Blu-ray FRANCESCO CILEA: GLORIA – Live-Mitschnitt aus dem Teatro Lirico di Cagliari vom Februar 2023 in der revidierten Fassung von 1932; Dynamic
Anastasia Bartoli imponiert mit einer stimmlich differenziert durchleuchteten, superb gestalteten Titelrolleninterpretation
Eine mehr oder weniger unbekannte Cilea-Oper im „Romeo und Julia“-Fahrwasser ist in diesem technisch sehr guten Filmmitschnitt in einer musikalisch guten, szenisch statisch-unscheinbaren Umsetzung zu erleben. Francesco Cilluffo, seit 2020 Hauptgastdirigent beim irischen, auf Opernraritäten spezialisierten Wexford Festival, ist seiner Neigung, vergessene italienische Opern mit seiner vital zupackenden Pranke zu reanimieren, mit hörbarem Engagement nachgekommen.
Die an der Mailänder Scala wenige Monate nach der „Salome“ von Richard Strauss 1907 unter der Stabführung von Arturo Toscanini uraufgeführte „Gloria“ des vor allem durch seine hitverdächtige Oper „Adriana Lecouvreur“ bekannt gewordenen Komponisten Francesco Cilea hat das Siena des ausgehenden 14. Jahrhunderts zum Schauplatz.
Aufgerieben im Kampf zwischen den kaisertreuen Ghibellinen und den papstloyalen Guelfen, die die Stadt regieren, kommt es nach der Hochzeit des aus unterschiedlichen politischen Lagern stammenden Liebespaars Gloria und Fortebrando in der Familiengruft-Kapelle der Guelfen zum finalen Showdown. Im dritten Akt erdolcht Glorias Bruder Bardo den verhassten Lionetto de‘ Ricci, die von ihm angebetete Gloria begeht Selbstmord. Zuvor hatte der Exil-Ghibelline Lionetto, in Wirklichkeit ist er der tapfere Hauptmann Fortebrando, mit seinen bewaffneten Vasallen Gloria entführt. Während die Ghibellinen Siena belagern, kommt ihr Buder Bardo als Händler verkleidet ins feindliche Militärlager und trifft auf Gloria. Sie will durch die Zustimmung zu einer Hochzeit mit Fortebrando zum Frieden beitragen und weigert sich, Fortebrando zu erstechen. Der wiederum hat die Belagerung aus Liebe zu Gloria fallen lassen. Einer Hochzeit steht nichts mehr im Wege. Das tragische Ende im Racherausch lässt nicht auf sich warten.
Die letzte fertig gestellte Oper Cileas auf ein (schwaches) Libretto des Arturo Colautti gefiel – nicht zuletzt mangels leicht wieder erkennbarer Melodien und Arien – nicht. 1932 revidierte Cilea das Werk, das Publikum des Teatro di San Carlo goutierte, derart dramaturgisch besser ausbalanciert, die Oper ein wenig mehr. Dabei kann die Partitur durchaus mit lyrischen Reizen aufwarten, die stilistisch eher an die Orchestermalerei eines Rimsky Korsakoff oder Massenet als an die theatralische Wucht eines Mascagni bzw. an den Verismo als italienisch-musikhistorische Strömung anschließen.
Wie in „L’Arlesiana“ oder „Adriana Lecouvreur“ steht und fällt die Annahme dieser Oper mit der Sängerin der Titelpartie. Maria Callas, der der Komponist die Partitur 1950 übermittelt hatte, zeigte kein Interesse daran. Dabei muss Gloria sowohl über tragende Piani für das zarte Gebet, weite Legatobögen im kammermusikalisch behutsamen Liebesduett als auch über dramatische Spintoqualitäten, etwa in der Auseinandersetzung mit Bardo, verfügen. Mit all dem kann die italienische Diva Anastasia Bartoli spielerisch aufwarten. Mit ihrem – Mara Zampieri nicht unähnlich – metallisch grundierten, vibratoarmen und höhensicheren Sopran gelingt ihr ein glaubhaftes vokales Porträt der zwischen Familie/Pflicht, politischer Vernunft und bewegender Emotion hin- und her gerissenen Frau. Bartolis individuell markantes, sofort erkennbares Timbre ist ein weiterer Pluspunkt einer bemerkenswerten Rollengestaltung.
Außer Bartoli sorgen der georgische Bass Ramaz Chikviladze als Glorias Vater Aquilante de’Bardi, der Bariton Franco Vassallo als Glorias Buder Bardo und der wenig geschmeidig phrasierende, dafür robust-sichere, aus Montevideo stammende Tenor Carlo Ventre als Lionetto de‘ Ricci für gediegene, aber nicht außerordentliche Gesangsleistungen.
Besonders sollte das erstaunlich farbintensiv aufspielende Orchester des Teatro Lirico di Cagliari hervorgehoben werden, das unter der animierenden wie detailbetonten musikalischen Leitung durch Francesco Ciffullo für ein klangmalerisch ausgetüfteltes Hörvergnügen sorgt.
Leider ist die Produktion in der einfallslosen Rampentheater-Regie von Antonio Albanese, dem atmosphärisch nüchternen, granitfarbenen Bühnenbild (Leila Fleita) und den für die Männer (Chor und Solisten) extrem hässlichen als auch bewegungshindernden Kostümen (Carola Fenochhio) völlig uninteressant. Von einer durchdachten Personenregie bzw. Charakterisierung der Figuren ist auch nichts zu merken. Da die Oper in den Formaten DVD, Blu-ray und (ab 14.2.2025) auf CD erhältlich ist, würde ich daher zu der reinen Hörversion raten.
Lohnenswert ist die Beschäftigung mit diesem wenig bekannten Werk allemal. Da es außer der nun vorliegenden Veröffentlichung aus Cagliari meines Wissens nur eine akustisch wenig befriedigende Aufnahme aus dem Jahr 1969 mit Margherita Roberti, Flaviano Labo, Ferruccio Mazzoli, Lorenzo Testi, dem Orchestra Sinfonica di Torino della RAI unter Fernando Previtali gibt, ist die neue Aufnahme für Melomanen eine willkommene und akustisch empfehlenswerte Bereicherung des schmalen Katalogs.
Dr. Ingobert Waltenberger