Filmdiva mit einem großen Herzen
Ein ganz persönlicher Nachruf auf Brigitte Bardot
Von Kirsten Liese

Viele assoziieren mit ihrem Namen nur die blonde Sex-Ikone und schamlose Verführerin mit Schmollmund, als die sie in Filmen wie „Et Dieu créa la femme“ („Und immer lockt das Weib“) „En cas de malheur“ („Mit den Waffen einer Frau“), „Viva Maria!“ oder „Vie privée“ („Privatleben“) zu erleben war. Dass diese Produktionen an sie als Schauspielerin keine sonderlichen Anforderungen stellten, hat sie selbst in späteren Jahren keinen Hehl gemacht.
Jedenfalls sagte Brigitte Bardot rückblickend mehrfach, dass für sie ihr Wirken als Filmschauspielerin wenig bedeutsam war, aber natürlich dank hoher Gagen eine gute Grundlage für ihre eigentliche Mission, den Tierschutz, dem sie sich nach dem Ende ihrer Leinwandkarriere widmete. Und über den sie sich als ein ganz anderer Mensch entdecken ließ als ein vermeintliches Biest: als eine Grande Dame mit einem großen Herzen, die ihr Vermögen und ihre Popularität ganz in den Dienst der geschundenen lobbylosen Kreaturen stellt und dafür in Kauf nimmt, auf unerträgliche Weise beschimpft und beleidigt zu werden wie nun auch in zahlreichen Nachrufen, die mich dazu bewogen haben, meinen ganz persönlichen zu schreiben, den ich ihr als Seelenschwester schulde.
Bevor ich darauf zu sprechen komme, sollen zumindest aber ein paar Zeilen der Aktrice Bardot gewidmet sein, die ich immerhin in zwei anspruchsvolleren Filmen sehen konnte: „La verité“ („Die Wahrheit“) und „Le mépris“ („Die Verachtung“), in denen sie zwar auch dem Mythos entspricht, auf den die Filmindustrie sie festlegte, aber in denen sie dann doch dank hochwertigerer Drehbücher nicht nur Busen, Po und schöne Beine präsentiert, sondern seitens der Dialoge stärker gefordert ist.
In Henri-Georges Clouzots Drama „La verité“ steht sie als Angeklagte vor Gericht. In Rückblenden erzählt der Regisseur die Geschichte einer tragisch endenden Amour fou zwischen einer jungen, lebenshungrigen Frau und einem jungen Dirigenten. Weil sie ihn ein bisschen zappeln lässt und sich zeitweise mit noch anderen Männern amüsiert, bis sie ihre große Liebe allein für ihn entdeckt, unterstellen ihr Richter und Staatsanwälte, dass sie den Musiker nur an der Nase herumgeführt habe. Und ihn, nachdem er sich schließlich – frustriert und verärgert über ihre Eskapaden mit anderen Männern – mit ihrer Schwester verlobt hatte, aus Rache an der Schwester ermordet habe.
An dieser Konstruktion, die so nicht der Wahrheit entspricht, zeigt sich letztlich die frauenfeindliche Justiz zu Beginn der 1960er Jahre vor der sexuellen Revolution. Mit größtem Eifer lastet sie einer unschuldigen Frau, die die nicht dem normativen Rollenbild entspricht, ein Verbrechen an und spricht ihr ihre Gefühle ab. Ob Richter aufmüpfigen Frauen heute mehr Vertrauen schenken würden, bleibt allerdings die Frage.
Jean-Luc Godards Drama „Le Mépris“ („Die Verachtung“) erscheint noch zeitloser, in der Weise wie hier eine relativ harmlose Situation, die Missverständnisse nach sich zieht, bewirkt, dass sich ein Paar derart in Streitigkeiten verliert, bis die Beziehung zerbricht. Brigitte Bardot und Michel Piccoli spielen das sehr überzeugend, verheddern sich zusehends in absurden Situationen. Wie im wirklichen Leben. Die Verachtung, die sie ihm gegenüber plötzlich ausspricht, spiegelt sich zudem in den Empfindungen des Filmemachers, der nebenher vom Filmemachen erzählt. Und das mit dem legendären Fritz Lang, der sich selbst spielt und sich an seinem amerikanischen Produzenten ärgert, der sein Drehbuch über Homers Odyssee überarbeiten lassen will. Zeitweise sehr kluge, philosophische Dialoge und absurdes Theater bietet dieser Film, der nicht zuletzt auch dank des elegischen wiederkehrenden Sundtracks von George Delerue anrührt.
Schade, dass Bardot nicht weitere solche anspruchsvolleren Filme angeboten wurden, aber letztendlich war das vielleicht ihre Bestimmung, sonst hätte die Tierwelt in ihr keine so engagierte Anwältin gefunden.
In den 1970er und 80er Jahren veräußerte sie einen großen Teil ihres Besitzes, um mit dem Gewinn ihre Stiftung zur Rettung der Tiere zu gründen.
Von da an wuchs sie mir, so wie ich selbst die an Tieren begangenen Grausamkeiten verurteile, stark ans Herz. Und ich bewunderte sie dafür, wie sie dafür nicht nur ihr Geld zur Verfügung stellte wie ich, sondern sich auch selbst mit dem Leid konfrontierte, als sie etwa nach Kanada reiste, um den Kampf gegen das Abschlachten von Robben aufzunehmen. Das Bild von ihr mit einem Robbenbaby auf dem Arm, das ein wildes Massaker überlebt hatte, werde ich nie aus dem Kopf bekommen.
Ihre 2018 erschienene Autobiografie „Tränen des Kampfes“ konnte ich nur unter Tränen lesen, manche Kapitel, die von unsäglichem Leid berichteten, musste ich abbrechen. Und ich fragte mich und frage mich das immer wieder, wie es nur Menschen geben kann, die so wenig Empathie, so wenig Mitgefühl für unsere Mitgeschöpfe haben können.
Vielfach wird Bardot vorgeworfen, sie hätte zu wenig Empathie für Menschen gehabt. Offenbar verstehen die, die sich daran stören aber nicht, dass das unmittelbar mit den Grausamkeiten zu tun hat, die Menschen Tieren antun, nicht umgekehrt.
Das Entsetzen darüber, dass Bardot ihren Sohn lange Zeit verbannte, lässt sich eher nachvollziehen. Aber das geschah nicht aus böser Absicht, sondern resultierte vermutlich aus dem heute bekannteren Phänomen einer postnatalen Depression. Leider gehören solche Fehlbarkeiten zum Menschsein dazu. Immerhin hat Bardot das später bereut und sich beim Sohn entschuldigt. Und dafür eben anderweitig ihr Herz geöffnet, das andere Menschen ihr ganzes Leben lang verschließen. Zum Vergleich konnte Mia Farrow die Mutterrolle nicht ertragen und adoptierte dennoch ein Dutzend weiterer Kinder.
So sehr ich mich jedenfalls mit Bardots Aktivitäten beschäftigte, wurde mir bewusst, dass es keine Gattung gab, für die sie keine verbesserten Lebensbedingungen forderte: ein Verbot der Jagd auf Rehe und Hirsche in Wäldern war ihr ebenso ein Anliegen wie die Abschaffung der rituellen Käfighaltung in der Geflügelzucht, das systematische Töten männlicher Küken oder das rituelle Schächten von Schafen.
Es ist bezeichnend, dass sie in Sache Schächten mehr Widerstand als Unterstützung erfuhr, die französische Regierung sich bis heute ebenso beschämend wenig wie die deutsche dazu entschließen kann, Ethik über Religion zu stellen. Die Freiheit eines jeden einzelnen sollte bekanntlich dort aufhören, wo die anderer verletzt wird. Und das sollte für alle schmerz- und leidensfähigen Geschöpfe gelten.
Das alles hatte mich derart aufgewühlt, dass ich Brigitte Bardot 2020 schrieb, ihr meine Bewunderung und Seelenverwandtschaft ausdrückte.
Ihre Antwort darauf war ein ganz berührender, per Hand geschriebener Brief, in dem sie mich nun ihrerseits eine „soeur ame“ (Seelenverwandte) nannte und mir für meine Anteilnahme, mein Engagement und finanzielle Unterstützung als Spenderin dankte. „Ihr Brief hat mich zu Tränen gerührt“, so beginnt er, „Ihre Hoffnungen, Ihre Herzensangelegenheiten, Ihre Verzweiflung sind auch meine.“
Dann folgt der entscheidende Satz „Sie sind meine Seelenverwandte“ und weiter auf der ersten Seite: „Es erfordert viel Mut, sich der Wahrheit zu stellen, und viel Mühe, der breiten Masse verständlich zu machen, welche Qualen Menschen den Tieren zufügen, diese unmenschlichen, roboterhaften Wesen, von denen es auf diesem armen Planeten, der durch alle Gräueltaten, die der Mensch ihm antut, verwüstet ist, viel zu viele gibt.“
Der Brief hat mich derart bewegt, dass ich entschloss, sie unbedingt persönlich in ihrer französischen Heimat kennenlernen zu wollen. Aber zu diesem Zeitpunkt war das Reisen aufgrund von Einschränkungen und Auflagen wegen Corona sehr mühsam und so schob ich mein Vorhaben auf. Leider zu lange. Nun ist es zu spät.
Im Alter von 91 Jahren ist Brigitte Bardot am 28. Dezember gestorben.
Ihre Stiftung wird hoffentlich bleiben. Ich werde sie noch mehr unterstützen als zuvor.
Kirsten Liese

