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NEBRASKA

05.02.2014 | FILM/TV

FilmCover Nebraska  FilmCover Nebraska breit

Ab 7. Februar 2014 in den österreichischen Kinos
NEBRASKA
USA / 2013
Regie: Alexander Payne
Mit: Bruce Dern, Will Forte, June Squibb, Stacy Keach u.a.

Sechs „Oscar“-Nominierungen, davon alle in den „Königskategorien“, für einen Film, der weder mit besonderem Starglanz noch mit dem geringsten Glamour-Effekt prunken kann. Ein Film, der aus der „Traumfabrik“ Hollywood den Hinterhof der amerikanischen Wirklichkeit macht. Ohne einen Hauch von Romantik, Beschönigung, Kitsch (nur ein winziges Quentchen „poetic justice“ rundet das Geschehen): Kurz, „Nebraska“ ist eine erstaunliche Erscheinung auf dem Filmmarkt von heute.

Schwarzweiß. So hat Alexander Payne, dessen bisherige „Problemfilme“ doch weit gefälliger waren, diese Geschichte gedreht. Weil er eine durch und durch graue Welt zeigt, ohne besondere Schattierungen ins Grelle, auch ohne Weichzeichnung. Weil er Schicksale von Menschen zeigt, die – irgendwo in Amerikas glanzloser Mitte angesiedelt – kaum eine Chance haben. Deren tragische Mittelmäßigkeit vorgegeben scheint.

Wie jeder gute Film, jeder gute Roman, jedes gute Stück wird der große Zusammenhang durch eine individuelle Geschichte klar. Da könnte man anfangs fast meinen, es würde heiter: Der alte Woody Grant ist auch zu dumm und stur. Bekommt einen der lächerlichen Werbebriefe, wo man ihm versichert, er habe eine Million Dollar gewonnen. Das Kleingedruckte liest er nicht, er will bloß das Geld. Man könnte über ihn lachen, aber man tut es nicht, weil Bruce Dern, dieser von Hollywood längst fast vergessene Schauspieler, einfach über die Maßen faszinierend ist. Über einem leeren Gesicht der Strahlenkranz von dünnem weißem Haar. Eine aus Altersstarrsinn und vielleicht noch anderem, nicht Definierbarem gespeiste Entschlossenheit, von seiner Kleinstadt Billings in Montana nach Lincoln, Nebraska, aufzubrechen, um das Geld abzuholen. Basta. Eine Million Dollar. Er hat sie gewonnen. Ohne Frage. Er will das Geld.

Nebraska film still

Es ist einer seiner beiden Söhne – Söhne, die Woody nie gewollt und um die er sich nie sonderlich gekümmert hat -, der sich seiner erbarmt: David, der es auch nicht weit gebracht hat (von der korpulenten Freundin getrennt, ein mühsamer Job als Verkäufer im Elektrogeschäft), nimmt es auf sich, den Vater nach Nebraska zu fahren. Nicht nur, weil Will Forte (der bisher eher im US-Fernsehen Karriere gemacht hat) eine so grandiose Leistung liefert, völlig auf Augenhöhe mit Dern, ist die Vater-Sohn-Geschichte eines der wichtigsten Elemente des Films. Das pathetische Gequatsche von der „Quality Time“, die man mit der Familie verbringen sollte – für Davids bisher nicht gestellte Fragen hat der Vater in den gemeinsamen Stunden im Auto oder im Coffeeshop nur die ernüchterndsten Antworten. Was hätte er werden sollen als ein Alkoholiker, meint der Alte: Jeder Mann, der mit Davids Mutter verheiratet ist, wäre das auch… David gewinnt Einblick in ein so liebeleeres wie zielloses Leben, das sein Vater in Bier ertränkt hat, beruflich und privat gescheitert.

Es gibt eine Szene, wie die beiden an Mount Rushmore in South Dakota vorbeifahren, wo bekanntlich die Gesichter von Washington, Jefferson, Roosevelt und Lincoln gewaltig in die Felsen gehauen sind – ein Monument des amerikanischen Patriotismus. David will es sehen, der alte Woody zuckt die Achseln: Es bedeutet ihm nichts, wie das meiste im Leben. Später hört man in einem Nebensatz, er habe es im Korea-Krieg schwer gehabt, was der Sohn gar nicht wusste. Nein, Woody ist nicht einmal ein Right-Wing American Patriot wie so viele im Mittleren Westen. Er ist im Grunde gar nichts, und er hat nie wirklich gelernt, mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren, weil er auf dem sicheren Weg blieb, sich in sich selbst und seinen Alk-Rausch zurückzuziehen.

Und dann landen die beiden auf dem Weg in Hawthorn, Nebraska, dort, wo Woody aufgewachsen ist. Die Familie ist so erschreckend wie er, alles alte Menschen – es scheint bis auf David und seinen Bruder keine mittelalterlichen zu geben, und wenn sie Altersgenossen treffen wie die Cousins, sitzen diese so fett und regungslos vor dem Fernsehapparat wie die Alten.

Das Drehbuch macht klar, dass niemand sich um Woody kümmern würde, ließe er nicht nebenbei die Bemerkung von seiner Million Dollar fallen – und wie er nun Interesse, Gier, Neid und Begehrlichkeit auf sich zieht, ist eine der Meisterschilderungen dieses Films: Die Forderungen nach Geld werden mehr oder minder deutlich und unverschämt. Die Versicherung von David, es gäbe dieses Geld nicht, glaube keiner, hält jeder für eine Schutzbehauptung. Erst später, als man merkt, dass Woody einem dieser sinnlosen Werbegags aufgesessen ist, die kein vernünftiger Mensch glaubt, bricht voll der Hohn aus…

Die Familiengeschichte gewinnt Brisanz, als dann, beim Aufenthalt bei den Verwandten, Woodys Frau Kate und sein zweiter Sohn Ross zu den beiden stoßen. Auch June Squibb ist – als Nebendarstellerin – für den „Oscar“ nominiert, und es macht sprachlos, mit welch selbstverständlicher Gnadenlosigkeit diese Frau mit spitzer Zunge alles um sich herum zugrunde richtet. Mit ihr leben zu müssen, ist wohl ein Teil des Problems dieser total zerrütteten Menschen.

Am Ende fährt David, die einzige „Lichtgestalt“ des Films (aber als solche weder überzeichnet noch unrealistisch) den Vater zu dem Büro, wo er seine Million kassieren will. Das Mädchen am Computer sagt ihm schnell, dass auf seinem Los nicht die richtige Nummer aufscheine – und dann muss man das Gesicht von Bruce Dern ansehen… Er glaubt halt, was man ihm sagt, meint David entschuldigend. „Too bad“ (gleichsam „Ein Jammer“), antwortet die junge Frau mitleidsvoll und bietet ihm als Werbegeschenk einen Polster an, weil sie doch so weit gefahren sind.

Möglicherweise wäre der Film in seinem doppelten Grau in Grau noch stärker, hätte der Regisseur – der lapidare Stil, den er für den amerikanischen White Trash-Alltag findet, ist atemberaubend – nicht noch einer positiven Schlusswendung des Drehbuchs zugestimmt. Immerhin geht man nach fast zwei Stunden packender Tristesse mit dem guten Gefühl nach Hause, dass der Trip weder für Woody noch für David ganz vergeblich war. Was will man mehr? Nun, beispielsweise ein paar der ausgeschriebenen „Oscars“ für diesen Film.

Renate Wagner

 

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