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Film: MULAN

03.09.2020 | FILM/TV

Start am 4. September 2020 auf Disney +
MULAN
USA / 2020
Regie: Niki Caro
Mit: Liu Yifei, Yoson An, Gong Li, Jason Scott Lee, Jet Li u.a.

Erst war von Disneys großem Kino-Hit des Jahres die Rede, dann kam Corona, und der Start wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Und nun hat der Verleih den singulären Entschluß gefasst, „Mulan“ überhaupt nur als Stream, bei Disney plus, anzubieten. Zu hoffen ist, dass es doch noch einen Kinostart oder einen baldigen DVD-Start gibt, denn nicht jeder hängt an den großen Kanälen… und wir plädieren ja fürs Kino.

Aber „Mulan“ soll nicht unbeachtet vorbei gehen, dazu ist der Film doch rundum zu gelungen, wenn auch nicht das ultimative Ereignis. Als Beispiel von wackerer (asiatischer) Girlie-Power passt die China-Heldin auch in unsere Welt, wo Frauen so wild hervorpreschen wie alle anderen Benachteiligten, ob es um Hautfarbe oder sexuelle Prägungen geht. Also – die Geschichte einer besondernen Frau.

Das war sie andeutungsweise schon 1998 als (damals allerdings vordringlich herzige) Disney-Zeichentrick-Heldin, genauer gesagt noch früher. Der Mythos des Mädchens, das sich als Mann verkleidet (Yentel tut es, um studieren zu können), ist alt, geht in diesem Fall auf eine eineinhalbtausend Jahre alte chinesische Legende zurück. Zu dem tapferen Geschöpf, das an Stelle des Vaters in den Krieg zieht, lässt sich eine Menge hinzu deuten – Mut, Entschlossenheit, Zähigkeit, Ausdauer, Verzichtsbereitschaft, Haltung, Tapferkeit, lauter ehrenwerte Dinge (auch und vor allem in den Augen der Chinesen selbst, die als Millionenpublikum für Hollywood-Filme einen unverzichtbaren Markt darstellen).

Wenn Mulan nun in der Realverfilmung auf der Leinwand erscheint, so vermeidet Disney diesmal die Verniedlichung der weiblichen Geschichte in ein Musical (wie das Original und etwa bei Arielle und Pocahontas), und der kleine Drache Mushu, der den Zeichentrickfilm so kindergerecht gemacht hat, fehlt auch. Zu lieblich soll die Geschichte nicht werden, wenn sie auch so beginnt. Da erlebt man das chinesische Dorf um einen zentralen Platz, Hühner gackern, die Menschen wieseln herum – und über die Dächer „fliegt“ geradezu ein kleines Mädchen (Crystal Rao) mit Purzelbäumen und Saltos. Hier wird schon die Technik der wie von Erdenschwere losgelösten Kämpfe angedeutet, die die Martial Arts-Filme vor allem Hongkongs so besonders gemacht haben, Kämpfe, die dann auch hier eine große Rolle spielen. Bei jeder Gelegenheit werden im Lauf des Films mit Schwung und Gewandtheit die Schwerter gezückt…

Sobald Mulan erwachsen ist (Liu Yifei ist bildhübsch und zart, blickt aber meist finster drein, damit man sie für einen Mann hält, und lässt aus ihrer Verschlossenheit heraus innere Kraft spüren), wird es heroisch-tremolierend. Dass sie sich nicht verheiraten lassen will, das ist Standard-Repertoire bei selbstbewussten jungen Frauen. Aber dass sie heimlich für ihren kranken, edlen Vater (Tzi Ma) einspringt, als jede Familie auf Befehl des Kaisers einen Krieger stellen muss und kein Sohn da ist – das ist schon stark.

Freilich, als Frau unter Männern in einer Armee unentdeckt zu bleiben, das hat schon seine komischen Momente. Und den Kommandanten Tung (Donnie Yen) zu überzeugen, ist nicht ganz leicht. Aber da heißt es einfach, hart sein, durchhalten, zu zeigen, dass man nicht nur so gut wie alle anderen ist, sondern besser – beim Wassertragen die Stufen den Berg hinauf schneller sein als alle männlichen Kollegen. Achtung verdienen und doch Einzelgängerin bleiben…

Aber es ist ja doch ein chinesisches Märchen, also darf es an Magie nicht fehlen. Eine Hexe namens Xian Lang (Gomg Li, die unvergessene „Geisha“) führt Mulan in Versuchung, sich auf die dunkle Seite der Welt, sprich: auf die Seite des Bösewichts Bori Khan (Jason Scott Lee) zu schlagen, statt ihrem Kaiser (Jet Li) treu zu dienen. Klappt natürlich nicht. Und schließlich kann vielleicht am Ende, wenn Mulan als „großer Krieger“ ausgezeichnet wird (die Frau als Mann – erstrebenswert?), vielleicht doch ein Mann auf sie als Frau hoffen? Allerdings darf er – wir sind in der #metoo-Welt! – nicht mehr ihr Vorgesetzter sein wie in der Zeichentrickversion, das würde doch nach männlichem Machtmissbrauch schmecken (!), sondern in Chen Honghui (Yoson An) nur ein gleich gestellter Soldat… Worüber man sich heutzutage den Kopf zerbricht, nur um ja keinen Shitstorm im Internet zu erzeugen…

Man sieht, das Ganze ist zwar als großes Abenteuer angelegt, die Sache verläuft aber geradlinig und nicht übertrieben einfallsreich. Doch es ist schön gefilmt (auch was die Natur und die Settings betrifft) und auf bewährte Weise kampf-choreographiert. Regisseurin Niki Caro hat die Erfordernisse der heutigen Zeit (natürlich darf kein „Weißer“ mitspielen) ziemlich souverän in den Griff bekommen.

200 Millionen Dollar hat der Film gekostet, er ist spektakulär genug, aber hält sich (wir sind bei Disney) in den Grenzen eines Familienfilms, der auch für Jugendliche gedacht ist. Ein buntes Spektakel über eine sympathische junge Frau ist es allemale geworden. Brauchbares Material, dessen Vermarktung jetzt ein Problem für sich darstellt.

Renate Wagner

 

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