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DIE VERMESSUNG DER WELT

23.10.2012 | FILM/TV

Ab 26. Oktober 2012 in den österreichischen Kinos
DIE VERMESSUNG DER WELT
Deutschland  /  2012 
Regie: Detlev Buck
Mit: Albrecht Schuch, Florian David Fitz, Sunnyi Melles, Michael Maertens, Karl Markovics, Georg Friedrich u.a.

Als „Die Vermessung der Welt“ 2005 erschien, schlug der Roman von Daniel Kehlmann, von dem man davor nichts Außergewöhnliches gelesen hatte, wie eine künstlerische Bombe ein und hatte alle berechtigten Chancen, zum persönlichen „Lieblingsbuch“ zu avancieren. Der Autor  stieg mit schier unglaublicher Sensibilität in eine Vergangenheit, als die Welt noch mehr Neues zu bieten hatte als eine neue Handy-Generation (wie viele Aps noch?). Es war schlechtweg genial, wie er die Schicksale von Alexander von Humboldt (1769-1859) und Carl Friedrich Gauß (1777-1855) parallel schaltete und ihnen Beispielhaftigkeit gab: Der eine erforschte die Welt, indem er in sie hinauszog, der andere fand die Erkenntnisse (in seinem Fall jene der Mathematik) im Kopf. In beiden Fällen bestand das Abenteuer darin, zu wagen, was sie wagten, und beide beschritten gleicherweise neue Wege. Kurz, eine faszinierende Lektüre.

Dass aus dergleichen ein schöner, bunter Historienfilm wird, passiert nicht zum ersten Mal – Süßkinds „Parfum“ ist es ebenso gegangen und mancher Roman, der beim Lesen regelrecht „abgehoben“ hat, ist im Kino mehr oder minder grob auf dem Boden gelandet. Ohne deshalb einen schlechten Film zu ergeben. Schließlich war Daniel Kehlmann von der Idee erweiterten Ruhmes und erweiterter Möglichkeiten (sicher auch jenen des Geldverdienens) angetan genug, sich als Teil-Drehbuchautor zur Verfügung zu stellen und dem Unternehmen von Regisseur Detlev Buck jegliche Rückendeckung zu geben: fast grenzpeinlich, wie er das Produkt in noch und noch einem Interview lobt. Aber warum nicht? Wer nur den Film kennt, wird ihn vielleicht genießen und sogar meinen, er lerne etwas daraus. Nur wer das Buch wirklich geliebt hat, weiß, auf welch anderem Boden man sich hier bewegt.

Interessant der Aufwand, den Buck hier treibt, es wirkt wie Klein-Hollywood, wie  hier deutsche Kleinstadt- bzw. Adelswelten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beschworen werden, und für Humboldts Südamerika-Expedition reiste man direkt nach Ecuador, wodurch alles logischerweise sehr „echt“ wirkt. Dass Kehlmann im Roman durchaus analytisch vorgehen konnte, der Film bilderbuchartig erzählerisch ist – wie kann man es ihm vorwerfen, es ist ein anderes Medium, es sollte kein Kunstfilm werden, sondern die Geschichte zweier außerordentlicher Menschen, eingebettet in ihre Erlebnisse bzw. sogar Abenteuer.

Das gelingt nicht zuletzt darum, weil Buck dankenswerterweise darauf verzichtet hat, hier mit „Stars“ zu operieren. Der Effekt wäre gewesen, dass man sich nur darüber unterhalten hätte, wie gut der oder der den Humboldt oder den Gauß spielt. Hingegen sind die Gesichter von Albrecht Schuch (der junge Edelmann, der mit einer Art unternehmerischem Hochmut loszieht) und Florian David Fitz (der Mathematiker, der weiß, wer er ist, aber in ein kleinbürgerliches Leben gebannt bleibt) von anderen großen Rollen oder gar breiter Popularität unbelastet. Und sie machen ihre Sache einfach exzellent. Allein, weil man immer Interesse für sie hegt, bleibt man die mehr als zwei Stunden bei der Stange.

Im übrigen lässt Buck deutsche Darstellerprominenz wie die Räuber durch seinen Film marschieren, und alle dürfen dick auftragen, ob es Katharina Thalbach als resolute Frau aus dem Volke ist oder Sunnyi Melles als absolute aristokratische Zicke. Karl Markovics hat die klassische Rolle des an sich streng-bösen Lehrers, der vor dem evidenten Mathematik-Talent eines kleinen Jungen in die Knie geht, und für einen ekligen Sklavenhändler hat man wieder einmal Georg Friedrich gefunden. Wenn Gauß zu Immanuel Kant kommt, um endlich seine Erkenntnisse auf Augenhöhe mit einem Großen diskutieren zu dürfen, ist es Peter Matic, der als zerrütteter Greis und zerfallener Geist da sitzt, und als Gauß-Sohn liefert Jungstar David Kross einen Mini-Auftritt ab. Aber die Oberknallcharge liefert Michael Maertens als Herzog von Braunschweig (er liebt dergleichen Ausreißer, wie man auch gelegentlich im Burgtheater erlebt).

Dass Buck und Kehlmann selbst in Mini-Rollen vor die Kamera gehen, ist ein privater Jokus, der eigentlich nicht wirklich passt – so unernst ist das Unternehmen ja wohl nicht, oder? Und, wie gesagt, ein gelungener Historienfilm, der geradlinig eine Menge Probleme seiner Epoche anschneidet – ohne das zu transportieren, was das Buch so außerordentlich gemacht hat. Man sollte es noch einmal lesen.

Renate Wagner

 

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