Blu-ray: VIVALDI/OVID: HOTEL METAMORPHOSIS – Live-Mitschnitt von den Salzburger Festspielen 2025, Haus für Mozart; Unitel

Wir befinden uns in einem modernen Luxushotelzimmer. Dort herrschen das übliche Gehen und Kommen, der ewige Kreislauf an menschlichen Tragödien, Verwandlungen samt Komödiantischem auf kleinstem Raum. Eine Stätte der Begegnung mit sich selbst und anderen außerhalb von Zeit und Alltag.
Für das zweiaktige Pasticcio nach fünf Episoden aus Ovids Metamorphosen mit Musik von Antonio Vivaldi nach einem Konzept von Barrie Kosky und Olaf A. Schmitt hat Bühnenbildner Michael Levine ein Zimmer mit Blick auf ein riesiges Bett ersonnen, über dem in einen Bilderrahmen Gemälde aus den jeweiligen für sich stehenden Szenen projiziert werden.
Wir erleben hautnah in der Gestalt von heutigen Menschen das Schicksal von Pygmalion, Arachne, Myrrha, Echo & Narcissus sowie Eurydice in der Unterwelt. Ist es eine gleichnishafte Wirklichkeit, ein Traum, eine bloße Imagination, die sich hier zu einer collagenhaften Geschichte über Geschichten verschweißen? Der Mythos erweist sich als moderne Vorlage für Unbewusstes, Ängste und Hoffnungen, die in uns allen stecken.
Die heute 82-jährige Schauspielerin Angela Winkler scheint als Orpheus die einzelnen Episoden gerade zu ersinnen. Ihre jeweils kurzen Texte trägt sie jugendlich frisch mit hell schimmernder Stimme in deutscher Sprache vor. (Übersetzung Hermann Heiser).
Die Musik, das sind Ausschnitte aus dem in ständigen Licht- und Schattenspielen sich ergehenden Concerto madregalesco (RV 129), den Concerti RV 159, 128, 499, 118, 155, 370, 578, Sinfonias sowie eine erkleckliche Anzahl von Arien, Duetten und Chören aus Opern und geistlicher Vokalmusik (Orlando finto pazzo, Andromeda liberata, Dorilla in Tempe, Laudate Dominum, La Silvia, Juditha Triumphans, La Gloria e Imeneo, Argippo, La fida ninfa, Tito Manlio, La Griselda, Ercole sul Termodonte, Il Giustino, La verità in cimento, L’Olimpiade, Tieteberga, Il Bajazet, Il Farnace).
Wie schon aus der schier überwältigenden Anzahl der genannten Werke (aus denen teilweise mehrere Nummern entnommen wurden) ersichtlich, haben wir es mit einem Mammutprojekt zu tun, das etwa dreieinhalb Stunden netto Spielzeit beansprucht.
Musikalisch umgesetzt wurde dieses Ereignis barocker venezianischer Klangkunst vom spielfreudigen Chor Il Canto di Orfeo und dem Orchester „Les Musiciens du Prince“ aus Monaco unter derquellfrischen, temperamentvollen und atmosphärisch vielschichtigen wie schneidig akzentuierten künstlerischen Leitung von Gianluca Capuano.
Barrie Kosky, der neben Konzept auch für die Regie des Stücks verantwortlich zeichnete, dürfte hier in seinem Element gewesen sein. Denn ihm gelang ein tiefgründiger, Trauer, Schmerz und Tragik mit ausgelassener Lebensfreude und geballter Ironie durchwirkter Opernabend der Sonderklasse.
Dabei stand ihm ein Ensemble von mit kleinen Einschränkungen durchwegs großartigen Sängern und Sängerinnen zur Verfügung. Die Chefin Cecilia Bartoli daselbst begeisterte mit nach wie vor umwerfender Koloraturkompetenz, Trillern und einem kunstfertigen Legato zum Niederknien bei der in erdfahler Dunkelheit gesungenen letzten Arie ‚Gelido in ogni vena‘ aus der Oper „Il Farnace“ als Eurydice und Arachne.
Lea Desandre verzauberte das Publikum als Statua, Myrrha und Echo mit ihrem silbrig glockenreinen lyrischen Sopran.
Als Kontrast dazu orgelte Nadezhda Karyazina mit großzügig aufgetragenen Kontraaltfarben als Minerva, Nutrice und Juno, was das Zeug hält.
Der hochmusikalischen französischen Countertenorlegende Philippe Jaroussky als Pygmalion und Narcissus steht nach wie vor eine vom Timbre her reizvolle Mittellage und tiefe Register zur Verfügung. In der Höhe beginnt die einst so sicher geführte Stimme allerdings fallweise zu flackern bzw. flach zu klingen.
Ein Abend, der in Sachen Gesang, Musik, optischer Opulenz und Projektionen Kurzweil und Unterhaltung bietet, aber in den Geschichten um verlorene Liebe, Verschossensein in das eigene Werk, ungleichem aber starrköpfigem Wettkampf einer Sterblichen mit den Göttern, Inzest, eitle Selbstverliebtheit auch zum Nachdenken und Innehalten einlädt.
Dass es auch genüsslich quirlig zugeht, dafür sorgte eine Tanztruppe, die von Otto Pichler sorgfältig choreografiert einen guten Job machte und bei „Echo und Narcissus“ in einer orgiastischen Quietschparty zu Höchstform auflief.
Für eine erlebnisdichte, detailreiche Bildregie samt einer zwischen nah und fern gekonnt abstrahierender Kameraführung sorgte Tiziano Mancini.
Dr. Ingobert Waltenberger

