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ARGO

05.11.2012 | FILM/TV

 

Ab 9. November 2012 in den österreichischen Kinos
ARGO
USA  /  2012
Regie: Ben Affleck
Mit: Ben Affleck,John Goodman,Alan Arkin u.a.

Zurück in das Jahr 1979, als die USA mit Jimmy Carter einen schwachen Präsidenten hatten und die Rückkehr von Ayatollah Khomeini 1. Februar 1979 den Iran geradezu in Brand setzte. Damals wurde die Amerikanische Botschaft gestürmt und ein Geiseldrama, das rund eineinhalb Jahre währte, nahm seinen Anfang. Aber Ben Affleck erzählt in seinem Film „Argo“ nur zu Beginn von dieser Erstürmung der Botschaft (und tut es in so beklemmenden Bildern, dass man sein Können als Regisseur keine Sekunde in Frage stellt). In der Folge widmet er sich einer Geschichte am Rande, die „nur“ sechs Personen betraf und längst vergessen war. Dabei ließ sich daraus ein Film machen, den kein Drehbuchautor zu erfinden gewagt hätte… Es ist eine „wahre Geschichte“, wie man sie kaum für möglich halten möchte.

„Argo“ handelt von einer Genieidee des CIA-Agenten Tony Mendez, die gut und gern hätte schief gehen können (tatsächlich waren die Chancen dafür überdurchschnittlich groß). Sechs Amerikaner waren im Chaos der Erstürmung durch eine Hintertür aus der Botschaft geflohen und hatten bei den befreundeten Kanadiern Unterschlupf gefunden. Dort saßen sie gefangen in der Falle, denn der ganze Iran suchte hektisch nach jedem Amerikaner – und in mühevoller Kleinarbeit setzte man aus geschreddetem Material die Fotos der Botschaft-Mitarbeiter wieder zusammen und kam den „fehlenden“ auf die Spur…

Was Mendez sich ausdachte, um die Amerikaner aus dem Land zu holen, war eine unglaubliche Idee. Man konnte die sechs schwerlich zu kanadischen Lehrer oder Landwirtschaftsexeperten erklären, die  zufällig im Land gewesen seien. Was alternativ funktionierte, hat gewiss etwas mit der Macht und dem verführerischen Zauber des amerikanischen Films zu. Es gelang Mendez, viel CIA-Geld für ein Luft-Projekt aufzustellen, das nichtsdestoweniger glaubhaft sein musste: Es ging um den angeblichen Dreh eines Science-Fiction-Films namens „Argo“ (niemand wusste überhaupt, was der Titel bedeuten sollte), für den sich angeblich sechs Mitglieder der Filmcrew auf Location-Suche in den Iran begeben hatten – und nach zwei Tagen wieder ausreisen würden…

Affleck nimmt sich zu Beginn Zeit, die kochende iranische Revolution in den Straßen Teherans zu zeichnen, und ist bemerkenswert, welch „heißen Atem“ des Geschehens er hier erzielt. Abgesehen davon wirkt die Umgebung für jeden, der einmal dort war, bemerkenswert authentisch. Dann geht es zu den Herren der CIA, die geneigt sind angesichts des Collateralschadens von sechs Amerikanern in der kanadischen Botschaft von Teheran bei aller vorgespielter Betroffenheit möglicherweise nur die Achseln zu zucken.

Affleck ist als Regisseur (und als solcher auch am Schneidetisch) wahrlich vorzüglich. Darüber hinaus übernimmt er noch die Rolle des Tony Mendez, was man ihm nicht übel nehmen kann – wozu wirft man seine ganze Kraft in ein Unternehmen (er hat zusammen mit George Clooney auch produziert), wenn man nachher nicht einmal sein Gesicht in die Kamera halten dürfte? Affleck verstrickt sich zwar in ein etwas zu sentimentales „Familien“-Ende, in dem Mendez endlich wieder mit seinem kleinen Sohn vereint ist – anders scheint es im amerikanischen Film nicht zu funktionieren. Aber sein Mendez ist kein Held, kein Pathos haftet ihm an, ein paar nachdenkliche Blicke ausgenommen. Er tut seinen Job, er rettet Menschen.

Wenn er dazu nach Hollywood gehen muss, begegnet man – beide historische Figuren – John Goodman als dem Makeup-Künstler John Chambers und Alan Arkin als dem Produzenten Lester Siegel, die für die CIA tätig werden und „Argo“ scheinbar produzieren. So überzeugend, samtPressekonferenz, Merchandising, Fotos, Zeitungsberichten, dass niemand auf die Idee käme, dieser Film sei reine Camouflage. Goodman und Arkin genießen die Rollen zweier wahrer Schlitzohren, die wissen, wie das Geschäft läuft und Spaß daran haben, es immer wieder zum Laufen zu bringen. Sie sind das einzige, was „Argo“ in seinen zwei Stunden (die man wahrlich nicht merkt)  für den Zuschauer an „Comic relief“ bereit hat.

Auch wenn es um die sechs Amerikaner in der amerikanischen Botschaft geht, wird der Film nicht schmalzig und sentimental, obwohl das leicht wäre, handelt es sich doch um zwei junge Ehepaare neben einem älteren Mann. Sie werden so weit angerissen, dass sie vages Profil bekommen und man ihre bedrückte Lage mitbekommt (und den Druck, der auf dem kanadischen Botschafter lastet). Aber sie triefen nicht unter ihrem wenig beneidenswerten Schicksal.

Zentral in diesem Film erzählt Affleck Schritt für Schritt die Rettungsaktion, und gerade weil er nicht künstliche Dramatik erzeugt, sondern sich oft mit harten Schnitten zwischen den Welten begnügt, ist der Film atemberaubend spannend. Zumal, wenn es ans Ende geht und die sechs Amerikaner (deren Einreisepapiere angeblich „verloren“ gegangen sind) sich Schritt für Schritt auf den rettenden Swiss Air-Jumbo zu bewegen. Dabei steht immer noch ein misstrauischer Uniformierter im Weg, man muss Bilder, Storyboards und Artikel über den Film zeigen, es wird in Hollywood angerufen, und als die Rettung endlich nahe scheint, tauchen die Fotos auf, die sie als die „feindlichen“ Amerikaner identifizieren…

Und dennoch gelingt es Affleck, den Film genügend hinunterzuspielen (wo jeder andere hinaufgeschaukelt hätte), dass er nicht wie ein glorioses Heldenstück, sondern einfach als „Aktion“ wirkt, in der „Action“ nie zum Selbstzweck wird. Tatsächlich ist es eine hochpolitische Geschichte, der ein rücksichtsloses Terrorregime im Hintergrund den tödlichen Umriss gibt.

Eine Werbung für den Iran ist dieser Film sicher nicht. Die Qualität für einen Festival-Eröffnungsfilm (die „Viennale“ ist mit „Argo“ gestartet) hat das Gebotene jedenfalls.

Renate Wagner

 

 

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