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DER GROSSE GATSBY

14.05.2013 | FILM/TV

 

Ab 17. Mai 2013 in den österreichischen Kinos
DER GROSSE GATSBY
The Great Gatsby  /  USA  /   2013
Regie: Baz Luhrmann
Mit Leonardo DiCaprio, Tobey Maguire, Carey Mulligan, Joel Edgerton, Isla Fisher, Jason Clarke u.a.

Gelegentlich geht es ohne Vergleiche nicht ab, wobei in diesem Fall nicht die Romanvorlage zitiert werden soll: „Der große Gatsby” von F. Scott Fitzgerald ist letztendlich ein viel zu enigmatisches Werk über den amerikanischen Traum und dessen Demontage, als dass man ihn nur auf eine Weise deuten könnte. In diesem Sinn ist es völlig berechtigt, dass die Neuverfilmung von Baz Luhrmann so ganz anders ausfiel als die Interpretation, die Jack Clayton 1974, also vor nun auch schon wieder fast 40 Jahren, dem Werk angedeihen ließ. Die Frage ist nur, ob er nicht ein literarisches Meisterwerk durch seinen persönlichen Stil geradezu verballhornt hat, ob er nicht vergessen hat, die Geschichte zu erzählt, sondern nur einen schrill-grellen Rahmen darum gepinselt hat.

Worum geht es? Sicher, es sind die wilden zwanziger Jahre, die in New York genau so „roarten“ wie in Berlin, das Ehepaar Fitzgerald war einst fixer Bestandteil der „Party-Party“-Welt, und Scott beschrieb die Welt der Superreichen, bei denen er ja doch nur am Rande mitnaschen konnte, in ihrer ganzen Hohlheit. Es ist legitim, dies filmisch umzusetzen – es kommt nur auf die Mittel an.

Inmitten des Rummels aber platzierte der Autor eine Gestalt, die sich aus den Beobachtungen des Erzählers namens Nick Carraway zusammensetzt: Mr. Gatsby, der „große Gatsby“, sagenhaft reich, komplett geheimnisvoll und offenbar von nur einem einzigen Gefühl getrieben: der Liebe. Und zwar zu einer konkreten Frau, zu Daisy, die einst versprochen hat, auf ihn zu warten, als er in den Ersten Weltkrieg zog, und die verheiratet war, als er zurückkam. Nicht zuletzt aus einem Grund, den sie ihm unschuldsvoll erklärt: „Reiche Frauen heiraten nur reiche Männer.“ Mittlerweile ist der einst arme Gatsby noch reicher als Daisys Mann, hat sich ein Traumschloss genau vis a vis von ihr gekauft und will sie, nicht zuletzt mit Hilfe ihres Cousins Nick Carraway (so kommt der arme Wall Street-Angestellte überhaupt erst ins Spiel) zurück erobern…

Daisys Mann nimmt den Kampf mit aller Rücksichtslosigkeit auf, am Ende ist Gatsby tot und Daisy nach wie vor an der Seite des Gatten. Der großen Liebe war sie nicht wert. An ihr wird mit den innerlich so leeren Reichen abgerechnet (und dass ihnen eine Zukunft eigentlich schrecklich scheint, Jahrzehnte, in der sie nie etwas zu tun haben werden, denn sich zu vergnügen, langweilt sie eigentlich auch, das wirkt wie eine verdiente Strafe) – und Gatsby? Der bleibt ein Rätsel, so soll es sein. Aber jedenfalls ist es eine in allen Hauptfiguren faszinierend gesponnene große psychologische Geschichte.

Nicht so bei Baz Luhrmann. Er hat eigentlich seinen „Moulin Rouge“-Film (der vor einem Dutzend Jahren diesen speziellen Stil phantastisch vertragen hat) noch einmal gedreht. „Der große Gatsby“ als große Show, als Musical, als Operette, als Ausstattungsstück, das in Buntheit, Überladenheit, Lautstärke alles erschlägt (auch die Aufnahmefähigkeit des Zuschauers). Eine Orgie des Kitsches und der Oberflächlichkeit (nicht reflektiert, sondern hingestellt), in welcher die Luhrmann’sche Künstlichkeit zum Exzess getrieben wird. Ja, und?

 

Und wo bleibt Gatsby? Er ersteht aus der Geschichte, die Tobey Maguire als Nick Carraway erzählt, und er ist einfach, aufrecht, naiv, sympathisch, weniger hintergründig als sein exzellenter Rollenvorgänger Sam Waterston, aber unendlich sympathisch: Er erzählt seine Erinnerungen hier im Rahmen einer Art von Therapie, quasi um sich zu befreien. Das funktioniert, und immer, wenn Maguire rund um Gatsby auftaucht, gewinnt das Geschehen etwas von menschlicher und darstellerischer Substanz.

Vor 40 Jahren war Robert Redford der „große Gatsby“ – nicht als der gewaltige Finanz-Tycoon, sondern als hoffnungsloser, hoffnungsvoller Romantiker. Man wollte gar nicht wissen (man erfährt es ja auch nicht!), wie schmutzig er zu seinem großen Geld gekommen ist, denn alles an Redfords Gatsby war rein – reine Liebe zu der so hektisch-hilflosen Daisy der Mia Farrow, der man keine Gefühle glauben konnte, weil sie keine spielte: die perfekte Verkörperung der Figur.

Leonardo DiCaprio wurde in dem Jahr geboren, als der andere „Gatsby“-Film gedreht wurde – nächstes Jahr wird er 40, vor mehr als 20 Jahren begann seine Karriere als blonder Junge, die mit dem Weltruhm des 23jährigen als Liebhaber in der „Titanic“ einen medialen Höhepunkt erreichte. In den letzten Jahren hat er sich verändert – er ist in die Breite gegangen, hat jetzt das feiste, nicht sympathische Gesicht, das Marlon Brando in seinen mittleren Jahren zeigte, und er liebt negative Rollen, die er erstaunlich erfüllt: Besonders seine Studie des J. Edgar Hoover in Clint Eastwoods Film vor zwei Jahren war ein Meisterstück.

Sein Gatsby ist total anders als jener von Redford, der sich geradezu minimalistischer Zurückhaltung befleißigte und eine wunderbar „positive“ Ausstrahlung hatte: Hinter dem zynischen Lächeln des DiCaprio-Gatsby steckt ein schwerer Neurotiker, ein zwanghaft Besessener, vielleicht gar nicht so sehr von Daisy als davon, zu bekommen, was er will. Er wirkt weniger souverän als halbseiden, fast schmierig, und nichts an ihm hat „Größe“. Hilft dies der Figur?

Für Carey Mulligan ist die Daisy Buchanan deshalb ihre bisher beste Rolle, weil die schreckliche Unnatur, die sie in all ihren Figuren zeigt (und dem sensiblen Betrachter damit entsetzlich auf die Nerven geht), hier deckungsgleich in jene Daisy aufgeht, die allen und sich selbst etwas vormacht, weil sie nur leere Hülle ist – in exquisiten Garderoben natürlich. Die Ausstattung schlägt ohnedies alles nieder, warum sollen sich die Schauspieler eigentlich bemühen? Sie sind in diesem Fall ja doch nur Nebensache.

Joel Edgerton als kämpfender Daisy-Gatte ist unsympathisch, aber nicht so interessant-unsympathisch, wie Bruce Dern es einst war, und wenn Isla Fisher und Jason Clarke als Proletarier des Geschehens (geschickt von Fitzgerald als Gegenwelt eingearbeitet) auch gut sind, so gut wie Karen Black und Scott Wilson einst sind sie nicht.

Ohne Vergleiche geht es nicht: Wenn man Luhrmanns Overkill betrachtet, gab sich Regisseur Jack Clayton (bis in zahllose inszenatorische Details) geradezu bescheiden. Man wagt dennoch behaupten, dass sein „Gatsby“ sich tiefer, weil ohne Showeffekte-Ablenkungen in das Bewusstsein des Kinobesuchers senkt als Luhrmann Oberflächen-Version von 2013.

Renate Wagner

 

 

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