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Blu-Ray: Richard Wagner Der Ring des Nibelungen Nationaloper Sofia. Dynamic, Bestell-Nr.: 11152198, Blu-Ray

16.03.2023 | dvd

Dynamic, Bestell-Nr.: 11152198, Blu-Ray

Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen

Nationaloper Sofia

Griff nach den Sternen

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Nein, das ist kein „Ring“, der ähnlich zu dieser oder jener Fassung wäre. Er ist ein Unikat. Unverwechselbar. Polarisierend für bestimmte Personenkreise. Wie unterschiedlich das Meinungsbild dazu sein mag, diese Produktion ist ein bedeutendes Dokument. Von einem Theatermacher, der groß dachte und wirklich nach den künstlerischen Sternen griff …..

Es war seinerzeit schon eine mehr als selbstbewusste Ansage des langjährigen Intendanten Plamen Kartaloff, einen deutsch gesungenen „Ring des Nibelungen“ mit bulgarischen Sängern zu präsentieren. Der visionäre, kreative Theatermann baute über Jahre hinweg ein staunenswert homogenes Sängerensemble auf und holte sich mit Richard Trimborn einen Experten des Wagner-Gesangs an sein Haus. Trimborn, ein langjähriger Weggefährte von Carlos Kleiber, studierte bereits mit dem russischen Sängerensemble in St. Petersburg Wagners „Ring“ erfolgreich ein. Hier in Sofia gelang ihm außerordentliches: Die Sängerinnen und Sänger sind gut verständlich und wissen vor allen Dingen den Textgehalt sinngebend zu vermitteln. Was so selbstverständlich anmutet, ist inzwischen ziemlich rar geworden an den Opernhäusern der Welt.

Kartaloffs „Ring“-Produktion war und ist ein großer Erfolg weit über Bulgarien hinaus, denn dieser „Ring“ war inzwischen auch an anderen Stätten zu bestaunen. Umso schöner und absolut begrüßenswert ist der Wagemut des Labels Dynamic, diese so wichtige Produktion auf DVD und Blu-Ray aufzuzeichnen. Nun ist die Gesamtausgabe erschienen. Sie ist eine der ungewöhnlichsten „Ring“-Produktionen der letzten Jahrzehnte. Bunter, märchenhafter und kreativer war seit langem mehr keine Inszenierung der Tetralogie zu erleben.

Kartaloff erfindet den „Ring“ nicht neu und möchte auch nicht klüger als Richard Wagner selbst sein. Dieser „Ring“ erzählt verständlich die Geschichte und bleibt der Vorlage treu. Die Bildsprache ist überaus neu und beinhaltet vor allem geometrische Stilelemente mit viel Fantasy-Ambiente. Kein szenischer Müllhaufen oder eine Werk-Demontage. Zum Glück! Freunde des sog. „Regietheaters“ dürften sofort ob der Farbigkeit die Flucht antreten!

Ein zerbrochener Ring und wiederkehrende Zylinder geben die Spielfläche vor, die Bühnenbildner Nikolay Panayotov gezaubert hat. Die kräftigen Farben und die Geometrie der Figuren vermitteln Kraft und Dynamik. Dazu gibt es äußerst üppige Kostüme, die den Ausdruck der Darsteller unterstützen und sie nicht lächerlich machen.

Plamen Kartaloff hat eine sehr klare Erzählstruktur. Körpersprache und Aktion wirken immer aus dem Kontext der musikalischen Handlung abgeleitet. Endlos ist die Fülle seiner klugen und auch witzigen Einfälle, wie z.B. die auf einem Trampolin hüpfenden Rheintöchter.

Lange Erzählstränge werden auf der Bühne in Handlungsverläufe stimmig übersetzt. Es sind oft kleine Details, die sehr positiv auffallen, so hat z.B. Siegfried ein Lindenblatt auf dem Rücken. Der verwundbare Held aus dem Nibelungenlied.

Neu ist ebenso, dass sich die beiden betrogenen Frauen Gutrune und Brünnhilde in inniger Versöhnung umarmen. Kartaloff vertraut der Musik und seinen Sängern. Eine Wohltat, dass nicht jedes gesungene Wort durch szenischen Aktionismus konterkariert wird. Dieser „Ring“ zeigt eine neue Sicht mit natürlich agierendem Personal, was eine hohe Identifikation für den Zuschauer ermöglicht.

Musikalisch sind diese vier Aufführungen von erstaunlicher Qualität!

Den Wotan teilen sich Nikolay Petrov und Martin Tsonev (Siegfried). Petrov ist ein sehr menschlich und auch verletzlich, teilweise gebrochen wirkender Wotan. Mit viel Stamina und tiefer Empfindung gibt er seinen beiden Rollenprofilen viel Charakter.

Sein Kollege Martin Tsonev ist als Wanderer ganz anderer Natur. Zu erleben ist ein Bass-Bariton mit belastbarer Höhe und Ausdauer. Von Müdigkeit keine Spur, mit diesem Gott ist noch zu rechnen.

Biser Georgiev ist ein vielschichtiger, souverän singender Alberich, der in seiner Rollengestaltung eine spannende Entwicklung zeigt. Listig und wendig in Stimme und Spiel ist Tenor Daniel Ostretsov als Feuergott Loge zu erleben.

Überhaupt die Tenöre! Sonst oft eine traurige Angelegenheit bei Wagner, hier in Sofia gibt es gleich zwei hervorragende Interpreten in den Hauptrollen!

Martin Illiev als Siegmund und junger Siegfried begeistert mit mühelosem Gesang, der an den entscheidenden Momenten maximale Steigerungen gut meistert, aber ebenso auch zu musikalischer Differenzierung fähig ist. Aus anderem Holz geschnitzt ist sein Fachkollege Kostatin Andreev. Dieser singt einen betont unbekümmerten Siegfried in der Götterdämmerung, mit ausladendem Forte schmetternd und dazu völlig unermüdlich. Sprachlich ist hier bei ihm eine größere Hörtoleranz gefordert, aber sei es drum, denn Andreev singt wirklich wie einer, der das Fürchten nicht kennt!

Petar Buchkov ist ein herrlich finsterer, verschlagener Hagen, der sich viel Mühe gibt, nicht nur zu dröhnen, sondern auch sehr eindringlich in fahler Tonfärbung viele Nuancen zu realisieren.

Und Brünnhilde?

Drei Sängerinnen sind zu erleben, die sehr unterschiedlich wirken und doch allesamt sehr gut singen!

Mit einem mutigen „Hojotoho“ erstürmt Mariana Tzhvetkova die Bühne! Sie zeigt als Wotans Tochter viel Anteilnahme und szenisches Engagement. Ihr Gesang ist durchgängig ausgewogen, kaum forciert und mit schöner Tongebung versehen. Als Darstellerin agiert sie engagiert und kann auch viel Ausdruck transportieren.

Im Siegfried ist dann als Brünnhilde Bayasgalan Dashnyam mit raumgreifender, üppiger Stimme zu erleben. Was ihr in der Darstellung fehlt, kompensiert sie mit einer völlig souveränen gesanglichen Darbietung dieser hoch gelegenen Partie. Eine Brünnhilde, die völlig angstfrei mit strahlendem Gesang erfreut und derart locker, treffsicher die hohen Töne schmettert, dass es eine Freude ist. Wunderbar.

Herausragend aus dem fabelhaften Sofioter „Ring“-Ensemble ist die überragende Brünnhilde der Iordanka Derilova! Sie ist der leuchtende Stern dieser Tetralogie und bietet eine Leistung auf höchstem Niveau, kurz: Weltklasse!

Die schlanke Gestalt, ihre expressive Mimik, ihre hervorragende Textverständlichkeit und -durchdringung, vor allem ihre ermüdungsfreie, intonationssichere, leuchtstarke Sopranstimme machen sie zur Idealbesetzung! Die Stimme ist italienisch geführt, verwöhnt mit bester Mezzavoce und großer Dramatik. Alles bei ihr wirkt leicht, natürlich und zutiefst erfühlt. Wie schon bei ihrer Dessauer Isolde (auch auf DVD erhältlich) ist hier eine äußerst faszinierende Sängerdarstellerin zu erleben, die alles mitbringt, was ein Opernfan sich für eine Brünnhilde erträumen mag.

Es macht fassungslos und sagt viel über das korrupte Opernweltgeschehen aus, wenn eine solche Spitzensängerin nicht an den ganz großen internationalen Bühnen zu erleben ist! Auf diesem Niveau kann die Derilova den Damen Stemme, Kampe oder Foster leicht Paroli bieten und hat doch die berühmte Nasenlänge voraus, weil bei ihr alles stimmt. Bayreuth, Berlin, Dresden, Wien, Paris und all die anderen großen „Ring“-Bühnen, Ohren auf!

Auch unter den vielen übrigen Sängerinnen und Sänger gibt es keinen Ausfall zu vernehmen. Dieses „Ring“-Ensemble ist mitreißend und vermittelt große Begeisterung.

Das Orchester der Nationaloper Sofia schlägt sich sehr beachtlich und spielt eine reduzierte Form von Gotthold Ephraim Lessing, ohne dass hierdurch Wagner zu leicht klingt. Pavel Baleff leitet souverän die ersten drei Abende und ist ein aufmerksamer Sängerbegleiter.

In der „Götterdämmerung“ steht mit Erich Wächter ein lang gedienter, guter Kapellmeister am Pult des Orchesters. Unter seinen Händen atmet und pulsiert diese großartige Musik in langen, nie verschleppten Bögen.

Die Bildqualität ist ausgezeichnet und überzeugt durch ruhige Bildschnitte und kreative Bildführung. Bei der Tonabmischung dienten die beiden ersten Opern leider zu deutlich als „Versuchsanordnung“. Im „Rheingold“ sind die Gesangsstimmen zu weit vom Mikrofon entfernt, während sie in der „Walküre“ zuweilen zu präsent erscheinen, was auf Kosten des Orchesterklanges geht. Ausgewogener ist die Tonqualität bei „Siegfried“ und „Götterdämmerung“.

Trotz dieser klanglichen Einschränkung ist diese Gesamtaufnahme unbedingt empfehlenswert. Die Inszenierungen sind kurzweilig und einfallsreich. Selbst, wer schon viele „Ring“-Inszenierungen gesehen hat, kommt auf seine Kosten. Sängerisch ist dieser „Ring“ von einer staunenswerten Geschlossenheit.

Der Griff nach den Sternen hat sich gelohnt! Dank vor allem an Plamen Kartaloff!

 

Dirk Schauß, 16. März 2023

 

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