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EINE DAME IN PARIS

14.05.2013 | FILM/TV

Ab 17. Mai 2013 in den österreichischen Kinos
EINE DAME IN PARIS
Une Estonienne à Paris  /  Frankreich, Estland  /  2012
Regie: Ilmar Raag
Mit Jeanne Moreau, Laine Mägi, Patrick Pineau u.a.

Man hat den originalen Titel „Eine Estin in Paris“ nicht übernommen, aus der vielleicht richtigen Überlegung, dass ein deutschsprachiges Publikum mit dem Begriff „Estin“ nicht viel würde anfangen können. Die „Dame“ in Paris bezieht sich dann allerdings auf die andere der beiden Frauen, um die es geht… aber egal, diese eine ist immerhin Jeanne Moreau.

„Une Estonienne à Paris“ sollte ja wohl an „An American in Paris“ erinnern, und tatsächlich blüht auch die titelgebende Estin in der Seine-Stadt nach und nach auf, wenngleich sie es hier nicht leicht hat – am Ende hat sie genug Lebensart, um ein Croissant noch frisch und warm vom Bäcker zu holen und in grazilen Schühchen einherzuwackeln…

Aber darum geht es in diesem Film des estnischen Regisseurs Ilmar Raag nur am Rande. Zu Beginn (estnisch gesprochen, hier gibt es Untertitel, dann kommt Französisch bzw. synchronisiert Deutsch) ist man „daheim“ in Estland und lernt Anne kennen, eine verhärmte Frau in mittleren Jahren. Sie pflegt ihre Alzheimer-kranke Mutter, aber nur kurz – die Erleichterung durch deren Tod wird gewährt, aber was dann? Ein Anruf einer Agentur, in Paris sucht man eine Pflegerin für eine ältere Dame, die auch aus Estland stammt. Anne macht sich auf den Weg.

Man bekommt erst nach und nach heraus, wer Monsieur Stephane ist (Patrick Pineau mit sehr viel „Seele“, ohne dabei je Schmalz zu verströmen, eine wunderbare Leistung), der diese Pflegerin bestellt hat. Und dann ist sie da, jene Madame Frida, auf den ersten Blick ein entsetzliches Zerrbild der immer so ungewöhnlichen, so faszinierenden und einst doch auf ihre Art so attraktiven Jeanne Moreau. Man muss sich erinnern – Madame ist 85 (im wirklichen Leben!!!), und sie geht zwar mit erstaunlicher Beharrlichkeit vor die Filmkamera, aber eine solche Bombenrolle gibt es nicht alle Tage. Die Figur ist zwar, man muss es ehrlich sagen, Klischee pur, die Handlung auch, aber wenn sie von solchen Persönlichkeiten getragen wird, dann lohnt sich Kino – Schauspielerkino, das ist etwas Wunderbares, das schlägt wüste Action, unglaubliche Computeranimationen oder abscheulichen Horror allemale.

Frida wohnt also in einer großen Wohnung und hat keine finanziellen Probleme, und dass sie einsam ist, scheint ihr nichts auszumachen (das ist natürlich nicht wahr, wie man schnell mitbekommt): Natürlich spricht sie nach mehr als einem halben Jahrhundert in Paris mit der neuen Pflegerin nicht Estnisch, sie möchte überhaupt niemanden bei sich haben, benimmt sich mit Absicht fürchterlich, will nichts anderes, als Anne wieder los werden. Diese ist zwar freundlich und beharrlich, immer wieder gelingt es Stephane, die Pflegerin zu beruhigen, aber irgendwann wird es ihr doch zu viel: Sie will zurück nach Hause.

Was Regisseur Ilmar Raag in hohem Maße gelingt, ist das ganz behutsame Vorantreiben der Handlung, so dass man nach und nach mehr über Frida erfährt – ihre einstige Affäre mit Stephane, dem sie ihr Geschäft überlassen hat, weshalb er sich als anständiger Mensch (und als einziger, den Frida hat) verpflichtet fühlt, sich um sie zu kümmern – halb belastet, halb liebevoll im Wissen um einstige Gefühle. Annes Versuch, Frida mit einer estnischen Gruppe zusammen zu bringen, mit der sie vor Jahrzehnten gemeinsam im Chor gesungen hat, misslingt mit Karacho, weil da noch immer (!!!) Vorwürfe über von Frida begangenes Unrecht in der Luft hängen. Das Bild setzt sich zusammen, und Jeanne Moreau darf alle Register ziehen, darf grimmig abweisend und ekelhaft sein, dann wieder zärtlich, wenn sie mit Stephane zusammen ist – und schließlich darf sie nach und nach innerlich dahinschmelzen, weil sie der großen menschlichen Qualität von Anne erliegt… Das spielt sich zwar wie aus dem Handbuch, aber auch da muss man einmal so großartig sein wie die Moreau.

  

Und so großartig – absolut auf Augenhöhe – wie Laine Mägi, die in ihrer estnischen Heimat eine hoch angesehene Bühnenschauspielerin ist. Diese Anne hat verhärmte Augenblicke, wo sie nur alt und müde aussieht, aber sie hat innere Kraft und sie kann gelegentlich bis zu einer Schönheit aufblühen, die von innen heraus strahlt.

Freilich, wenn am Ende das Happyend wahrlich trieft, Anne doch bei Frida bleibt, die nun „eine Familie“ hat – da fragt man sich wieder einmal, wie es mit dem Realitätssinn von Filmemachern steht. Hier müssen doch nicht Traumfabrik-Wünsche befriedigt werden! Oder doch? Ist der Traum von Menschen, die sich mögen, verstehen und zusammen gehören, nicht der allergrößte?

Wie dem auch sei – ein wunderbares Schauspieler-Trio erzählt die Geschichte, und wenn man einmal die Filme der Jeanne Moreau analysiert, wird man hier vor einer ihrer ganz großen Altersrollen stehen.

Renate Wagner

 

 

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