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Blu-ray: GAETANO DONIZETTI: MARIA STUARDA – Live Mitschnitt aus dem Teatro Real Madrid vom Dezember 2024; NAXOS

02.08.2026 | dvd

Blu-ray: GAETANO DONIZETTI: MARIA STUARDA – Live Mitschnitt aus dem Teatro Real Madrid vom Dezember 2024; NAXOS

Belcanto vom Feinsten: AIGUL AKHMETSHINA und LISETTE OROPESA als Rivalinnen um Thron und Liebe

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Vergessen wir allen Geschichtsunterricht um die Auseinandersetzung von Katholizismus und Protestantismus in England des 16. Jahrhunderts und tauchen in die Opernwelten von emotionaler Verunsicherung, verzehrender Eifersucht und tödlicher Rivalität zweier Frauen. Die, so wollte es der Librettist Giuseppe Bardari nach Friedrich Schillers „Maria Stuart“, im wirklichen Leben nie die in wüsten Anschuldigungen und Beschimpfungen kulminierende Begegnung im Finale des ersten Akts erlebten. Als einer der Höhepunkte des italienischen Belcantos sollte dieses Duell der Frauen jedoch in die Musikgeschichte eingehen. Zudem entstammt auch das Objekt der Begierde, Roberto Leicester, keiner historisch verpflichteten Nacherzählung.

Die vorliegende Aufführung vor dem Hintergrund historisierender, sich in ästhetischen Tableaus nach Art Alter flämischer Meister ereignenden statischen Regie von David McVicar (in der er auf Elemente seiner 2013 für die MET geschaffenen Maria Stuarda-Inszenierung zurückgreift), stammt aus einer von fünf Stationen, für die diese Ko-Produktion geschaffen wurde: Madrid, Barcelona, Bergamo, Brüssel und Helsinki. Eine die emotionalen Beziehungen detailreich nachzeichnende Personenregie ist durch Hannah Postlethwaites wuchtige Bühnenbilder, die starren schweren Renaissance-Kostüme (Brigitte Reifenstuel), die steifen Halskrausen und helmgleichen Frisuren gehandicapt.  

Vergessen wir aber nicht, dass wir es nicht mit einer genuinen Theateraufführung zu tun haben, sondern mit einem Film über einen Opernabend. Ein völlig anderes Genre. Und da hat der musikbesessene Filmregisseur François Roussillon, auch er ein Schöngeist wie McVicar, gute Arbeit geleistet. Denn aus der bilderflutenden, in sehr dunkler Chiaroscuro-Manier ersonnenen Theaterlandschaft hat er – wie in anderen von ihm zu verantwortenden Produktionen – ein intimes Kammerspiel menschlicher, allzu menschlicher Leidenschaften geschmiedet. Dieses lebt von der Mimik der Protagonistinnen, die mit jeder erdenklichen – in großer Geste oder kleinster Bewegung sich zeigenden – Seelenregung, und sei es ein Zucken von Mundwinkeln, ein Niederschlagen der Augen, ein Neigen des Kopfes in den zahllosen Zooms und Großaufnahmen eine beeindruckende psychologische Wirkkraft entfaltet.

Die damalige reale politische Dimension ist filmisch während der Ouvertüre durch einen in englischer Sprache eingeblendeten Reader‘s Digest-Laufband-Text präsent.

War Maria Stuarda ehemals u.a. ein Vehikel für hochdramatische Superdiven – ich denke hier etwa an einen einst auf Platten bei G.F.C. erhältlichen Mitschnitt aus Florenz vom 2.5.1967 mit Leyla Gencer und Shirley Verrett als wahrlich furchterregende Rollenvertreterinnen – so sind die neuen Leitsterne des Belcantos aus einem völlig anderen Stoff. Keine übergroßen, stimmgewaltigen ‚Monstres sacrés‘, sondern die Figuren mit zart gesponnenen Kantilenen und verzierungsgewandten Läufen wie schlanken Spitzentönen psychologisch ausdeutende, darstellerisch versierte Sängerinnen.

An der Spitze ist sicherlich die dem lyrischen Fach zuzuordnende Sopranistin Lisette Oropesa als Maria Stuarda zu nennen. Wahrlich ereignishaft ist es mitzuverfolgen, wie Oropesa die menschliche Lage der Maria, der Donizetti mit herrlichster Vokalartistik ein Denkmal ohne Rücksicht auf geschichtliche Motive gesetzt hat, auszudrücken versteht. Oropesa vermag mit ihrer Seelenstimme à la Freni die Wandlung der Figur von der stolzen Herrscherin bis zum religiösen Opfer in intimsten Regungen nachzuzeichnen. Sie agiert ihren Bühnenpartnern gegenüber, vor allem Talbot als mitfühlendem Beichtvater und Roberto Leicester als treu verliebtem Vasall, mit Verständnis und Empathie. Klar, dass beim Duell mit Elisabetta bis zum Aufschrei „Figlia impura di Bolena“ die Fetzen fliegen.

Bedeutenden Anteil an der Spannung hat die von der russischen Mezzosopranistin Aigul Akhmetshina verkörperte Elisabetta. Mit ihrer schlanken, überaus beweglichen, in allen Lagen ausgewogenen Stimme zeichnet sie ein vokal üppiges, scharfdunkles Gegenbild zu Maria Stuarda. Zwar singt sie weniger differenziert und monochromer als Oropesa, modelliert jedoch vokal ein beeindruckend sinnliche, in ihren aussichtslosen Gefühlen zu Leicester gefangene Königin.

Zwischen allen Stühlen bewegt sich der umworbene Tenor des Stücks Roberto Leicester (grosso modo rollendeckend, durch eine enge Stimmführung und so manch gequälte Höhe aber kaum einschmeichelnd Ismael Jordi), der Maria liebt, den aber Elisabetta haben will. Schon von Donizetti als wenig dankbare Wurzenpartie angelegt, ist überdies die Regie dem Darsteller keine wirkliche Stütze.

Schließlich hat seine Fürsprache und Flehen für Maria zur Folge, dass Elisabetta das Todesurteil unterschreibt. Dramaturgisch ist es jedoch zugleich die eigene Vernichtung, als Maria Stuarda mit der Schluss- und Hinrichtungsszene als moralische Lichtgestalt und Märtyrerin das Publikum bewegt und rührt. Oropesa läuft hier zu einzigartiger Höchstform auf.

Die übrige Männerriege ist mit Giorgio Talbot – mit warmen Ockertönen gefällt der italienische Bass Roberto Tagliavini – und den Düsterling Lord Guglielmo Cecil, mit autoritär schneidigem Bariton Andrzej Filonczyk, stimmlich exzellent abgebildet. Aber auch Elissa Pfaender als Maria Stuardas Dienerin Anna vermag mit vollmundigem Mezzo vor allem in der bewegenden Schlussszene markante eigene Akzente zu setzen.

Coro y Orquesta Titulares del Teatro Real unter der atmosphärisch vielschichtigen, stilistisch passgenauen wie agogisch bewegten musikalischen Leitung von José Miguel Pérez-Sierra tragen gewichtig dazu bei, dass diese Opernaufzeichnung am Ende künstlerisch funktioniert und gemeinsam mit den Solisten einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Hinweis. Mehr oder weniger gleichzeitig erschien im Juli dieses Jahres ein weiterer „Maria Stuarda“ Mitschnitt mit Lisette Oropesa in der Titelpartie. Und zwar bei Unitel in der Produktion der Salzburger Festspiele 2025 und der Regie von Ulrich Rasche. Die Fans haben die Qual der Wahl.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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