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AUTUMN BLOOD

03.12.2014 | FILM/TV

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Ab 5. Dezember 2014 in den österreichischen Kinos
AUTUMN BLOOD
Österreich  /  2013
Regie: Markus Blunder
Mit: Sophie Lowe, Maximilian Harnisch, Peter Stormare u.a.

Nun hat es gerade erst mit „Das finstere Tal“ und „Vals“ zwei außerordentliche Filme gegeben, die in Tirol spielten und sich mit der Besonderheit dieser Menschen auseinandersetzte. Im Grunde wollte das auch der in Kufstein geborene Markus Blunder, aber er hat Entscheidungen getroffen, die seinem Film etwas an Überzeugungskraft nehmen.

Die Geschichte selbst ist stark und sogar glaubhaft (wenngleich der Autor / Regisseur den Eindruck erweckt, in Tirol liefen alle Männer mit dem Gewehr im Arm herum, ohne dabei zu zögern, jemanden zu killen). Sie spielt Ende des 20. Jahrhunderts, in der Vor-Computer-Zeit, aber doch in einer Art „Heute“, jedenfalls nicht in der Vergangenheit.

Möglicherweise wollte Blunder diesen Film unbedingt für den internationalen Markt konzipieren, und um die Sprachbarrieren zu überwinden, werden in den 100 Minuten vielleicht ein paar Dutzend Wörter gesprochen (und die auf Englisch, denn einige der Hauptdarsteller sind Australier, Amerikaner etc.!). Nun wirkt die Wortlosigkeit einerseits als Stilmittel wirklich affektiert– und dramaturgisch völlig unberechtigt. Es gibt zahllose Szenen in diesem Film, wo Menschen einfach mit Sprache kommunizieren müssten, und es geschieht nicht. Was passiert folglich? Die Bilder (und immer wieder wird die Landschaft, die Tiroler Berger beschworen) wirken auf einmal schrecklich pathetisch – und die Gesichter, die alles ausdrücken müssen, auch. Und das ist bedauerlich, denn der Film ist ein Wurf – könnte aber noch viel, viel besser sein.

Man erfährt absichtsvoll sehr, sehr vieles nicht in der Geschichte: Auch das ist ein Stilmittel, aber ein billiges. Gleich zu Beginn, wenn ein kleines Mädchen in der Bauernhütte eine Zeichnung macht, dem lieben Papa zeigt, der sich darüber freut, ein dunkler Mann auftaucht und Papa niederschießt… Man wird nie erfahren, warum, nie erfahren, warum der Mörder (es ist der Bürgermeister, und Peter Stormare, der Schwede mit der Hollywood-Bösewicht-Karriere spielt ihn tirolerisch knapp und verhalten) davonkam. Man sieht nur, dass nach einem Sprung von etwa zehn Jahren, die einsame Mutter mit der halbwüchsigen Tochter und dem kleinen Sohn allein auf dem Bergbauernhof lebt, die Frau monatlich bei der Post ihre Witwenpension abholt und die kleine Familie alle Arbeit mit den Kühen selbst erledigt. (Dass ein Bergbauernhof, um den es sich hier handelt, allerdings mit dem Auto erreicht werden kann, ist eher eine Rarität in der Wirklichkeit.)

Die Handlung zieht an: Das Mädchen (Sophie Lowe) – ihren Namen werden wir nie erfahren, so wenig wie den des Bruders – badet nackt in einem kleinen Gebirgssee, der Sohn des Bürgermeisters kommt vorbei und kann nicht umhin, sie rasch und brutal zu vergewaltigen. Parallel dazu kommt der kleine Junge (Maximilian Harnisch ist das Erlebnis des Films) in der Hütte in das Schlafzimmer der Mutter und findet sie tot. Kein Entsetzen, kein Pathos. Zwei Jugendliche packen die Mutter auf eine Trage, bringen sie tief in die Landschaft und begraben sie. Gewiss, man braucht über den Entschluss nicht groß zu reden – wenn wir zusammen bleiben wollen, darf niemand vom Tod der Mutter erfahren, das ist nur logisch für die Geschwister.

Aber ein junges Mädchen mit langem blondem Haar ist, selbst wenn die Mutter noch gelebt hätte, leichte Beute, und bald kommt der Bürgermeistersohn mit zwei Kumpeln, die sich in der Massenvergewaltigung ergehen, während sie den kleinen Bruder bedrohen. Parallel fragt sich der Postbeamte des Dorfs, warum die Mutter die Pension nicht mehr selbst holt, und so kommt eine Sozialarbeiterin zu den Geschwistern, die sich vor ihr verbergen…

Zu einem Krimi, wie er in der Anlage nicht „amerikanischer“ sein könnte, gerät das letzte Drittel des Films – die drei Vergewaltiger kommen wieder, Schwester und Bruder fliehen in den Wald, von drei starken Männern mit Gewehren gejagt, und diese klassische Situation wird klassisch abgehandelt und ausgewalzt (wobei man bei einem der dreien wiederum nicht weiß, wer ihn in letzter Sekunde die Geschwister rettend erschossen hat… so informationsunwillig wie dieser war noch kein Film).

Einiges Pathos am Ende, das man als Pointe nicht spoilen will, und Unbehagen bei der Idee, dass die Geschwister, die in die Fänge der Behörden geraten, auch kein Happyend zu erwarten haben… da bleiben viele ungute Gefühle. Aber es ist ein starker Film. Er wäre allerdings, wie gesagt, viel besser, wenn er nicht nur Bilder sprechen ließe. Die am Ende, wie man im Internet nachlesen kann, für die Tirol-Werbung gedacht sind??? Entschuldigen schon, dazu eignen sich das Goldene Dachl und die Skiloipen immer noch besser…

Renate Wagner

 

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