wertigkeit der verschiedenen Dickens-Romane aus, werden die „Great Expectiations“ vielleicht gar nicht im Spitzenfeld landen: Die Geschichte des armen Jungen vom Lande, der durch einen unbekannten Gönner plötzlich „große Erwartungen“ an das Leben stellen darf und zum reichen jungen Herren im London in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird, ist nicht besonders interessant. Dennoch haben Filmemacher immer wieder das Bedürfnis gezeigt, gerade diesen Roman zu verfilmen – vermutlich des bunten Ambientes wegen und gereizt von den Schauer-Elementen der Handlung.

Regisseur Mike Newell brachte dafür nicht nur die Erfahrungen in zahlreichen Filmgenres (zwischen Gesellschaftskomödie und Harry Potter) mit, sondern auch sein gebürtiges Britentum – und die zeitgemäße politische Korrektheit, die den Kostümschinken nach seinen gesellschaftlichen Implikationen befragt. Tatsächlich erlebt man bei ihm die Welt der Queen Victoria nicht in erster Linie  in ihrer opulenten Pracht, sondern weit eher in ihrer Fragwürdigkeit. Und das macht die Geschichte um einiges interessanter, als man sie in früheren Interpretationen erlebt hat.

Schon in den Anfangsszenen auf dem Land, wo der junge Pip immer wieder zum Grab seiner verstorbenen Eltern schleicht, hängen jene eisernen „Käfige“ in der Luft, in denen man Verbrecher einsperrte und verhungern ließ. Die Gesellschaft in der Schmiede seines Onkels, der im Grunde der einzige liebenswerte Mensch weit und breit ist (eine schöne Leistung von Jason Flemyng als Joe Gargery), zeigt des Regisseurs Lust, das schmutzige, grölende Landvolk satirisch zu überzeichnen. Aus einem dieser Käfige ist der Häftling Magwitch entflohen (Ralph Fiennes wird als verschmutzter, Angst einjagender Kinderschreck eingeführt) – und nur der kleine Pip empfindet menschliches Rühren und versorgt ihn mit Nahrungsmitteln.

Später kommt der Junge als Spielgefährte für ein hochmütiges kleines Mädchen auf das Schloss von Miss Havisham: Hier lässt Newell den ganzen „Gothic“-Reiz und –Schauer alter Schlösser ausspielen, und Helena Bonham Carter verkörpert das unglückliche Fräulein, das an seinem Hochzeitstag sitzen gelassen wurde, wie eine Hexe aus dem Gruselfilm…

Wenn Pip dann älter ist, erlebt der Kinobesucher eine leise Enttäuschung: Zwar ist Jeremy Irvine, der Pip als jungen Mann spielt, der leibliche Bruder jenes Toby Irvine, der der kleine Pip war – aber um wie viel mehr überzeugte das Kind mit seiner hinreißenden Ausstrahlung, während Jeremy Irvine eigentlich ein eher gewöhnlicher, uninteressanter Typ ist. (Das hat man schon festgestellt, als Steven  Spielberg ihn in der Hauptrolle seines „Warhorse“-Films  – zu Deutsch: „Gefährten“ – auch überforderte…)

Dieser Pip kommt nun bekanntlich nach London, wo er die Aufgabe hat, sich vom Landei zum jungen Mann der Gesellschaft zu entwickeln, was weniger aufregend ist als die faszinierende Detailarbeit, mit der hier ein schmutziges, enges, lautes London mit einer üblen Aristokratenschicht entwickelt wird: Dieses „Gesellschaftsporträt“ einer Stadt ist es, das diesen Film ultimativ sehenswert macht.

Denn die Geschichte geht so simpel weiter, wie man sie kennt – die Jugendliebe des armen Jungen ist nun auch eine junge Frau, und Holliday Grainger bringt als Estella überzeugend jene Hochmutsmiene und Herzlosigkeit mit, die Dickens ihrer Figur gegeben hat. Bekanntlich gibt es ja eine Romanfassung ohne und (später, wohl aus Gründen der Publikumswirksamkeit) eine mit Happyend. Newell deutet dieses nur an – er hat die Problematik vor allem von Estella genau genug herausgearbeitet, dass man nicht sicher ist, ob man sie Pip wünschen soll…

Die Qualitäten der „Großen Erwartungen“, die hier in der Figurenzeichnung und dem Milieu liegen, weniger in der Story, sind in dieser Verfilmung klug herausgearbeitet. Sicher rascheln die Kostüme und als Literatur ist es nicht so spannend wie die Schicksale von Oliver Twist oder David Copperfield, aber was man an Untiefen aufdecken kann, ist hier geschehen.

Renate Wagner

 

 

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