Stefano Poda verwandelt Verdis Nabucco in ein futuristisches Antiquariat

Ein Stuhl, ein Gerüst, ein paar hundert Leuchtröhren und gänzlich unfallfrei gestapelte Laserstrahlen – wer die Arena di Verona betritt, erwartet traditionell echte Pferde, verstaubte Pappmaché-Obelisken und mindestens zweitausend Statisten mit Pappmaché-Säbeln. Stefano Poda sieht das völlig anders. Er hat dem antiken Steinrund für die Saison 2025 ein eisiges, minimalistisches Raumschiff-Korsett übergestülpt und Giuseppe Verdis frühen Geniestreich Nabucco in eine Art kosmischen Schrottplatz verwandelt, auf dem futuristische Krieger in schicken Designer-Käfigen um die Vorherrschaft feilschen. Die bildgewaltige Ästhetik dieser Produktion liegt nun auf einer tadellos gemasterten Blu-ray aus dem Hause C Major vor. Es ist ein optisches Exzess-Möbelstück geworden. Die Frage bleibt bloß, ob Verdis Ur-Kraft unter diesem Berg aus blinkender Hochtechnologie noch atmen kann – zumal die zuckenden Bewegungschöre à la Star Wars zuweilen unfreiwillig komisch wirken.
Man muss Poda eines lassen: Er versteht die Gigantomanie des Ortes. Wenn im zweiten Akt der Protagonist im Anfall brutaler Größenwahn-Arroganz nach der Krone greift und sich kurzerhand selbst zum Gott ausruft, bricht die gigantische Statik aus glühenden Röhren unter gewaltigem Funkenregen zusammen. Das ist präzises, perfektes Breitwand-Theater. Es hat allerdings die verflixte Eigenart, dass die Musik darüber bisweilen zur Beipackware verkommt. Poda inszeniert nicht für das Ohr, sondern für das Kameraobjektiv, das hier über die schier unendliche Bühne gleitet und die sterilen Choreografien der Leviten und Babylonier einfängt. Da tragen die Gefangenen digitale Eieruhren im Gefängnisviereck spazieren, als gelte es, eine kühle Raumstation sauber zu halten. Das ist hübsch anzuschauen. Nach zwei Stunden jedoch sehnt man sich nach einem einfachen, ehrlichen Wutausbruch, der nicht choreografiert worden ist.
Glücklicherweise gibt es Vokalsolisten, die sich von scharfkantigen Architektur-Ruinen keineswegs beeindrucken lassen. Allen voran Anna Netrebko als Abigaille. Man darf leise Zweifel daran hegen, ob diese Mörderpartie der ursprünglichen Natur ihres Soprans wirklich vollkommen entspricht. Die halsbrecherischen Koloraturen wirken gelegentlich etwas ungelenk und verlangen ihr sichtbare Mühe ab. Doch Netrebko macht dieses kleine Defizit durch schiere, raubtierhafte Präsenz wett. Sie stolziert durch Podas Lichtgitter mit einer Wissens-Aura, einer leuchtenden Höhe und einer geschickten Dynamik, die diesen verqueren Regieeinfall eigenhändig auf den Schultern trägt. Ihr Auftritt ist kein sanftes Belcanto-Seminar, sondern ein dramatischer Vulkanausbruch. Wenn sie im Sterben liegt und von der dunklen Cello-Melodie umspült wird, erzeugt sie eine Intimität, die man dieser riesigen Arena schlicht nicht zugetraut hätte.
Ganz anders gelagert präsentiert sich der mongolische Bariton Amartuvshin Enkhbat in der Titelrolle. Darstellerisch verharrt er über weite Strecken in auffälliger Passivität. Er steht herum wie ein verirrter König im Lichtkegel und verlässt sich ganz auf die Statik seiner Erscheinung. Sobald er jedoch den Mund öffnet, ist das vergessen. Sein Timbre besitzt ein warmes, samtiges Gold, das direkt aus der goldenen Ära des italienischen Gesangs zu stammen scheint. Jede Phrase ist edel gebildet, der Atem unendlich, die Linie von makelloser Schönheit. Man verzeiht ihm das stoische Rampensingen augenblicklich, weil dieser Gesang die Ohren schmeichelt. Man hört einen üppigen Stimmklang, der schlicht keine großen Gesten benötigt, um den Raum zu füllen.
Christian van Horn gibt einen sehr engagierten, kernigen Zaccaria. Er bewältigt die gefürchtete Tessitura mit beachtlicher Souveränität und schenkt dem hebräischen Hohepriester genau jene alttestamentliche Schärfe, die Podas steriler Ästhetik so gut tut. Francesca di Sauro überzeugt als Fenena mit einem berückend geschmeidigen Mezzosopran, während Galeano Salas als Ismaele das verliebte Tenor-Futter solide serviert. Sie alle bilden ein stimmlich beachtliches Ensemble, das den Abend akustisch verlässlich abstützt.
Im Graben waltet Pinchas Steinberg. Der Dirigent wählt einen spürbar gediegenen, hochgradig seriösen Ansatz. Das ist Handwerk alter Schule. Er hält den Chor und das nicht mehr riesige Orchestra dell’Arena di Verona mit fester, präziser Hand zusammen. Das klingt im Tonfall stets ausgewogen und homogen. Seinem Dirigat fehlt es an echtem, wildem Feuer. Wo Verdi junge, ungestüme Theaterwut komponiert hat, liefert Steinberg soliden, etwas behäbigen Kapellmeister-Fleiß. Das Orchester wirkt phasenweise interpretatorisch schlicht unterfordert. Es brennt nichts an, aber es geht eben auch kein emotionaler Steppenbrand durch die Arena. Die dynamische Bandbreite des Chores hingegen ist famos, das berühmte „Va, pensiero“ gerät zu einem leisen, zutiefst disziplinierten Höhepunkt ohne Kitsch.
So hinterlässt diese Aufzeichnung einen eigenartigen, aber durchaus faszinierenden Eindruck. Man beobachtet eine Hochglanz-Produktion, die sich leidenschaftlich zwischen kaltem Zukunfts-Design und altmodischer Star-Oper aufreibt. Für Fans von Anna Netrebkos stimmlicher Metamorphose und für Liebhaber traumhafter Bariton-Kultur ist diese Blu-ray eine besonders lohnende Anschaffung. Wer hingegen verstaubte Romantik und lodernden Giuseppe-Verdi-Krawall sucht, wird Podas kühlen Weltraum-Zauber womöglich kopfschüttelnd betrachten. Schön anzusehen ist das glitzernde Spektakel auf dem heimischen Bildschirm aber allemal.
Dirk Schauß, im August 2026
Giuseppe Verdi
Nabucco
Arena di Verona 2025
C Major, 773 504

