DVD Arthaus
Leos Janacek: Jenufa
Gran Teatre de Liceu, Barcelona, 2005
Es gibt Künstler (Wiens Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst zählt dazu), die der Ansicht snd, die Werke von Leos Janacek müssten im Repertoire der großen Opernhäuser eine ähnliche Rolle spielen wie die glorreichen Fünf, die die Spielpläne beherrschen (Mozart, Wagner und Strauss, Verdi und Puccini). Tatsache ist, dass von seinen Werken vor allem „Jenufa“ (dann „Katja Kabanowa“, in weit geringerem Ausmaß „Das schlaue Füchslein“, „Aus einem Totenhaus“, „Die Sache Makropulos“ und so gut wie gar nie „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ und „Osud“) den Weg auf die Bühnen geschafft hat. Aus einsichtigen Gründen – eine gerade, tief tragische Story mit ergreifender, starker Musik und darüber hinaus zwei Frauenrollen, die Glanzstücke für eine junge und eine „alte“ dramatische Sopranistin darstellen. Wer imstande ist, dergleichen zu singen, lässt es sich kaum entgehen.
Darum wird man auch die DVD-Ausgaben der „Jenufa“ nach den Interpretinnen messen: Da ist die klassische Aufnahme aus Glyndebourne 1989 mit Roberta Alexander und Anja Silja, und die Aufnahme vom Teatro Real Madrid aus dem Jahre 2009 mit Amanda Roocroft und Deborah Polaski, die erst jüngst auf den Markt kam. Nun bringt Arthaus die in vieler Hinsicht interessante Produktion des Gran Teatre de Liceu in Barcelona aus dem Jahre 2005 heraus, die zwar nicht taufrisch ist, aber mit besonderen Trümpfen in den weiblichen Hauptrollen prunken kann: Nina Stemme und Eva Marton.
Für österreichische Opernfreunde hat die Produktion durch die Personen des Dirigenten und des Regisseurs starken Österreich-Bezug: Es ist interessant, Peter Schneider, den wir eigentlich immer nur mit Wagner und Strauss kennen, als Janacek-Dirigenten zu erleben. Seine Qualitäten, die Stringenz, mit der er nie erlaubt, dass die Spannung loslässt, und seine zupackende Dramatik, kommen auch hier zur Geltung. Vielleicht dass slawische Dirigenten hier auch in der Farbgebung noch ein paar Nuancen mehr erzielen, aber für einen packenden Opernabend bietet er das richtige Klangbild.
Packend in ihrer Schlichtheit ist auch die Inszenierung von Olivier Tambosi, den wir in Wien noch aus jenen neunziger Jahren kennen, als er die Neue Oper Wien gründete und im Jugendstiltheater ein paar wirklich „verrückte“ Arbeiten ablieferte. Mittlerweile ist er auf der ganzen Welt zuhause, und bei dieser „Jenufa“ wollte er keine abwegigen Ideen realisieren. Die Bühne besteht aus einem dreieckigen Podest, zu Beginn erblickt man dahinter Weizenfelder. Im Lauf der Handlung legen sich schwere Steine auf die Bretter, die quasi die unüberwindlichen Schwierigkeiten symbolisieren, mit denen die tragische Heldin zu kämpfen hat. Und dann verlässt er sich auf die Ausdruckskraft seiner Sänger und ist keinesfalls verlassen.
Dabei ist Nina Stemme gerade in ihrem ersten Auftritt so wunderbar, wenn hier unter den alten, schwarz gekleideten Frauen die blonde Jenufa erscheint, ein Menschenkind, das die Sonne genießt und das Leben zu erwarten scheint. Dass es für sie nichts Gutes vor hat, merkt man nicht zuletzt, wenn Eva Marton als Kostelnicka erscheint: Alles vereist angesichts dieser Gestalt, die nur Kälte verströmt. Freilich, ihre Stimme ist in einem schlimmen Zustand, das ist wohl das Karriereende gewesen, seither hat sie kaum noch gesungen. Aber es gelingt, die absolut nicht schönen Reste, die mit Schärfe und Heiserkeit aus ihrer Kehle kommen, in den Dienst der Figur zu stellen. Und am Ende ist es ja doch Nina Stemme, die ausgewiesene Hochdramatische, die auch als tragisch erstarrte Jenufa eine stimmlich wie darstellerisch wunderbare Leistung bietet.
Aus dem wirklich vorzüglichen Gesamtensemble ragen dann noch die beiden Tenöre heraus, der Finne Jorma Silvasti als der arme Laca und der Schwede Pär Lindskog als der unbefangen auftrumpfende Steva.
Kauft man eine Jenufa wegen der Küsterin, dann wird man sich zwischen Polaski und Silja zu entscheiden haben. Aber die Jenufa von Nina Stemme war der Trumpf dieser Aufführung in Barcelona.
Renate Wagner