Chemnitz, Europas Kulturhauptstadt 2025 und das Erzgebirge überraschen
Wichtiges wird dem Publikum gerne vorab kundgetan, sei es eine Opernpremiere oder ein Festival. Für noch mehr Aufmerksamkeit sorgen jedoch beizeiten Europas Kulturhauptstädte.
2024 war Bad Ischl plus Salzkammergut Europas Kulturhauptstadt, 2025 ist es Chemnitz mit dem Erzgebirge. Bei bestem Herbstwetter wurde bereits am 28. Oktober 2024 das reichhaltige Kulturprogramm bekannt gegeben.
Das Opernhaus am Theaterplatz. Foto: Ursula Wiegand
Viel Schönes und Unerwartetes können nun die Besucher vom 18. Januar bis zum 29. November in Chemnitz und dem Umland erleben. Mit einem Festakt im Opernhaus am Theaterplatz wird das Kulturjahr eröffnet.
Chemnitz, der Rote Turm aus dem 12. Jahrhundert. Foto: Ursula Wiegand
150 Projekte und mehr als 1.000 Veranstaltungen werden im Jahresverlauf in Chemnitz, aber auch im nahen Erzgebirge geboten, gehört doch die dortige „Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří“, eine ab dem 11. Jahrhundert entstandene Bergbaulandschaft beiderseits der sächsisch/böhmischen Grenze, seit 2019 zum UNESCO-Welterbe. Sie umfasst 22 Teilgebiete, 17 in Deutschland, d.h. in Sachsen, und fünf in Tschechien.
Daher verwundert es nicht, dass die Europas Kulturhauptstadt Chemnitz, die Wichtigkeit des Bergbaus erkennend, sogar vorgeprescht ist. Im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz (smac), einem ehemaligen Kaufhaus, läuft schon seit dem 25. Oktober 2024 bis zum 29. Juni 2025 die Ausstellung „Silberglanz & Kumpeltod“.
Chemnitz, smac-Museum. Pyramide aus dem Erzgebirge mit kleinen Bergleuten. Foto: Ursula Wiegand
Unsere gesamte Zivilisation fußt auf Bergbau. Seit Jahrtausenden verwenden wir Erze aus dem Erdreich für alle Bereiche des Lebens“, steht auf dem Flyer. Als wertvollstes Exponat gilt ein Pokal in Form eines Bergmannes aus vergoldetem Silber, eine Leihgabe aus dem Grünen Gewölbe in Dresden. Eine große hölzerne Pyramide aus dem Erzgebirge, bestückt mit kleinen Bergleuten, ist ebenfalls ein Hingucker.
Allerdings war die Arbeit im Bergbau gefährlich. Auf einem Schild ist zu lesen: „Auch die Obrigkeit achtete darauf, dass die religiösen Verpflichtungen eingehalten wurden. In vielen Bergordnungen gehörte das Fernbleiben von der Morgenandacht zu den schwersten Vergehen. Schließlich gefährde derartiges Verhalten die Sicherheit und den Erfolg des Bergwerks.“
Ein riesiger Silberfund 1168 im Erzgebirge wurde der Auftakt für den dortigen Bergbau, der alsbald auch Kupfer, Zinn und Kobalt zu Tage förderte. Alle diese Funde kamen auch Chemnitz und seiner aufblühenden Industrie zugute. 1930 erreichte die Stadt die Höchstzahl von 360.000 Einwohnern.
Im 2. Weltkrieg wurde das Stadtzentrum von den Alliierten zerbombt. Der Rote Turm aus dem 12. Jahrhundert und robuste Industriebauten überstanden jedoch diese Angriffe. Danach gehörte Chemnitz und sein Umfeld zur DDR. Chemnitz hieß dann Karl-Marx-Stadt, wurde auch damals wieder aufgebaut, erhielt aber nach der Wiedervereinigung ihren Namen zurück. Der große Karl-Marx-Kopf blieb jedoch an seinem Platz.
Einige der früheren Industriebauten beherbergen nun sehenswerte Ausstellungen. Generell hat Chemnitz mit jetzt 251.700 Einwohnern jedoch andere Wege eingeschlagen. Bei neuen Technologien gehört die Stadt nun – laut Oberbürgermeister Sven Schulze – zur Weltspitze. Im November 2024 wurde Chemnitz sogar zur energieeffizientesten Stadt Deutschlands gekürt.
Chemnitz im Herbst mit DDR-Moderne. Foto: Ursula Wiegand
Ohnehin gefällt nun Chemnitz als lebhafte, saubere und freundliche Stadt. Ihr Kulturjahr-Motto „C the Unseen“ (sieh das Ungesehene) soll die Gäste animieren, bisher Unbekanntes oder nicht Beachtetes zu entdecken. Ein Beispiel ist die „Bunte Esse“, ein 302 Meter hoher Heizkraftwerk-Schornstein, den der französische Künstler Daniel Buren nun siebenfarbig schimmern lässt.
Chemnitz, Kaßberg mit Gründerzeit- und Jugendstil-Bauten. Foto: Usula Wiegand
Doch auch Historisches wurde und wird gepflegt. Besucher, die tagsüber durch den Stadtteil Kaßberg spazieren, erleben eines der größten europäischen Gründer- und Jugendstilgebiete.
Chemnitz, Villa Esche, 1902, geplant von Henry van de Velde, Gartenseite. Foto: Ursula Wiegand
Auch die Villa Esche, zu finden in der Parkstraße im Stadtteil Kapellenberg, sollte niemand versäumen. Dieser Jugendstilbau von 1902, geschaffen von Henry van de Velde für den Textilfabrikanten Herbert Eugen Esche (1874–1962) und seine Familie, ist ein Besuchermagnet. Das neue Gourmet-Restaurant in der ehemaligen Orangerie erfreut ebenfalls.
Limbach-Oberfrohna, die Esche-Textilfabrik. Strumpffabrikation, nun Museum. Foto: Ursula Wiegand
Auch Esches Strumpffabrik in Limbach-Oberfrohna nahe Chemnitz ist einen Besuch wert. Erstmals wurden dort Strümpfe gewirkt, die auch ins Ausland geliefert wurden. Die zu DDR-Zeiten produzierten Textilien waren ebenfalls beliebt. Jetzt ist diese Fabrik ein Museum, will sich aber gemeinsam mit europäischen Interessenten nachhaltigen Textilien widmen.
Chemnitz, Besucherzentrum Hartmammfabrik. Foto: Ursula Wiegand
Insgesamt erwartet Chemnitz im Kulturjahr 2025 zwei Millionen Gäste, auch viele aus dem Ausland. Kein Problem, denn das Besucherzentrum Hartmannfabrik, wo Richard Hartmann (1809-1878) einst seine Lokomotiven produzierte, bietet viel Platz.
Mit nur 2 Talern in der Tasche kam einst Hartmann aus dem Elsass nach Chemnitz, studierte Maschinenbau und begann auf Kredit Lokomotiven zu produzieren. Seine erste Lok von 1848 nannte er „Glückauf“, obwohl Chemnitz damals weder Schienen noch einen Bahnhof besaß.
Chemnitz, Industriemuseum., eine kräftige Lok aus Sachsen. Foto: Ursula Wiegand
Also wurden vier Jahre lang die Loks auf Pferdewagen zum Bahnhof Leipzig transportiert und von dort zu den Kunden. Erst 1852 war die Bahnstrecke Riesa–Chemnitz fertig. Nun stehen die schwarz-roten „Dampfrösser“ im Industriemuseum, einem erhaltenen Backsteinbau.
Chemnitz, Fahrzeugmuseum. Martin Maleschka zeigt ein Werkzeug aus der Ausstellung 3000 Garagen: Foto: Ursula Wiegand
Eine neue Besonderheit kann Chemnitz ebenfalls bieten: die Ausstellung „#3000Garagen“, auch „Ersatzteillager“ genannt, konzipiert von Martin Maleschka. Denn Chemnitz besitzt noch immer rund 30.000 selbst gebaute Garagen und außerdem große Garagenhöfe aus DDR-Zeiten, in denen nicht nur kleine Trabis und das zugehörige Werkzeug Platz fanden. Drinnen wurde auch mal mit den Nachbarn gefeiert. Die gezeigten Ausstellungsstücke wurden von den Garagenbesitzern ausgeliehen und werden ihnen wieder zurückgegeben.
Noch weiteres liegt Chemnitz und den 38 beteiligten Gemeinden am Herzen: die Eröffnung des neuen Kunst- und Skulpturenwegs Purple Path vom 11.-13. April. Dieser Weg führt von Chemnitz durchs Erzgebirge und soll auch erhalten bleiben.
Vom 18.-29. Juni ist Tanzen angesagt, und die Leute auf der Straße sollen munter mitmachen. Auch der Theaterplatz mit dem schon erwähnten Opernhaus und der St. Petrikirche wird sicherlich gerne besucht.
Vom 10.08.- 02.11.- werden dort vermutlich die Kunstsammlungen Chemnitz das Hauptziel sein. Drinnen geht es dann um den norwegischen Maler Edvard Munch und sein Gemälde „Angst“ von 1894. Es zeigt eine bösartig wirkende Gruppe von Menschen, die den Betrachtenden unter einem blutroten Himmel entgegenlaufen. Das passt nun auch in die Gegenwart.
Zwickau, ein Bergbau- und ein Heimatverein singen das Bergsteigerlied: Foto: Ursula Wiegand
Also ab nach Zwickau, das ebenfalls zum Kulturjahr gehört. Mitunter erschallt dort unweit vom 800jährigen Dom St. Marien das bekannte Steigerlied „Glück auf, der Steiger kommt“. Seit 2023 ist es ein immaterielles UNESCO-Welterbe! Kräftig wird es vom Steinkohlenbergbauverein Zwickau und dem Heimatverein Reinsdorf gesungen.
In Zwickau lebte auch Robert Schumann (1810-1856) und spielte schon in jungen Jahren im Dom St. Marien eigene Kompositionen. Seine Lehrer wohnten nahebei in den Priesterhäusern aus dem 13. Jahrhundert, die jetzt ein Museum sind.
Zwickau im Robert Schumann Haus. Dr. Thomas Synofzik spielt ein Schumann-Stück. Foto: Ursula Wiegand
Beim Gang durch das Robert Schumann Haus, nun ebenfalls ein Museum, gibt der Leiter Dr.Thomas Synofzik sogleich einige Schumann-Stücke zum besten. Unter Glas liegt eine Locke von Clara Schumann, seiner Frau.
Zwickau, das Gewandhaus, seit 1823 ein Musiktheater. Foto: Ursula Wiegand
Sehenswert ist auch das Rathaus am Hauptmarkt, seit 1867 mit neogotischer Fassade, sowie das Gewandhaus von 1525 nebenan. Zunächst war es das Zunfthaus der Tuchmacher, wurde aber 1823 mit der Oper „Der Freischütz“ in ein Musiktheater umgewandelt. Der 13-jährige Robert Schumann war ebenfalls zugegen. Das diesjährige Robert-Schumann-Fest vom 05. – 15.06.2025, ein bunter Ganztagesmix Open Air, ist jedoch „Clara & Co“, gewidmet, also den Komponistinnen aus fünf Jahrhunderten.
Besonderes lässt sich schließlich auch im Erzgebirge erleben, wo ab 1168 üppige Silberfunde entdeckt und mit „Berggeschrey“ begrüßt wurden. Nach wie vor führt die Silberstraße durch die schöne Landschaft und zu Städten, die einst durch dieses edle Metall reich und schön wurden, wie Schneeberg und Freiberg.
Schneeberg, Sean Scully, Coin Stack 2, am Purple Path. Foto: Ursula Wiegand
In Schneeberg steht übrigens schon das Purple Path – Kunstwerk „Coin Stack 2“ von Sean Scully, der aus 40 runden Ringen einen farbigen Münzenstapel kreierte. Bescheiden wirkt es jedoch im Vergleich zur riesigen St. Wolfgangkirche mit ihrem 72 Meter hohen Turm.
Schneeberg, St. Wolfgangkirche mit neuer Orgel. Foto: Ursula Wiegand
1945 ist diese Kirche ebenfalls von den Alliierten zerbombt worden, doch die Bewohner und weitere Helfer haben St. Wolfgang wieder aufgebaut, berichtet Frau Endruschat, die Gästeführerin. Der wertvolle Cranach-Altar hat überlebt, doch die Orgel ist neu.
„St. Wolfgang gehört zu uns“, betont sie. „In diese Kirche strömen am Weihnachtsfest stets alle Bewohner, gläubige und ungläubige. Selbst zu DDR-Zeiten sei dann die Kirche voll gewesen. „Das haben wir uns nicht nehmen lassen“.
Schneeberg, dort wird noch traditionell geklöppelt. Foto: Ursula Wiegand
In Schneeberg ist auch noch traditionelles Handwerk zuhause. Nils Bergauer fertigt schon lange feine Lederhandschuhe, und näht die Lederstücke auf der Maschine zusammen. „Manchmal macht das meine 88jährige Mutter noch per Hand“, sagt er stolz. In einem anderen Haus wird geklöppelt. Zwei ältere Leute arbeiten fleißig. Mit noch gelenkigen Fingern retten sie diese Handwerkskultur.
Ehrenfriedersdorf, Fahrt im Besucherbergwerk Zinngrube. Foto: Ursula Wiegand
Gefragt ist auch Ehrenfriedersdorf am Sauberg und dort das „Besucherbergwerk Zinngrube.“ Mitunter bilden sich Warteschlangen, wollen doch viele mit der roten Grubenbahn durch die Gänge rattern. Noch lauter wird es, wenn der Begleiter unter Tage eine kleine Sprengung vornimmt. Auch die Bergbaulandschaft Ehrenfriedersdorf und das Besucherbergwerk Zinngrube gehören zum UNESCO-Welterbe Montanregion Erzgebirge.
Freiberg mit Stadtführerin Anna Magdalena Poltermann. Foto: Ursula Wiegand
Der Höhepunkt ist schließlich die Silberstadt Freiberg. Bekleidet mit einem großen roten Hut führt (angeblich) Anna Magdalena Poltermann, die Haushälterin des wohl berühmtesten deutschen Orgelbauers der Barockzeit Gottfried Silbermann (1683-1753), zur heutigen Welterbe-Altstadt.
Schneeberg. Das weiße Rathaus auf dem Obermarkt in der Altstadt. Foto: Ursula Wiegand
Auf dem Obermarkt strahlt den Besuchern das schneeweiße Rathaus entgegen, ebenso weiß präsentiert sich Schloss Freudenstein, das eine Mineraliensammlung aus aller Welt beherbergt. Dennoch ist der Freiberger Dom St. Marien am Untermarkt mit seinen beiden Silbermannorgeln für viele Besucherinnen und Besucher das A und O.
Die Goldene Pforte am Freiberger Dom. Foto: Usula Wiegand
Draußen beeindruckt die Goldene Pforte mit ihrem feinen Tympanon, drinnen die Tulpenkanzel und die romanische Kreuzigungsgruppe auf der Empore. Da der Dom gerade saniert wird, ist die große Orgel eingerüstet, doch ihren volumigen Klang vermindert das nicht.
Ohnehin gilt sie als die beste der 31 noch erhaltenen Silbermannorgeln. Gottesdienste, Führungen und Konzerte finden weiterhin statt. So großartig wie dort sind die Werke von Johann Sebastian Bach nur selten zu hören.
Ursula Wiegand, Text und Bilder