Eventkultur in Wien: Strauss & Braus … und schon vorbei
Die Künstler und Kulturmacher in Wien jammern: Die Stadt ist schwer verschuldet, Kultursubventionen werden deshalb gekürzt oder ganz gestrichen. Am Beginn des Jahres hatte es aber noch vollmundig zum Johann Strauss-Jahr geheißen: „Wien in Strauss und Braus 2025″. Damit ist es vorbei. 22 Millionen Euro wurden für diese Eventreihe ausgegeben. Vorbei ist es auch mit fast allen dieser Produktionen und deren Versuchen, eine aktuelle kreative Variante mit dem genialen Schaffen des Walzerkönigs zu verbinden. Die Programmierung wäre interessant gewesen, doch einige der aufgerufenen Autoren wie Thomas Brezina, Roland Schimmelpfennig, Mathilde Monnier sind mit ihren ausgeführten Ideen so ziemlich gescheitert. Kein Tiefgang. Wiens Kultur vermag in diesen Tagen dem Walzerkönig nichts gleichwertiges nachfolgen zu lassen. Anstatt einer Kreativkultur, wie etwa die besonders in Wien im 19. Jahrhundert blühende, ist den Bürgern heute eine Einkaufskultur verschrieben. Alles Schönreden des Bürgermeisters mit der „lebenswertesten Stadt“ hilft nichts – die Architektur der Asperner Seestadt oder die neuen Viertel, etwa im 20. Bezirk, oder die zahllosen Graffiti-beschmierten Gebäude zählen sicher nicht zu Meisterwerken.
Die meisten der Top-Positionen im Kulturbetrieb der Stadt sind mit nach Wien geholten Gästen besetzt. Kunsthistorisches Museum, Albertina, Volksoper, Musikverein, Vereinigte Bühnen, Volkstheater, im Museumsquartier und, und …. teils aktive, teils farblose Personen. Dies sagt aus: Wien hat im Wandel der Generationen versagt, die eigenen jungen Menschen als Führungskräfte zielführend aufzubauen. Nicht nur in der Kultur. Etwa Ralf Rangnick, zur Zeit nicht unbeliebter Teamchef der österreichischen Nationalmanschaft aus Baden-Württemberg, denkt über die heimischen Fussballvereine, welche sich mit Gastkickern aus aller Welt zu verbessern suchen, doch trotzdem im internationalen Vergleich heuer besonders schlecht abgeschnitten haben: „Die Trainer wollen gewinnen, die stellen ihre besten Spieler auf. Dann sind offensichtlich die Österreicher nicht gut genug – oder in Belgien und Norwegen gibt es in der Breite mehr Qualität. Und darüber müssen sich alle, die im österreichischen Fußball Verantwortung haben, Gedanken machen, wie man so etwas ändern kann“.
An geistvollen Gedanken zu einer sich erneuernden Kreativkultur mangelt es in der Stadt. Die Kluft zwischen altem und jüngerem Publikum ist ebenfalls klar zu merken. Die kulturelle Erziehung für Menschen, besonders in den Randbezirken, funktioniert also nach wie vor nicht. Andererseits ist aber eine Unzahl von Kulturveranstaltung, vor allem kleinere Ausstellungen, gegeben: Bildende Künstler kämpfen um ihre Selbstdarstellung. Auch an Konzerten mangelt es nicht – doch diese sind insgesamt um einiges schlechter besucht als in früheren Kulturjahren mit heimischen Musikergrößen.
Wo wären die Wurzeln zu einer besseren Einbindung österreichischer Kulturmacher wie -schaffender zu finden? Die Wiener Theaterchefs aus Deutschland, der Schweiz, Holland sind eher Negativbeispiele, werden auch vom Publikum nicht allzu geschätzt. Etwa die heuer aus Wien weggeschickten Ensembleleiter Voges (Volkstheater) oder Schläpfer (Staatsballett) sind ruhmlos und ohne Nachhaltigkeit ausgeschieden. Eine wohl eher hilflose Aufforderung: Es müsste mit mehr Liebe, mehr Sorgfalt in den künstlerischen Aussagen, mit weit mehr Hinwendung für die Entwicklung der Jungen gedacht werden. Weg von den Werbeschmähs, den übertriebenen Verkaufsparolen, von der andauernd zu hörenden Schönfärberei.
Schönfärberei: In ORF-Saus und Braus soll der anstehende Eurovisions Song Contest in der Wiener Stadthalle gefeiert werden. Doch so werbewirksam solch eine internationale Ausstrahlung angesehen wird, übersehen wir nicht: Durch die Jahre ist europaweit vom ESC ständig nur reinstes mässiges musikalisches Mittelmass angeboten wie vermarktet worden. In den Journalen gefeiert – und schon wieder verschwunden. Schönstes Beispiel auf österreichisch: Contestsieger 2014 Conchita Wurst. Welche größeren Karriereschritte in die weite Welt oder in seiner Heimat oder mit tollen Gesangsnummern sind ihm geglückt? Keine, ein Weg so ganz ohne musikalische Größe. Als Travestiekünstler am Rande zieht es ihn in Richtung Theaterbühne. Und nochmals Saus und Braus: Die Leitung des ORF darf sich dies 2026 erlauben. Doch die Kunstschaffenden werden sich weit, weit stärker bemühen müssen, in ihrem Schaffen auch wahre Werte zu vermitteln. Denn bloß Geschäft, Geschäft, Geschäft … nicht nur, doch dies ist heute eine prägende Denkweise wie die stärkste Triebkraft.
Meinhard Rüdenauer

