Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

EIN WOCHENENDE IN DER MUSIKSTADT LEIPZIG

14.09.2019 | REISE und KULTUR

Ein Wochenende in der Musikstadt Leipzig

  Von Andrea Matzker und Dr. Egon Schlesinger


Vito Signorello in seinem Restaurant Da Vito. Foto: Andrea Matzker

Bei den Vorbereitungen auf den Kurztrip nach Leipzig stießen die Autoren auf eine famose Posse, die sofort ihr Interesse hervorrief. Vor inzwischen fast 25 Jahren eröffnete der findige Italiener Vito Signorello sein idyllisch gelegenes Restaurant „Da Vito“ an der Weißen Elster in Leipzig-Plagwitz. Nach vielen Schwierigkeiten gestattete ihm die Stadt, seine zauberhafte, auf einem Ponton gelagerte Terrasse am Fluss zu führen. Als dann aber vier veritable venezianischen Gondeln dazu kamen, stellte sich die Stadt recht spröde und versuchte vor allem, seinen Gondolieri Schwierigkeiten bürokratischer Art bezüglich der Gondelführung auf der Weißen Elster zu machen, anstatt sich über diese überaus zauberhafte Idee und den zusätzlichen, äußerst reizvollen Anziehungspunkt in der Stadt zu freuen. Doch zum Glück ließ Vito sich nicht beirren und führt weiterhin mit Freude, Familie und einem tollen Team sein erstklassiges und gastliches Restaurant mit fangfrischem Fisch und anschließender Gondelpartie, auf die man sogar sein Glas Prosecco mitnehmen darf.


Reger Gondel Verkehr auf der Weißen Elster. Foto: Egon Schlesinger


Die Gondel kehrt zurück von ihrer Ausfahrt an den Anlegeplatz der Terrasse von Da Vito. Foto: Andrea Matzker

Leipzig vom Wasser aus genießen zu können, ist ein besonderes Vergnügen. Gondoliere Antonio, der tatsächlich innerhalb von drei Monaten gelernt hat, das außerordentlich komplizierte Boot sicher durch die lebhaft befahrenen Kanäle zu führen, was bei dem regen Verkehr und den ansonsten zum Teil abenteuerlich schlechten Bootsführern wahrlich nicht selbstverständlich ist, erläutert die interessante Geschichte der anliegenden Bauten und fährt seine Gäste mit sicherer Hand bis zum sogenannten Riverboat, dem über dem Wasser gelegenen Studio, in dem jahrelang die gleichnamige MDR-Talkshow aufgezeichnet wurde.


Thomaskirche. Die Thomaner singen die Motette. Foto: Andrea Matzker

Nach dem märchenhaften und entschleunigenden Ausflug an die Weiße Elster folgte der Besuch einer Motette in der Thomaskirche. Kommt man rechtzeitig zum Konzert, erlebt man den Thomanerchor vor der berühmten Kirche, wo er sich vor dem Einzug in dieselbe sammelt und aufstellt. Ein Besuch der Grabstätte von Johann Sebastian Bach ist anschließend oder auch zuvor möglich.

Ein Spaziergang über die großzügig angelegte Grimmaische Straße führt zum Augustusplatz, dem ehemals größten Platz innerhalb einer deutschen Stadt. Passend zur Gondel gibt es hier noch ein anderes Attribut Venedigs: Die 3,30 m hohen Glockenmänner, die auf dem damals, im Jahre 1928 erbauten, höchsten Uhrenturm der Welt die Stunde schlagen und nach dem Vorbild des Torre dell’Orologio von Venedig aus dem Jahr 1499 geschaffen wurden.

Das pure Glück erlaubte einen Besuch im Gewandhaus, wo der hochgelobte Andris Nelsons eine hinreißende Achte Sinfonie von Bruckner mit seinem weltberühmten Gewandhausorchester bot. Unvergessliche eineinhalb Stunden am Stück bei großartiger Akustik. Selbst die wenigen Leipziger und Kenner der Materie, die sich noch nicht 100-prozentig mit dem Gewandhauskapellmeister angefreundet hatten, waren begeistert, denn der Meister hatte durch eine große internationale Tournee mit Stationen in Luzern, Köln und Essen, mit ebensolchem Programm und seinem Orchester so viel Erfahrung gewonnen, dass das Konzert zu einer einmaligen Sternstunde wurde, untermalt und betont von den beiden Beckenschlägen im Adagio.

Am Folgetag eröffnete die Oper ihre Spielzeit mit Werkstattbesuchen und einem Tag der offenen Tür. Sie geht auf das Jahr 1693 zurück und ist nach Venedig und Hamburg die drittälteste bürgerliche Musikbühne Europas. Das heutige Haus wurde 1960 eröffnet, verfügt über 1250 Sitzplätze und gilt als ein hervorragendes Beispiel für die Architektur der 1950er Jahre. Auf der Rückseite der Oper liegt der malerische Park mit Schwanenteich, der im Jahre 1785 im englischen Stil angelegt wurde.

Das Bachmuseum an der Thomaskirche ist ein unbedingtes Muss und damit unverzichtbar. Sehr empfehlenswert ist aus aktuellem Anlass auch die Sonderausstellung Anna Magdalena Bach – Fanny Hensel – Clara Schumann, drei Künstlerinnen im Blick. Ein wichtiger Bezugspunkt im Leben der drei Frauen war Johann Sebastian Bach. Die Beschäftigung mit seiner Musik sieht sich als roter Faden durch die Ausstellung, die noch bis zum 19. Januar 2020 andauert.


Mendelssohnhaus mit Remise: Foto Andrea Matzker

Emblem an der Mauer des Mendelssohnhauses. Foto: Andrea Matzker


Mendelssohn begrüßt die Gäste in Lebensgröße. Foto: Andrea Matzker

Im Mendelssohnhaus an der Goldschmidtstraße könnte man schön und gut einen ganzen Tag verbringen, leider aber immerhin wenigstens 2 Stunden. Im Erdgeschoss befinden sich Museumsshop, Bar und sensationelle Einrichtungen zum Hören und Studieren, ja sogar zum Dirigieren der Musik des für Leipzig und die Musikgeschichte an sich so bedeutenden Musikers. In der Beletage befinden sich seine originalen Wohn- und Arbeitsräume, viele Kompositionen, Briefe, Autographen, Zeichnungen und Gemälde des vielseitig begabten Künstlers. Als Gewandhauskapellmeister entwickelte er Leipzig zu einer Musik-Metropole und gründete 1843 das erste deutsche Konservatorium. Er liebte Dampfnudeln und Rahmstrudel, und so gibt es auch ein Kochbuch mit den dazu gehörenden Rezepten, die man sich als Erinnerung oder zum Nachkochen mitnehmen darf.

Die zweite Etage des Mendelssohnhauses ist seiner Schwester Fanny Hensel gewidmet, die ebenso mit großen Talenten gesegnet war. Ihr Gondellied aus dem Zyklus zur Italienreise scheint eine Prophezeiung für Vitos Gondel in Leipzig zu sein. In den wunderschönen Räumlichkeiten herrscht oft überraschend lebendiges Treiben, da es dort auch die Möglichkeit gibt, Teil eines Tableau vivant zu sein, auf dem man sich für ein Foto verewigen lassen kann. Das Umziehen in die eigens dafür zur Verfügung gestellten Kostüme macht besonders den jüngeren Besuchern des Museums Spaß. Im September 2019 findet an jedem Sonntag um 11:00 Uhr ein Konzert im Musiksalon des Hauses statt. Eine entzückende und sehr übersichtliche Kabinettsausstellung befindet sich in der Remise im Garten des Hauses.

Mendelssohnhaus Remise. Foto von Elliot Fry von Clara Schumann 1887. Foto: Andrea Matzker

Sie beleuchtet besonders die Beziehung Mendelssohns zu Clara Schumann, deren 200. Geburtstag am 13. September 2019 mit vielen Ausstellungen und Veranstaltungen in Leipzig feierlich begangen wird.


Das Schumannhaus in der Inselstraße. Foto: Andrea Matzker

Aus diesem Anlass gibt es auch eine große Ausstellung im Schumannhaus auf der Inselstraße, wo Clara und Robert Schumann vier Jahre lang nach ihrer Hochzeit wohnten. Von dort aus reisten sie zu ihren verschiedenen Konzerten und bekamen dort auch ihre ersten Kinder. Clara Schumann war Pianistin, Komponistin, achtfache Mutter, Hausfrau, Herausgeberin, Pädagogin und ihre eigene Managerin. Schon mit neun Jahren hatte sie im Gewandhaus ihr erstes Konzert gegeben. Bereits mit 36 Jahren wurde sie Witwe und arbeitete so lange weiter als Pianistin, bis ihre Hände schmerzten, dann wurde sie Klavierpädagogin. Kurzum eine beeindruckende und großartige Frau!

Leipzig bietet das ganze Jahr über unglaublich viele kulturelle Veranstaltungen auf höchstem Niveau. Zusätzlich kommen in diesem Jahr noch mehrere Jubiläen hinzu, wie auch das 300. des weltweit ältesten Musikverlages Breitkopf und Härtel.


Leipzig Nikolaikirche: Johann Sebastian Bach. Foto: Andrea Matzker


Die herrliche Ladegast Orgel der Nikolaikirche mit 84 Registern ist die größte ganz Sachsens. Foto: Andrea Matzker

Die Mädler-Passage mit dem Auerbachs Keller oder die Specks-Höfe sind unbedingt sehenswert. Nach dem Alten Rathaus und der Börse, vor der Goethe steht, gelangt man zur Nikolaikirche, einer der vier Kirchen, in denen Johann Sebastian Bach regelmäßig wirkte. Zurzeit wird sie von einer interessanten Lichtinstallation illuminiert. Ihre große Orgel des Weißenfelser Orgelbaumeisters Friedrich Ladegast aus dem Jahre 1862 mit 84 Registern ist ein einzigartiges Erlebnis. Die h-moll Messe am 2. November 2019 wird ein weiterer musikalischer Höhepunkt sein.

Auch der Dichtkunst und der Malerei sind vielfältige Ausstellungen gewidmet. Im Kunstkraftwerk zum Beispiel kann man aus nächster Nähe die wunderbaren Bilder unserer großen Maler Leonardo, Raffael und Michelangelo bestaunen. Leipzig scheint eine unendliche Kulturgeschichte zu sein und begeistert in jeder Hinsicht.


Das Motel One Post am Grimmaischer Steinweg. Foto: Andrea Matzker


Leipzig. Motel One Post Entrée mit der „Geträumten Welt“ von Paule Hammer. Foto: Andrea Matzker


Ausblick aus dem Motel One Post auf Gewandhaus und MDR Gebäude. Foto: Andrea Matzker


Ausblick aus dem Motel One Post auf Gewandhaus und MDR Gebäude. Foto: Andrea Matzker

Auch die Wahl des Hotels stellte sich als Glücksfall heraus. Das erst vor anderthalb Jahren eröffnete Motel One Leipzig-Post entstand, wie der Name schon sagt, am Standort der ehemaligen Hauptpost von Leipzig direkt am Augustusplatz mit dem eindrucksvollen Ensemble von Oper, Gewandhaus und MDR-Turm. Alle bedeutenden Museen, Kirchen und Gasthäuser der Stadt sind von dort aus fußläufig zu erreichen. Es bietet 300 Zimmer und einen herrlichen Ausblick, ganz besonders von der Bar in der achten Etage aus, von der man über den ganzen Augustusplatz bis hin zum Horizont schauen kann. Aber auch von jedem Zimmer aus kann man diese Aussicht genießen. Wo kann man schon vom Bett aus auf das berühmte Leipziger Gewandhaus schauen?! Passend zum Thema Post steht die Einrichtung des Hotels ganz unter dem Motto von Brief, Siegel, Stempel und allem, was dazu gehört. Der Leipziger Künstler Paule Hammer schuf eine riesige Briefmarke mit dem Titel „Geträumte Welt“ für das Hotel. Das Kunstwerk schmückt die Frontwand des Foyers und lädt geradezu zum Verweilen ein. Man kann stundenlang darauf imaginär spazieren gehen und viele interessante Gedanken des Künstlers in Wort und Bild nachvollziehen. Das Hotel war komplett ausgebucht. Einziges Manko: Wie kann sich die Stadt Leipzig angeblich dagegen sträuben, eine Vorfahrt zu dem großen und beliebten Komplex bauen zu lassen? Glücklicherweise gibt es gelegentlich risikobereite und zuvorkommende Leipziger Taxifahrer, die ihre Fahrgäste trotz der nicht bestehenden Vorfahrt vom Bürgersteig oder der Fahrbahn aus absetzen respektive abholen, was auch ein lebensgefährliches Unterfangen darstellen kann, da sich manche Fahrradfahrer in Zehnergruppen geradezu Rennen auf dem breiten Radweg vor dem Hotel leisten. Nach einem Americano und einem Apérol auf der Terrasse der Bar des Hotels stand nach dem viel zu kurzen Trip leider wieder die Rückreise an, jedoch nicht ohne das Versprechen gegeben zu haben, bald mit mehr Zeit wiederzukommen.

Weitere Fotos:


Leipzig: Augustusplatz Glockenturm mit den drei Apolda-Glocken und mit den beiden 3,30 Meter großen Glockenmännern aus 1927. Es war damals das größte Schlagwerk der Welt. Foto: Andrea Matzker


Zeichnung von Mendelssohn „Rheinfalls von Schaffhausen“ (im Mendelsohnhaus). Foto: Andrea Matzker


Zeichnung Mendelssohns von seinem Arbeitszimmer im Mendelssohnhaus. Foto: Andrea Matzker

 

 

 

 

 

Diese Seite drucken