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DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN

08.01.2013 | FILM/TV

Ab 11. Jänner 2013 in den österreichischen Kinos
DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN
De rouille et d’os / Frankreich  /  2012
Regie: Jacques Audiard
Mit: Marion Cotillard, Matthias Schoenaerts u.a.

Es gab sehr viel Kritikerlob in Cannes und anderswo, für den “Golden Globe” wurde „De rouille et d’os“ als bester ausländischer Film nominiert, Marion Cotillard schaffte es unter die besten Hauptdarstellerinnen. Letzteres kann man vielleicht noch nachvollziehen, die Begeisterung für diesen Film von Jacques Audiard nicht unbedingt. Sieht man genau hin, vermag man vielleicht wenig mehr erkennen als den spekulativen Umgang mit dem menschlichen Elend… Aber es ist eben politisch korrekt, sich davor bewundernd zu verbeugen.

Zuerst erlebt man Ali und seinen kleinen Sohn Sam on the Road, sehr arm, denn offenbar hat niemand Mitleid mit dem Kind, an dessen Seite der mürrische Mann keinerlei bürgerliche Vertrauenswürdigkeit ausstrahlt. Womit er die Fahrkarten  für den Zug bezahlt hat, bleibt unklar (wie so vieles in diesem Film, der gewissermaßen verwaschen über Fakten hinwegstreift), aber man sieht, dass er die Essensreste einsammelt, die andere Passagiere liegen gelassen haben, und wie er und das Kind sich gierig darüber stürzen…

Dann sind die beiden irgendwo an der Cote d’Azur, jedenfalls nicht dort, wo sie glanzvoll ist, schlüpfen bei seiner Schwester unter, und Ali findet in der Welt der Nachtclubs, der Boxkämpfe und im Milieu verbotener Straßenkämpfe sein Geld. Der vernachlässigte kleine Sohn bleibt irgendwo auf der Strecke.

Dann lernt man – ganz unabhängig und ohne Zusammenhang zu Ali – Stephanie kennen, die einen seltsamen Job hat: In einem Vergnügungscenter am Strand arbeitet sie mit Orca-Walen, die zwar auf ihr Kommando sehr elegant durch die Luft springen, aber doch Raubtiere sind. Ganz schnell kommt der Film zur grausamen Sache: Bei einem Unfall beißt ihr ein Tier beide Beine bis zu den Knien ab. Von da an ist sie ein Krüppel mit Stummeln, hilflos im Rollstuhl…

Aber wie die Drehbücher so spielen – es ist der mürrische Ali, den Stephanie einmal zufällig getroffen haben, der sie aus ihrer Düsternis herausholt. Mit ihr schwimmen geht. Sie in seine Welt mitnimmt. Am Ende hat sie es nicht nur vom Rollstuhl auf metallige Kunstbeine geschafft, sie zeigt sie auch fast ungeniert an der Öffentlichkeit. Kurz, sie ist dem Leben zurück gegeben – wenngleich der Sex auf Anhieb nicht super läuft.

Mit ausgefeilter Psychologie, was zwischen den beiden Menschen vorgeht, gibt sich der Regisseur nicht ab. Erklärt wieder einmal nichts. Am Ende sind Ali und Sam plötzlich im Schnee in den Bergen. Der Vater passt kurz nicht auf, um einem natürlichen Bedürfnis nachzugeben, und als er sich umwendet, ist das Kind weg. Unter der schon wieder zugefrorenen Oberfläche eines Sees. Und man erfährt nicht einmal, ob der Kleine wirklich gerettet wird…

Kritiker sprachen von „Herzenswärme“ und „Romantik“ und „brutaler Schönheit“ in einer schicksalhaften Achterbahnfahrt – was man so alles entdecken kann. Immerhin, der bei uns unbekannte Belgier Matthias Schoenaerts ist als rätselhafter, schweigsamer harter Mann nicht uninteressant. Und Marion Cotillard ist seit ihrer Piaf, wo sie den „Oscar“ eigentlich unberechtigerweise bekommen hat, immer besser geworden. Allerdings ist es weniger ihre darstellerische Leistung, die hier fasziniert, als das technische Kunststück des Films – wie macht man es, dass man schwören würde, dass sie wirklich keine Beine, sondern nur zwei Oberschenkel-Stummel hat? Das wird in den allerverschiedensten Blickwinkeln immer wieder ausgereizt, so dass die zentrale Frage bleibt: Wie zum Teufel hat man das gemacht, dass es so lebensecht und überzeugend wirkt? Können die Computer wirklich alles?

Aber dass man sich dieses Stück tristes französisches Elend, von Jacques Audiard möglicherweise mit berechneter Raffinesse ohne „künstlerischen Anspruch“ gestaltet, deshalb ansehen müsste – so toll ist es wieder nicht.

Renate Wagner

 

 

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