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EXIT MARRAKECH

21.10.2013 | FILM/TV

FilmPlakat Exit Marrakech

Ab 25. Oktober 2013 in den österreichischen Kinos
EXIT MARRAKECH
Deutschland  /  2013
Drehbuch und Regie: Caroline Link
Mit: Ulrich Tukur, Samuel Schneider, Hafsia Herzi, Marie-Lou Sellem, Josef Bierbichler u.a.

Die deutsche Filmemacherin Caroline Link, die nächstes Jahr 50 wird, lässt sich Zeit. Zwischen ihren einzelnen Projekten vergehen Jahre. Nur fünf Filme hat sie bisher gedreht, aber diese waren bemerkens-, sind merkenswert. Fünf Jahre sind seit dem letzten vergangen. Nun ist sie, die mit „Nirgendwo in Afrika“ 2003 den „Oscar“ für den besten fremdsprachigen Film nach Deutschland brachte, thematisch wieder nach Afrika zurückgekehrt. Aber diesmal nach Marokko, das realistisch und doch pittoresk genug von der Leinwand kommt, doch nicht nur billiger Neckermann-Hintergrund ist: Das fremde Land wird zum Katalysator in einer Familiengeschichte, die sich auf Vater und Sohn zuspitzt.

Der Sohn ist gerade 17, sein Lehrer (Josef Bierbichler in einer Studie der Anteilnahme, wie man sie im echten Leben vermutlich nur noch vereinzelt findet) schickt ihn mit Ermahnungen in die Ferien. Ben, der schreibt (nämlich sich den Kummer über die zerstörte Familie von der Seele), ist in einer Periode des Gar-nichts-mehr-Wollens. Schon gar nicht, zu seinem Vater, einem berühmten Theaterregisseur, nach Marrakesch zu fahren, weil dieser dort gerade „Emilia Galotti“ inszeniert (die Frage „Wozu?“ wird für diese teuren Kulturaustausch-Projekte durchaus in den Raum gestellt…). Aber die Mutter, bei der Ben lebt, ist offenbar auch Künstlerin, Musikerin, sie hat ihre Termine in Paris. Irgendwann aber kommen „Kinder“ in ein Alter, wo sie keine Lust mehr haben, herumgeschoben zu werden. Ben ist so weit.

Der 18jährige Samuel Schneider ist ein Glücksfall für diesen Film. Gut aussehend, aber nicht von der prekären Sorte, die dann Teenager-Lieblinge abgibt. Er spielt einen schwer belasteten jungen Mann, dem das Drehbuch auch noch Diabetes (mit dauerndem Checken der Blutwerte und täglichen Eigeninjektionen) auferlegt. Seinen Vater, wie er ihm nach vielen Jahren, in denen dieser sich nicht um ihn gekümmert hat, nun in Marrakesch erlebt, hält er für einen aufgeblasenen Idioten, dessen Wünsche und Ansichten ihn nicht interessieren. Im Luxushotel am Pool liegen und lesen (weil, wie sein Vater meint, die Literatur viel spannender sei als das wahre Leben – was immerhin ein zu diskutierender Standpunkt ist), mag er auch nicht. Mit einer Naivität, die ihm im wirklichen Leben ebendieses (das Leben nämlich) kosten könnte, zieht er allein in der Stadt herum. Interessiert um sich blickend, aber immer locker und gelassen – in diesem Film, der auch sehr langsam läuft, gibt es kaum Hektik.

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Man dankt es dem Drehbuch von Caroline Link, dass sie aus der Begegnung Bens mit einer einheimischen Prostituierten nur eine Episode macht und die Sache nicht in triefende Liebe ausarten lässt. Dann wäre diese Karima auch hübscher ausgefallen als Hafsia Herzi, die immerhin eigenen Reiz hat. Aber als sich Ben ihr als Trotzreaktion anschließt, sobald sie zu ihrer Familie in die Berge fährt, weiß sie, dass ihr der Fremde – der weder reich noch alt genug ist, um ihr Schicksal wenden – nur lästig sein kann. Nachdem er bei ihrer Mutter und Schwester zögernd aufgenommen wurde, die Männer hingegen brutal auf das „Weißbrot“-Gesicht reagierten, lässt sie ihn fallen. Ben ist nicht erschüttert, zieht weiter. Will die Wüste sehen, tut es, wedelt selig die Dünen hinab. Bis er von seinem Vater gefunden wird…

Dieser Vater ist eine großartige Rolle für Ulrich Tukur, der den ganzen überlegenen Hochmut des Intellektuellen verströmt, sich dabei aber offen und liberal (und was immer man heute eben trägt) gibt. Die erste Frau und den Sohn hat er verlassen, jetzt hat er eine zweite Familie mit kleiner Tochter, aber eigentlich hat er, das kommt ganz genau heraus, auf Bindungen an sich keine Lust. Weit mehr für seinen Beruf und seine intellektuelle Betätigung. Als der Sohn verschwindet und er ihn suchen muss, überwiegt der Ärger. Aber Ben gibt ihm diesen zurück. Und aus dieser Sperrigkeit erfolgt dann die Annäherungen. Wieder Dank an das Drehbuch – der Autounfall, den beide in der Wüste bauen, wirkt völlig logisch, ist schlimm genug, aber keine triefend sentimentale Tragödie. Eher ein Auf-einander-angewiesen-sein, das sich bewährt.

Kitschig wird es dann erst am Ende, mit der herbeigeilten Mutter (Marie-Lou Sellem) am Krankenbett, mehr noch, als Ben mit seiner kleinen Halbschwester Bekanntschaft schließt. Da schießt die Geschichte, die bis dahin in ihrer Gelassenheit so schön war, ein wenig übers Ziel hinaus und überschreitet die Kitschgrenze. Sei’s drum. Allein, wenn man bedenkt, wie ruhig und klug die Regisseurin ein echtes Marokko in den Film eingebaut hat – und wie angenehm unaufgeregt alles verläuft, dann weiß man schon, dass „Exit Marrakech“ mehr ist als die vielen Durchschnittsproduktionen, die den Markt überschwemmen.

Renate Wagner

 

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