Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DAS FINSTERE TAL

13.02.2014 | FILM/TV

FilmPlakat Finstere Tal, Das gross

Ab 14. Februar 2014 in den österreichischen Kinos
DAS FINSTERE TAL
Österreich  /  2014 
Regie: Andreas Prochaska
Mit: Sam Riley, Tobias Moretti, Paula Beer, Erwin Steinhauer, Hans-Michael Rehberg u.a.

Das Tal ist irgendwo in Tirol, sehr tief, sehr einsam, sehr finster und vor allem versteckt und schwer zugänglich. Und das ist den Menschen, die dort leben, auch recht so – zumindest jenen, die mit brutalem Faustrecht ihre Terrorherrschaft über die anderen ausüben, also die Familie Brenner. Der Alte liegt nur noch in seinem Krankenbett, war aber die treibende Kraft für alles, was sich an Unrecht in diesem Tal aufgestaut hat. (Der Film hat einen Prolog, wo ein junges Paar von Häschern gefangen wird, den man erst später versteht.) Nun herrschen seine sechs Söhne mit dem Zynismus und dem Übermut der Mächtigen, die keinen Widerstand finden…

Wo Unrecht ist, gibt es zwar im Leben nur selten Gerechtigkeit, aber die Kunst ist unter anderem auch dafür da, diese zu üben, damit der Mensch nicht ganz das Vertrauen in die Möglichkeiten des Menschlichen verliert. Also erscheint in der düsteren Welt eines Tages ein einsamer Mann auf einem Pferd, ein Packpferd hinter sich, und stellt sich vor die Männer, die ihm unbeweglich entgegensehen.

„Wer bischt?“ fragt schließlich einer, und da weiß man, dass hier alles stimmt. So sind sie in Tirol, so wortkarg, so wesentlich, wohl auch die meisten so verschlossen. Greider heißt er, der Fremde, und er zahlt für Quartier den Winter über. Er hat einen guten Vorwand, hier sein zu wollen – komplizierte Apparaturen, er macht Fotos. Wir sind im späten 19. Jahrhundert, und das einzige, was auch den intensiven Kenner (und Liebhaber) von Tirol verwundert, ist, dass die Bauern reiten. Heute sieht man niemanden auf einem Pferd – aber damals hatten sie ja noch keine 4-Wheel-Drives. Und Pferde müssen sein in dieser Geschichte.

Um den Begriff des „Alpen-Western“ kommt man nicht herum, Regisseur Andreas Prochaska hat ihn selbst gebracht, die Elemente des Drehbuchs stammen ebenso von diesem Genre wie Erzählform – obwohl sich die wenigsten US-Western mit solchen atemberaubenden Bildern abgeben, dass die Landschaft – nicht so spektakulär wie etwa Death Valley, aber viel schöner und interessanter – als unabdingbarer Bestandteil des Films mitspielt. Die Berge, die Bäume, der Schnee, der Sturm, die Kälte, die man bis in den Kinosaal zu spüren meint.

Jeder, der auch nur ein bisschen von Kinodramaturgie versteht, weiß von Anfang an, dass der Fremde etwas vor hat, und am Ende fließt das Blut so gnadenlos, wie es die gnadenlosen Taten der Brenner-Familie nach gutem, altem Gerechtigkeitsgefühl verdienen. Denn die absolute Herrschaft des Alten ging so weit, für sich (und dann seine Söhne) das adelige „Jus primae noctis“ von jeder Frau im Dorf zu verlangen, und was dort an Menschen herumläuft, ist meist Produkt des Brenner’schen Samens. Sie leben von deren Gnade, unterdrückt, aber auch „versorgt“. Man darf durchaus an die Mafia denken.

Es wird nur das Nötigste gesprochen. Auch der Rächer, der aus dem fernen Amerika (also wohl aus einem Wildwestfilm) kommt, kennt die Regeln und schwätzt nicht. Die Brenner haben in der Brüder-Schar erste Verluste durch seltsame „Unfälle“ hinzunehmen, und sie sind nicht blöd – die ahnen schon, dass sie jemand bedroht. Und sie handeln – bis zum Showdown, dem Shootout.

Daneben läuft die Handlung von Luzi und ihrer Mutter, bei denen dieser Greider von den Brennerschen untergebracht wird. Nein, Gott sei Dank, keine Liebesgeschichte zwischen dem Fremden und dem jungen Mädchen, sie liebt ihren Lukas und ihm drückt es das Herz ab, dass man ihm das Mädchen in der Hochzeitsnacht wegnehmen wird. Nun, das ist etwas, das Greider verhindern kann.

Und was er tut, tut er ohne Sentimentalität. Am Ende dreht er sich nicht um und lässt den bösen Vater leben, nein, er drückt ab (Gewehre haben sie alle…) Er erledigt, weshalb er gekommen ist – die junge Frau zu Beginn war seine Mutter, die einzige, die je entkommen konnte und bis Amerika kam. Der Sohn bringt die Familie väterlicherseits für ihre Missetaten um. Eine wortkarge Art, Ordnung zu schaffen – „A man’s got to do what a man’s got to do“ läuft zwar oft auf „Aug um Aug“ hinaus, aber dieser Film von Andreas Prochaska befriedigt einfach das immanente Gefühl des Menschen, dass das Böse bestraft werden muss.

Finstere Tal, Moretti, Filmladen x                                                                     Foto: Verleih Filmladen

Sam Riley, der mit seinem jungen, rätselhaften Gesicht manchmal an den jungen DiCaprio erinnert, ist genau der Mann, der ohne die geringste pathetische Geste seinen Job erledigt. Pathos oder Künstlichkeit herrscht überhaupt nie und nimmer, obwohl das Geschehen vor allem rund um den ältesten Brenner-Sohn höchst ritualisiert ist: Tobias Moretti darf endlich wieder einmal zeigen, dass er nicht nur der Fernsehstar ist, dessen Drehbücher es oft doch recht billig geben. Er verströmt mit stets leiser Verächtlichkeit um den Mund die eiserne Härte des Machtmenschen, ohne dass er viel dazu tun muss.

Und er ist natürlich auch in der Sprache echt. Ein so wunderbarer Schauspieler wie Erwin Steinhauer, der glatzköpfige, schuldbeladene Pfarrer, plagt sich mit dem Tiroler Tonfall und schafft ihn nicht. Ein Wunder dagegen ist – diesbezüglich und überhaupt – die erst 19jährige Paula Beer als Luzi. Man kennt die Berlinerin (!), der das (für ein breites Publikum eingebremste, aber doch unverkennbare) Tirolerische mit absoluter Selbstverständlichkeit über die Lippen kommt, aus dem Film „Poll“. Sie hat einen strengen Zauber, wie ihn die Rolle verlangt, Stärke und Traurigkeit – wenn sie mit ihren Angeboten vorsichtig umgeht und sich nicht von einer Billigwelt des Fernsehens (gar der Serien) einfangen lässt, kann sie eine der ganz großen Schauspielerinnen von morgen sein.

Eine Spur unterbelichtet sind die anderen fünf Brenner-Brüder, aber sie sind ja vom Drehbuch her nur Dekoration, als Vater hingegen ist Hans-Michael Rehberg auch im Krankenbett noch von fürstlicher Attitüde. Ganz stark kommt „die Gaderin“, Luzis Mutter, in Gestalt von Carmen Gratl zur Geltung: ein Exempel für die Menschen, die sich unter der Gewalt ducken müssen, um zu überleben – und die das nicht leichten Herzens und kriecherisch, sondern mit innerem Widerstand tun. Das ist nicht nur ein Rache-Alpen-Western, den Andreas Prochaska da gedreht hat. Er sagt auch viel über Menschen, die in einem Terrorregime leben.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken