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DVD Giacomo Meyerbeer: ROBERT LE DIABLE

13.02.2014 | dvd

DVDCover Robert le Diable London

DVD 
Giacomo Meyerbeer: 
ROBERT LE DIABLE
Covent Garden, London
Recorded live at the Royal Opera House, December 2012
Opus arte

Großer Ruhm bei der Mitwelt (im Falle Meyerbeers so großer, dass Richard Wagner schon etwas eifersüchtig war) garantiert gar nichts für die Nachwelt. Selten genug, dass die „Grand Operas“ des gebürtigen Berliners, den die Franzosen nicht zu Unrecht für sich beanspruchen (wie auch den Kölner Jacques Offenbach), heute noch gespielt werden. Im allgemeinen ist der Aufwand zu groß, und Werke wie „Die Afrikanerin“ oder „Der Prophet“ erschienen in unseren Tagen nur in Zusammenhang mit ganz großen Persönlichkeiten (Placido Domingo zum Beispiel) vereinzelt in den Spielplänen. Allerdings ist die Welt der Oper durch ein internationales Netz von Co-Produktionen, Fernsehübertragungen und DVD-Aufzeichnungen explodiert und zeigt ein gesteigertes Bedürfnis nach Werken, die von den ewigen Bestsellern Aida, Carmen, Tosca, Zauberflöte nicht befriedigt werden kann. Zudem es neugierige Opernfreunde gibt, die Neues (oder Altes, nicht gut Bekanntes) hören möchten – und Sänger, die bereit sind, enorme Rollen zu lernen, auch auf die Gefahr hin, sie nach einer Serie von fünf Aufführungen nie wieder zu brauchen…

Kurz, so erklärt sich das Wiederauftauchen von „Robert le diable“, einer Meyerbeer-Oper von 1831, die einst so berühmt war, dass im Wiener Volkstheater von Johann Nestroy sofort eine Parodie („Robert und Bertram“) hergestellt wurde. Und was ein „Nonnenballett“ damals (!) bedeutet hat, mitten im angeblich so braven Biedermeier, das kann man sich vorstellen (wenn es auch nur darum ging, dass Papa Filippo Taglioni, der Choreograph, seine schöne Tochter Marie, neben Fanny Elßler die berühmteste Tänzerin ihrer Zeit, erstmals auf der Spitze tanzen ließ…).

Für uns ist die Geschichte von Robert, dem Herzog der Normandie (der historische Robert soll der Vater von Wilhelm dem Eroberer gewesen sein, aber was soll historische Akkuratesse in solchem Zusammenhang?), schlichtweg albern, eine Faust-Mephisto-Version auf quasi unterer Ebene. Robert, der gute Mann weiß nämlich nicht, dass er höchstpersönlich der Sohn des Teufels ist und dass dieser ihm in Gestalt seines Wegbegleiters Bertram erscheint. Da soll Robert die sizilianische Prinzessin Isabelle heiraten, und außerdem taucht immer wieder beschwörend seine Schwester Alice auf, die ihn vor dem Teufel warnt. Wenn man die Sache nicht kennt, ist es im Finale sogar ganz spannend – erwischt ihn der Teufel oder nicht? Wie gesagt: eine Albernheit.

Und in dieser köstlichen Aufführung, für die Covent Garden sozusagen keine Kosten und Mühen gescheut hat, zeigt Regisseur Laurent Pelly von Anfang an, was er davon hält: Da sitzen die Herren in Ritterrüstung an Wirtshaustischen mit rot-weiß-gewürfelten Tischtüchern, ein Riesenbär tapst herum, später gibt es die charakteristischen  Spitzmützen der Damen, man sieht Burgen mit den damals typischen Zinnen, kurz, die Mittelalter-Parodie ist voll angesagt – und trotzdem, der Trick funktioniert, erhält die Geschichte ihr originales Ambiente, wird nicht total verfremdet oder ins Niemandsland abgeschoben, holt sich ihre optischen Effekte (Chantal Thomas – die Kostüme stammen vom Regisseur selbst) bei jeder Gelegenheit aus Zitaten der Vergangenheit. Bis am Ende jenes herrliche Drachenmaul als Höllenschlund auftaucht, das quasi zum Signet der Aufführung geworden ist und auch den Umschlag von DVD und BlueRay ziert. Am Ende glüht er herrlich rot und will sein Opfer… Das Nonnen-Ballett unter Särgen ist zwar in eine Art Gespenster-Show umgemünzt (Choreographie: Lionel Hoche), aber auch das passt in diese Aufführung, die ihr Pathos parodiert und dennoch den ganzen Schwung beschwört, für den Meyerbeers Riesenwerke berühmt waren.

London hat sehr gut besetzt: Bryan Hymel, der erst kurz davor erfolgreich in den „Trojanern“ für den Tenorpart eingesprungen war, zeigte auch als Robert wieder seine beeindruckenden Mittel, wurde als Figur aber von John Relyea ausgestochen – der Teufel in Frack und mit hohem Zylinder, eine herrliche Erscheinung, der am Ende mit seinem Koffer wieder kommt, auf der Suche nach einem neuen Opfer. Auch er singt prächtig.

Und exzellent die Damen, so gut wie selten Marina Poplavskaya als Gretchen-Verschnitt, die mit blonden Zöpfen und geblümten Kleinmädchen-Kleid die innige, leise komische Warnerin vor dem Bösen ist und so ausgeglichen singt wie nicht immer (Soll man verraten, dass sie am Ende im Madonnengestus die Rettung verkündet?). Und so weißgesichtig und blutleer, aber hochkarätig edel singend wie Patrizia Ciofi kann man sich eine Mittelalter-Prinzessin schon vorstellen.

Daniel Oren am Pult des Orchestra of the Royal Opera House kostet die reiche Farbigkeit der Musik und ihr Temperament voll aus. Volle dreieinhalb Spielstunden auf der DVD sind wohl die viereinhalb Stunden auf der Bühne, die bei der „Grand Opera“ (nebst Ausstattungsprunk, Chor, Statisten, Ballett alles gewissermaßen gehäuft) dazu gehören. Aber wer es sich leisten kann und einen Regisseur findet, der so souverän damit umgeht wie Pelly, der hat einen süffigen Opernabend zu bieten. Und der Opern-Aficionado kann wieder einmal froh sein, dass – wenn er schon nicht live dabei sein kann – die DVD (zumal bei großem Bildschirm und guter Tonanlage) einen hervorragenden Eindruck des Ereignisses vermittelt.

Renate Wagner

 

 

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