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BERLIN/ „Berlinale“: Die Filme sind doch gut! Ein Kommentar zur 76. Berlinale von Kirsten Liese

23.02.2026 | Reflexionen

Berlin/ „Berlinale“: Die Filme sind doch gut! Ein Kommentar zur 76. Berlinale von Kirsten Liese

Es ist nicht lange her, da stand tatsächlich zu befürchten, dass die Berlinale unter den bedeutenden A-Festivals nicht mehr konkurrenzfähig sein würde. Da liefen vor allem im Wettbewerb undefinierbare Filme, schwer verständlich und erschreckend substanzlos, die sich einer Erzählung verweigerten.

Gewiss, es waren in der jüngsten 76. Ausgabe auch einige schwache Produktionen zu erleben, die nichts auf diesem Wettbewerb verloren hatten. Aber wenn sich unter 22 Beiträgen, die um den Goldenen Bären konkurrieren, immerhin eine Handvoll sehr sehenswerter Produktionen ausmachen lässt, darunter sogar ein Meisterwerk, dann ist das eine beachtliche Bilanz für ein angeschlagenes Festival und mithin ein großer Fortschritt!

Diesen Erfolg kann die neue Festivalleiterin Tricia Tuttle allemal für sich verbuchen.

Umso mehr erstaunt es, dass das deutsche Feuilleton ihn mit einer überwiegend negativen Bilanz kleinredet und den Wettbewerb so schwach einstuft wie zuletzt in der Ära von Carlo Chatrian.

Dabei wurden endlich wieder verständliche, sehr berührende Geschichten erzählt, und die besten Filme waren gleichermaßen politisch und künstlerisch anspruchsvoll.

Außerdem ist es das erste Mal seit gefühlt zehn Jahren, dass die Jury die Perlen prämiert hat. Wie oft ließ sich angesichts völlig überraschender Preisträger nur der Kopf schütteln.

Und damit sind wir schon bei dem Gewinner des Goldenen Bären, „Gelbe Briefe“, ein beeindruckend mutiges, systemkritisches  Drama, das davon erzählt, in welche existenziellen Schwierigkeiten ein Künstlerehepaar gerät, das zu seinen regimekritischen Einstellungen steht und deshalb seine Arbeit verliert. Und nachzeichnet, wie lange sich eine solche unbeugsame Haltung durchhalten lässt und ab welchem Punkt eine Beziehung darunter zerbricht. Was lässt sich noch als „Kompromiss“ verteidigen und wo beginnt Opportunismus? In Ilker Çataks Film ist der Grat sehr schmal.

Seine eigentliche Brisanz aber liegt darin, dass diese mit grandiosen Schauspielerin sehr feinfühlig erzählte Geschichte über einen raffinierten Kunstgriff keineswegs nur  diktatorische Verhältnisse in der Türkei widerspiegelt, sondern diese auch auf Deutschland projiziert: Statt in Ankara und Istanbul, wo sich der Story nach alles abspielt, wurde in Berlin und Hamburg gedreht.

Denn darum geht es dem Regisseur: Aufzuzeigen, dass Presse-und Meinungsfreiheit auch im vermeintlich so demokratischen Deutschland stark gefährdet sind. Konkret wird der Film mit Beispielen nicht, die kommen einem unweigerlich selbst in den Kopf, denkt man beispielsweise nur an die Corona-Zeit, in der Kritiker der Maßnahmen auf Demonstrationen von Polizisten mit Wasserwerfern angegriffen wurden und Menschen, die sich nicht zwangsimpfen lassen wollten, per 2 G-Regel vom öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden. Das ist nicht Thema des Films, schwingt aber mit.

Im Grunde ist es schon eine Sensation, dass der Film es auf die Berlinale geschafft- und dann sogar noch gewonnen hat.  

Mit dem Beitrag „Queen at Sea“ zeigte die Berlinale dann noch ein veritables Meisterwerk, das sich mit Michael Hanekes preisgekrönten Drama „Liebe“ vergleichen lässt. Es gewann ebenso verdient den Preis der Jury.

Auch darin geht es letztlich um staatliche Bevormundung im Kontext mit alten Menschen, denen eine scheinbar besorgte Gesellschaft vorschreiben will, wie sie leben sollen. Im Zentrum stehen hier eine demente Frau namens Leslie und ein rüstiger Rentner, die im Großen und Ganzen ihren Ehe-Alltag so gut meistern, wie es unter den Gegebenheiten möglich ist. Aber weil sich ihre starke Liebe zueinander auch körperlich ausdrückt, was viele Menschen peinlich finden, steht ihre Beziehung plötzlich auf dem Prüfstand, fragen sich Leslies Tochter, Gynäkologen, Juristen und Sozialarbeiter, ob nicht Missbrauch vorliegen könnte, ob die Eheleute getrennt werden müssen.

Erst nachdem sie ihre Mutter gegen den Willen ihres Stiefvaters in ein Pflegeheim eingewiesen hat, begreift die Tochter alias Juliette Binoche endlich, dass es Leslie dort schlechter geht als zu Hause bei ihrem Mann.

Auch Markus Schleinzers österreichisches Drama „Rose“ über eine Frau, die im Dreißigjährigen Krieg eine gefährliche Existenz als Mann wagt, sowie die mexikanische Tragödie „Moscvas“, um einem kleinen Jungen, der hart darum kämpfen muss, seine schwerkranke Mutter in einem Krankenhaus zu besuchen, zählten zu einer Reihe von stark aufwühlenden Geschichten.

Mit der in Wien angesiedelten Vampirkomödie „Blutgräfin“ von Ulrike Ottinger feierte auf der Berlinale bei alledem ein bildgewaltiges Epos Weltpremiere. Beeindruckend hier die Komposition aus kunstvollen, kraftvollen Bildern und einem Soundtrack, der leicht verfremdete Klänge aus Bruckners Achter Sinfonie mit Johann Strauß kombiniert. Auf die Idee, Isabelle Huppert als Blutsaugerin in einer Toilette zu Klängen aus dem Walzer „Wiener Blut“ in Szene zu setzen, muss man erst einmal kommen.

Solche Filme braucht ein A-Festival. Was will man nach so kurzer Zeit einer neuen Führung mehr?

Die Filmauswahl kann sich sehen lassen.

Kirsten Liese

 

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