Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DVD: DER FRANKFURTER RING (2012)

31.03.2013 | dvd

DVD: 
Richard Wagner: DER RING DES NIBELUNGEN
Oper Frankfurt´, aufgezeichnet im Juni / Juli 2012
Oehms Classics

Man erinnert sich, als dieser Frankfurter „Ring“ im Werden war. Da las man viel Positives und hörte von Leuten, die live dabei waren, immer nur Gutes (was ja bei einem „Ring“, einem der wohl umstrittensten Bühnenwerke der musikalischen Weltliteratur, extrem selten ist). Dann war er vollendet, und das Buch kam heraus, das wirklich interessante optische Einblicke im Detail liefert. Dass man in Frankfurt auf diesen „Ring“ stolz ist (und stolz sein kann), bewies, dass man für eine DVD-Aufzeichnung sorgte, hinter welcher jene Eigeninitiative stand, ohne die nichts Großes erreicht werden kann.

Nun liegt die Cassette mit den vier Opern vor (jeweils 2 DVDs, bei „Rheingold“ findet man neben der Oper noch eine DVD über das „Making of“), in einem Hellblau, das an die Farbe der Milka-Schokoladen erinnert, aufgezeichnet im Juni / Juli 2012. Dieses „Paket“ stellt für den Wagner-Freund zweifellos einen unverzichtbaren Beitrag zu seiner privaten „Ring“-DVD-Bibliothek dar, die ja in letzter Zeit immer umfangreicher geworden ist (seit kurz davor auch der Lepage-„Ring“ der Met auf DVD erschienen ist).

Gibt man sich ein langes Wochenende, um den Frankfurter „Ring“ in Ruhe, aber doch in der Kontinuität der Aufeinanderfolge zu betrachten, drängen sich vor allem drei Schwerpunkte auf: das über die Maßen überzeugende optische Konzept, das auf der beweglichen Ring- und Scheiben-Konstruktion von Jens Kilian beruht; die weitgehend überraschend einsichtige Regie von Vera Nemirova; und die bemerkenswert geschlossene, überzeugende musikalische Realisierung durch Sebastian Weigle.

Eine DVD-Besprechung ist nicht der Ort, sich über die Probleme einer „Ring“-Optik zu verbreitern. Tatsache bleibt, dass jene Inszenierungen am wenigsten überzeugen, denen es nicht gelingt, die vier Teile durch eine zusammenhängende Ästhetik zusammen zu binden. Meist scheitert es schon, wenn man es in der „Walküre“ (nachdem bisher Lichtalben und Schwarzalben, Riesen und Rheintöchter als magische Wesen unterwegs waren) im 1. Akt ausschließlich mit Menschen zu tun hat (wenn die Wälsungen als Wotanskinder auch halbe Götter sein mögen) – Wagner springt hier und in der Folge und stets ohne Rücksicht auf ideenlose Ausstatter zwischen den Welten herum, und mancher „Ring“ (man denke an die einfallslose Glittenberg-Ausstattung in Wien, die eine optische Nullnummer ist) scheitert ganz einfach auch daran.

Nun gab es in letzter Zeit gleich zwei Bespiele dafür, einen „Ring“ aus einem durchgehenden szenischen Konzept zu entwickeln: Robert Lepage gelang es faszinierend an der Met, wo seine in ihren Teilen so mobile „Wand“ dann mit Hilfe von Projektionen absolut jeden Schauplatz abstrakt, poetisch und doch fassbar zugleich imaginieren konnte. Dasselbe kann auch über die so unglaublich reichhaltige Ring-Scheiben-Konstruktion von Jens Kilian gesagt werden, deren schier grenzenlose Möglichkeiten bewundernswert ebenso von dem intellektuellen Einfallsreichtum und den technischen Fähigkeiten des Bühnenbildners zeugen (der von der Lichtregie, die Olaf Winter beisteuert, optimal unterstützt wird: einen beeindruckenderen Feuerzauber hat man selten gesehen).

Die Kreise („Ringe“!) drehen sich nicht nur, sie heben und senken sich, kippen und verschränken sich, offenbaren durchaus auch „Räume“, erinnern aber auch an jene rätselhaften Kreiskonstruktionen, die uns aus der Steinzeit als magische Plätze erreichen (und welch eine atmosphärische Verstärkung, wenn dann noch der Schnee poetisch auf Hundings Welt rieselt…!). Kurz, hier hat man für die Vielfalt des Wagner’schen Gedankenkosmos eine Form gefunden.  

Vera Nemirova ist als Regisseurin umstritten: An der Wiener Staatsoper trägt man ihr noch den „Macbeth“ nach, der von den dortigen Opernfreunden (nicht zu Unrecht) als typischer Akt einer „böser Mutwille“-Inszenierung betrachtet wird. Das hat die Regisseurin Wagner nicht angetan. Es gibt zwar Zitate, die in den durchaus bunt durcheinander gewürfelten Kostüm-Hinweisen doch befremden (die Flügelhauben für die Walküren!?), aber im großen und ganzen spielen auch die Kostüme von Ingeborg Bernerth entscheidend mit, etwa wenn es um die Entwicklung der Geschichte geht – es geschieht ja unendlich viel zwischen den ersten Takten des Rheins und den letzten, die das Weltende überdecken.

So ist es völlig einsichtig, dass die Rheintöchter zu Beginn mit ihren eleganten Abendkleidern auf jeder Millionärs-Party erscheinen könnten. Aber am Ende der „Götterdämmerung“ tragen sie dann nur noch billige Jacken und schwenken sogar ein Transparent „Rettet den Rhein“ (was vielleicht eine Spur übertrieben ist, aber nicht so, dass man es der Regisseurin vorwerfen will). Und auch die Götter sind in der zweiten „Rheingold“-Szene noch sehr elegant in Weiß und im Freizeit-Look (nichts von Büro und Bauarbeiten wie bei Flimm einst in Bayreuth): Aber das Geschehen wird ja schon in der dritten Szene, wenn Wotan und Loge zu den Schwarzalben hinabsteigen, grausam und brutal, und hier schenkt die Nemirova der Geschichte nichts, übertreibt aber auch nicht – sie erzählt einfach konsequent, was geschieht.

Manchmal fragt man sich selbst nach dem einen oder anderen Detail – soll das eindeutig muslimische Käppchen, das Siegmund trägt, ihn solcherart als Außenseiter charakterisieren? Mag man über dieses oder jenes stolpern (jeder Zuschauer hat ja seine eigenen Vorstellungen vom „Ring“ im Kopf – aber ja, warum soll man den Waldvogel nicht tanzen lassen?), so ist nichts an dieser Inszenierung mit ihren zahlreichen Bezügen zu „hier und heutigem“ Verhalten  so schmerzend oder störend, dass es einem Verrat des Werks auch nur nahe käme: Es ist mutig, so gar nicht sich selbst (wie die Nemirova es beim Wiener „Macbeth“ tat), sondern „nur“ das Werk zu inszenieren. Eine kluge Personenführung und eine souveräne Bewältigung der „Bühnenbild-Skulptur“ verschmelzen zu einer „Ring“-Welt aus einem Guß, hart, stark und zur Wagner’schen Sache, und damit ist so viel erreicht, wie nur irgend möglich.

Sebstian Weigle behauptet sich in unserer Musikwelt, in der es viele bemerkenswerte „Ring“-Dirigenten gibt (allein Wien erlebte zuletzt mit Thielemann einerseits, Welser-Möst andererseits zwei ganz verschiedene Zugänge). Weigle ist ein Mann, der nicht auf extreme Wirkungen, sondern auf jene sorgliche Detailarbeit abzielt, die auch die Regie kennzeichnet. Und er sorgt für die Sänger, was gerade bei einem „Ring“ wichtig ist – rücksichtslose Dirigenten können da viel zerstören, in Frankfurt passiert dergleichen nie. Kurz, das ist wunderbar stimmig.

Die Besetzung hat starke Elemente, man möchte – pars pro toto – etwa Kurt Streit als Loge herausgreifen, da diese Rolle seiner Stimme und seiner gewissermaßen zerebralen Persönlichkeit so ungemein nahe kommt. Eindrucksvoll als trockenen Machtmenschen zeichnet Terje Stensvold Wotan und Wanderer, ein geradezu überraschend guter, auch optisch entsprechender Siegfried ist Lance Ryan, der in dieser Mörderpartie souverän entspricht. Nicht immer ist Gunther so interessant wie bei Johannes Martin Kränzle (wenngleich Iain Paterson bei Lepage und zuletzt auch in München gleichfalls zeigte, wie faszinierend diese oft an den Rand geschobene Figur sein kann). Susan Bullock als Brünnhilde steht zwar nicht in vorderster Front der Interpretinnen dieser Rolle, aber sie hält das Niveau des Zyklus, der in der Besetzung, in der er aufgezeichnet wurde, keinen sängerischen Aussetzer zu verzeichnen hat.

Kurz, Wagnerianer in aller Welt, die ja gerade im Wagner-Jahr nicht an jedem „Ring“-Ort sein können, dürfen überaus dankbar sein, dass ihnen das so gelungene Frankfurter Unternehmen zumindest aus zweiter Hand zur Verfügung steht, zumal es sich um eine souverän gefilmte und geschnittene Version der Aufführungen handelt.

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken