Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

AMOUR FOU

02.11.2014 | FILM/TV

FilmPlakat Amour Fou~1

Ab 6. November 2014 in den österreichischen Kinos
AMOUR FOU
Österreich  /  2014 
Drehbuch und Regie: Jessica Hausner
Mit: Birte Schnöink, Christian Friedel, Stephan Grossmann u.a.

Deutschlands große Dichter sind auf der Kinoleinwand los. Vor ein paar Jahren (2010) schickte Philipp Stölzl einen hinreißenden jungen Goethe (in Gestalt von Alexander Fehling) in seine Liebesgeschichte mit Charlotte Buff. Demnächst kommt der junge Friedrich Schiller, hervorragend manövriert von Regisseur Dominik Graf und hinreißend gespielt von Florian Stetter, gleichzeitig verliebt in zwei Schwestern, in die Kinos.

Da hat es Heinrich von Kleist, nicht weniger genial als die beiden, viel schwerer. Er darf nur sterben. Und wenn man es genau nimmt, ist er nicht einmal der Held des Films der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner, die sich das Drehbuch zu dieser Sterbegeschichte selbst schrieb. An diesem Streifen beeindruckt so gut wie alles, nur eines bleibt unklar – warum „Amour fou“? Denn ironisch geht sie die Geschichte ja nun doch nicht an. Und dass es alles andere war als eine „Liebe“, schon gar eine wahnsinnige (so wie die Franzosen den Begriff der „Amour fou“ eben nehmen), die Henriette Vogel und Kleist im Tod vereinte – das zeichnet sie geradezu tragisch genau nach.

Tatsächlich wüsste heute absolut niemand mehr, wer die brave Berliner Bürgersfrau Henriette Vogel war, hätte Heinrich von Kleist sie nicht zur Gefährtin seines Endes gewählt, weil manche Männer (Kronprinz Rudolf gehörte auch dazu) offenbar nicht den Mut haben zu sterben, wenn es nicht jemand mit ihnen tut.

Über die suizidalen Motive des Heinrich von Kleist gibt es Hekatomben von interpretierender Literatur – Erfolglosigkeit, finanzielle Aussichtslosigkeit, das Gefühl, einer ehrenwerten Offiziersfamilie nicht zu entsprechen, unglückliche Liebe, und was es immer noch an Gründen gegeben haben mag, dass dieses Genie sich das Leben nahm. Wie so ganz unzeitgemäß er „tickte“, das wissen wir aus seinen Werken, von denen manche in ihrer Motivation – ob es die Marquise von O. ist, ob das Käthchen von Heilbronn – absolut nicht aufzuhellen sind.

Kurz, Kleist gibt Rätsel auf, ist aber bestens dokumentiert – und interessiert Jessica Hausner in ihrem Film absolut nur am Rande. Sie widmet sich Henriette, will wissen, wer sie ist. Und zeichnet die an sich zufriedene Frau eines preußischen Beamten, kunstsinnig, selbst per Hausmusik die Lieder der Zeit vortragend, ihre Tochter am Klavier. In ihrem Salon  finden sich geistreiche Leute ein, die damals – man schreibt 1811 – durchaus verständnisvoll, wenn auch besorgt den neuen Zeitgeist diskutieren, der mit der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen auch vor den deutschen Land nicht Halt gemacht hat. (Motto: Die armen unteren Stände, wie können sie Freiheit postulieren, von der sie absolut nichts verstehen? Man muss sie vor sich selbst beschützen!)

Anfangs diskutiert Henriette mit ihrer Umgebung einmal Kleists seltsame Geschichte der „Marquise von O.“ und zeigt mehr Verständnis für deren Verhalten als die nüchterne Umwelt – kurz, sie kann den Dichter, der dann in ihren Kreis tritt, verstehen. Spürt, dass es hinter der nackten Realität noch mehr gibt – an Gefühlen und Untiefen.

Aber obwohl Kleist immer wieder auftaucht, klein, stockig, eigentlich glanzlos wirkend, aber dem Vorbild, wie man ihn von Bildern kennt, nicht unähnlich, bleibt er am Rande. Man erfährt von seiner Zuneigung zu seiner mondänen Cousine Marie, die stets nur beschäftigt ist, sich ihn möglichst elegant vom Leib zu halten und seine Vorschläge eines gemeinsamen Todes als Spinnerei abzutun. Henriette hingegen folgen wir durch ihr stilles Leben, das so lange zufrieden und unaufgeregt ist oder scheint, bis die Krankheit kommt. Heftige Leibschmerzen, mit denen die Ärzte der damaligen Zeit nichts anzufangen wissen. Bis die Kapazitäten der Charité dann einen Tumor diagnostizieren und geringe Lebensdauer in Aussicht stellen…

Jessica Hausner weiß, dass man diesen Doppelselbstmord von Kleist und Henriette nie auflösen kann, auch wenn beide ergreifende Abschiedsbriefe geschrieben haben, die ja doch nichts erklären. Darum nimmt man hin, dass Henriette zweimal ihre Koffer packt und ihren stillen, sie demütig liebenden Mann vor die Tatsache stellt, sie mache mit Kleist „einen Ausflug“. Beim ersten Mal werden sie in der Nacht davor in einem Wirtshaus von einem Bekannten gestört und offenbar so aus der Stimmung gerissen, dass sie wieder heimkehren.

Beim zweiten Mal klappt es… und auch da durchwirkt die Regisseurin die Tragik mit der Banalität des alltäglichen Missverständnisses: Henriette will noch etwas sagen, als Kleist sie niederschießt. Und seine Pistole will absolut nicht funktionieren, als er sie sich an die Schläfe setzt…

Wirklich tragisch ist dann das Nachher, wenn der Arzt als Ergebnis der Obduktion verkündet, Henriette Vogel sei völlig gesund gewesen, ihr Leiden also offenbar psychisch („hysterisch“, wie die damaligen Ärzte vermutet haben könnten). Das ist nun faktisch auch nicht erwiesen, wenn auch als Behauptung hier und dort zu finden, aber Jessica Hausner wollte ja keine historische Doku drehen. Auch keinen Schluchz-Film aus der romantischen Epoche. Und schon gar nicht die Geschichte einer Amour Fou.

Amour Fou die beiden 400

Was ihr gelingt, auch mit Hilfe eines ganz langsamen, konzentrierten Erzählstils, der minutenlang ohne Schnitte in einer Kameraeinstellung verharrt (Kamera: Martin Gschlacht), ist die Geschichte von empfindlichen Seelen in einer nüchternen, wenn auch gar nicht allzu beengend oder allzu unsympathisch dargestellten Welt – das wäre zu offensichtlich und zu primitiv. Man begibt sich in diese spätfeudale, mit sich zufriedene Epoche, aus der ein Künstler wie Kleist nur in den Gedanken ausbrechen konnte – oder durch seinen Tod. Und wo eine Frau mitging, weil sie vom Leben nichts mehr zu erwarten hatte als elendes Sterben. Nein, eine Romanze ist das nicht. Das hat hier schmerzliche Sachlichkeit.

Aber „was Genaues weiß man nicht“, nach wie vor nicht – auch nicht nach diesen eineinhalb Kinostunden (wobei man als Kenner des „Schauplatzes“ am Wannsee, zu dem man als Kleist-Verehrer natürlich gepilgert ist, tatsächlich den Eindruck gewinnt, Jessica Hausner habe das letale Finale am 21. November 1811 genau am Ort des Geschehens gedreht.)  

Faszinierend wird der Film vollends durch die Darsteller, die sich ganz tief ins Bewusstsein des Zuschauers prägen: Birte Schnöink als die stille, unspektakuläre Henriette, die uns keine Seelenkrämpfe vorführt und doch fasziniert, Christian Friedel als der glanzlose Kleist, der Dichter in Gestalt eines unscheinbaren jungen Mannes, dessen Entschlossenheit man fühlt. Stephan Grossmann als der keine Sekunde lang in Macho-Gehabe agierende demütige Gatte Henriettes. Rätselhafterweise führt nicht einmal das Presseheft (das gibt es in diesem Fall, üblich ist es längst nicht mehr) die anderen Darsteller nur namentlich auf, so dass man sie ihren Rollen nicht zuteilen kann – und man würde gerne noch manche erwähnen, Henriettes Tochter, ihre Mutter, Kleists Cousine, die alte Gräfin, die Herrschaften der Umgebung. Die Mühe hätte man sich wahrlich machen sollen, alle  Darsteller dieses besonderen Filmerlebnisses hätten  es verdient..

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken