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EINER NACH DEM ANDEREN

20.11.2014 | FILM/TV

FilmPlakat Einer nach dem anderen

Ab 20. November 2014 in den österreichischen Kinos
EINER NACH DEM ANDEREN
Kraftidioten  /  Norwegen  / 2014
Regie: Hans Petter Moland
Mit: Stellan Skarsgard, Bruno Ganz u.a.

Zuerst: Bei diesem Film muss man sich warm anziehen. Er spielt ausschließlich im Schnee und im Eis Norwegens, und das ist atmosphärisch so dicht, dass einen als Zuschauer auch im wohlgeheizten Kinosaal fröstelt. Natürlich auch der Story wegen, wo die Leichen sich geradezu stapeln (auch wenn der Täter anfangs noch versucht, sie in einem gewaltigen Wasserfall zu entsorgen, aber dann werden es zu viele) – und wo eine an sich wirklich tragische Geschichte immer wieder schaurig schwarzhumorige Wendungen nimmt.

Da braucht man tatsächlich Nerven, auch wenn es so unerschütterlich ruhig erzählt wird, wie es nun einmal die Art der Skandinavier ist: Der norwegische Regisseur Hans Petter Moland stellt seine „Ein Mann sieht Rot“-Variante so lapidar wie dann auch wieder grotesk auf die Leinwand, und Hauptdarsteller Stellan Skarsgard (sehr alt und grau im Gesicht geworden, aber er spielt auch einen Vater, der den Tod des Sohnes zu verarbeiten hat – was er höchst individuell tut) bewegt sich durch alle seine Gewalttaten nie mit wildem Rache-Gebrülle, sondern mit gewissermaßen unerschütterlicher Ruhe. Was er tun muss, muss er tun… nämlich einen nach dem anderen umlegen.

Es beginnt mit dem Alltag: Dieser Nils Dickman ist ein „Ausländer“, Schwede in Norwegen, aber sozusagen der Vorzeigebürger, der es zu etwas gebracht hat. Der hohe Schnee herrscht von Anfang an, Nils ist sein Beherrscher in den Schneepflügen, gewissermaßen der Mann, der Ordnung schafft. Das tut er dann auch, wenn zwei Gangster einen toten jungen Mann auf einem Bahnsteig absetzen – und dieser ist sein Sohn. Draufgegangen an einer Überdosis, und dem Vater wird schnell klar, dass die Polizei nicht gedenkt, auch nur das Geringste diesbezüglich zu unternehmen.

Interessante Variante: Zuerst ist Nils gerade dabei, sich selbst mit einem großen Gewehr das Hirn aus dem Kopf zu pusten, als ein wackliger Süchtiger, den er kennt, ihm den Hintergrund der Sache erzählt: Sein Sohn starb schuldlos, er ist eines der vielen Kollateralopfer, als die Drogenhändler wegen einer verschwundenen Kokain-Packung zu Rundum-Terror ansetzten…

Den Rundum-Terror beginnt nun Nils, wobei man ehrlich sagen muss, dass das Drehbuch nicht unbedingt immer logisch von einem Verbrecher zum nächsten führt – aber man versteht ja das Norwegische nicht, und Untertitel klären nicht immer alles. Über kurz oder lang ist er dann bei einer Zentralfigur: Der zynische junge „Graf“ mit dem Pferdeschwanz (beängstigend: Pal Sverre Valheim Hagen) ist von schrecklicher Rücksichtslosigkeit, und man freut sich direkt, dass seine Exfrau (Birgitte Hjort Sørensen) ihn bei jeder Gelegenheit wütend anpfaucht, was ihr auch nicht immer gut bekommt. Und jetzt haben die beiden auch noch einen unendlich lieben halbwüchsigen Sohn, der einem nur leid tun kann…

Wenn in der Drogenmafia gemordet wird, verdächtigt man gleich die Konkurrenz, vor allem die „Albaner“, die ja angeblich nur Serben sind. Auftritt Bruno Ganz als deren „Papa“ mit balkanesischer Fellmütze und kaum verständlicher Artikulation in welcher Sprache auch immer – aber selbst zerknittert und scheinbar ein alter Opa, der Mann hat es in sich! Dem liefert man im schonungslosen Gangsterkrieg die Köpfe frei Haus (wird aus einer Schachtel gezogen, befriedigt den Alten aber nicht, er erschießt den Boten von unten…). Freilich, als dann hier ein Sohn umgebracht wird, steht dort ein Sohn auf der Abschussliste, und das ist dann der kleine Junge, um den man sich so sorgt.Da wird selbst ein so grimmig-blutiges Drehbuch ausreichend sentimental, und Nils, der Killer, zieht die Grenze und wird zu Nils dem Retter…

Wie dem auch sei: Den dramaturgischen Gesetzen eines amerikanischen oder mitteleuropäischen Krimis folgt diese Geschichte kaum. Aber als eine dieser seltsamen nordischen Stories nimmt man sie mit gebührend-geschrecktem Interesse wahr.

Renate Wagner

 

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