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3096 TAGE

25.02.2013 | FILM/TV

Ab 28. Februar 2013 in den österreichischen Kinos
3096 TAGE
Deutschland  /  2013 
Regie: Sherry Hormann
Mit: Antonia Campbell-Hughes, Amelia Pidgeon, Thure Lindhardt, Trine Dyrholm u.a.

Man weiß, wie der Fall Kampusch die österreichische Öffentlichkeit emotionalisiert hat – und interessanterweise keinesfalls ausschließlich dahingehend, dass man mit dem „armen Geschöpf“ Mitleid gehabt hätte. Psychologen haben die Reaktion der Öffentlichkeit erklärt: Indem Natascha Kampusch die Opferrolle ablehnte und ihr Schicksal „danach“ sehr bewusst und letztlich auch mediengerecht in die Hand genommen hat, widersprach sie allen Erwartungshaltungen – und löste damit negative Reaktionen aus.

Wie dem auch sei – sie schrieb ihre Erfahrungen als Entführungsopfer nieder, und da sie sich rund um den Film zu jeglicher Art von „Promotion“ bereit fand, kann man annehmen, ein „autorisiertes“ Werk vor sich zu haben. Jene Geschichte, die sie erzählen will. Von einem kleinen Mädchen, das 1998 zehnjährig entführt wird, mit Instinkt überlebte, und von einer früh gereiften jungen Frau, die mit Intelligenz ihre Strategien entwickelte, bis sie nach 3096 Tagen in Gefangenschaft 2006 flüchten konnte. Eigentlich bewundernswert. Und warum nicht – schließlich hat sie ja wirklich überlebt, was gar nicht sicher war. Und zweifellos ist sie acht Jahre lang durch die Hölle gegangen – und teilweise danach auch noch.

Was Bernd Eichinger, durch seinen Tod unterbrochen, als Drehbuch konzipiert und geschrieben und was Ruth Toma vollendet hat, ist vom Aspekt des „Kinos“ außerordentlich geschickt gemacht. Zu Beginn die vollkommene Täuschung – ein junges Mädchen im Schnee beim Skifahren, die geradezu harmonische Normalität. Erst als sie auf die Toilette geht, misstrauisch beäugt von einem Mann, der ihr dorthin nicht folgen kann, und einer fremden Frau sagt, sie sei das Entführungsopfer Natascha Kampusch, worauf die Frau in einer slawischen Sprache antwortet, dass sie nicht versteht, macht klar, dass das Happy End noch weit ist. Und dann aus dem Off die Stimme: „Es war klar: Nur einer von uns beiden würde überleben. Am Ende war es ich, nicht er.“ So könnte jeder klassische Krimi beginnen. Das ist kinogerecht genug, und auch später gibt es Szenen, die möglicherweise „echt“ gewesen sein mögen (Priklopil kauft Natascha ein rotes Kleid, im Wohnzimmer erklingt Musik, sie tanzen…), aber doch sehr nach Kintopp  und Künstlichkeit riechen. Andererseits – eine Dokumentation soll es ja nicht sein. Die würde auch ihren Zweck verfehlen, das Publikum mitleiden zu machen…

Rückblende: Die kurze Exposition eines unglücklichen kleinen Mädchens zwischen getrennten und verfeindeten Eltern. Dann ganz schnell, plötzlich und schockartig, die Entführung, das Verlies, in das Wolfgang Priklopil sie steckt. In der Folge kümmert sich der Film am allerwenigsten darum, wie die Öffentlichkeit reagierte – die verzweifelte Mutter, Zeitungs- und Fernsehberichte zum Fall gibt es kaum andeutungsweise -, aber die „Dramaturgie“ ist so ausgewogen, dass man nicht Gefahr läuft, sich mit der Gefangenen im Mini-Keller zu langweilen. Die Szenen springen zwischen dem Kind „da unten“ und dem „normal“ wirkenden jungen Mann da oben hin und her. Er empfängt seine fürsorgliche Mutter, trinkt einmal auch mit der Oma Kaffee (Erni Mangold als das einzige bekannte Gesicht des ganzen Films), begegnet den Polizisten, die routinemäßig kommen, um sich seinen weißen Lieferwagen anzusehen, höflich. (Dass sie sich bei dem gesuchten Täter befanden, konnten die armen Kerle nicht ahnen – und das Versteck wäre, das macht der Film klar, kaum zu finden gewesen, so geschickt hatte Priklopil den Zugang vielfach verbarrikadiert.)

  

Der Sprung vom zehnjährigen Kind Natascha (Amelia Pidgeon) zum halbwüchsigen Teenager (Antonia Campbell-Hughes – geradezu magersüchtig, bleich und großäugig) erfolgt relativ schnell, aus dem logischen Grund, dass die Geschichte hier interessanter wird. Das Kleinkind in der Extremsituation versucht als junge Frau alle nur möglichen Strategien, mit ihrem Peiniger zu leben, um überleben zu können. Und als Gewalttäter erlebt man ihn wirklich – er hat in dem Mädchen eine Arbeitssklavin und dann auch eine Sexsklavin, außerdem einen Menschen, dem er ungestraft nach Lust körperliche Gewalt und seelischen Terror antun kann, und er nützt diese seine Macht aus. Sie muss um Essen betteln, sich prügeln lassen, die Beine breit machen (wobei sie im Bett mit einer Fessel von Handgelenk zu Handgelenk an ihn gekettet ist). Muss bitten und danken dafür, am Leben  zu sein. Und wenn sie aus dem Haus darf, besteht durch seine Drohungen, er werde sie und andere mit einer Pistole, die er angeblich immer bei sich trug, töten, keine Möglichkeit des Entkommens…

Wie Antonia Campbell-Hughes einerseits die Verzweiflung dieses jungen Mädchens spielt, andererseits die erzwungene Anpassung, das Austasten der Grenzen, die sie nach und nach zu erweitern versucht, das ist nach klassischen Regeln der Dramaturgie genau gestaltet. Sie wartet auf den Augenblick, von dem sie nicht wissen kann, ob er je kommt, den sie aber erkennt, als er da ist – ein Spalt des Eisentors zu Straße ist offen. Sie läuft. Der Rest ist Geschichte… Und jetzt auf der Leinwand fixiert. Nicht vordergründig als Siegesstory eines Heldenmädchens, aber hintergründig gewissermaßen doch.

Von Priklopil erfährt man entschieden weniger als von Natascha – und da bleibt vieles offen. Vor allem, wovon der arbeitslose Elektrotechniker (die Arbeitslosigkeit wird direkt betont) eigentlich in den acht Jahren, die er Natascha im Keller festhielt, gelebt hat. Er sorgte schließlich nicht nur für zwei Menschen, er renovierte das Haus, kaufte sicher nicht billig ein, machte mit Natascha Skiurlaub. All das wäre mit einer Arbeitslosenunterstützung bzw. Notstandshilfe, wenn sie denn so lange liefe, kaum zu finanzieren gewesen. Wenigstens versucht man eine Motivation für diese schier unglaubliche Tat zu finden – das kleine Mädchen habe ihn angelächelt, sagt er auf ihre Frage. Offenbar war er dann so davon besessen, sie besitzen zu müssen, dass er monatelang das Kellerverlies ausgegraben und eingerichtet hat (sehr vorsichtig, dass niemand seine Aktivitäten merkt). Der Wahnsinn, der dahinter stecken muss, ist nicht begreiflich zu machen –  offenbar ging er ja in der Umwelt als „ganz normaler junger Mann“ durch, den die Mama immer wieder ermahnt, sich eine Freundin zuzulegen. Sein Tod ist kurz und angedeutet – er am Bahndamm, der Zug kommt. Hätte er weitergelebt, wüssten wir mehr von ihm? Der Däne Thure Lindhardt kann, wenn er mit seinem Otto-Normalverbraucher-Gesicht tobsüchtig und sadistisch wird, kurz Gänsehaut erzeugen. Die Banalität des Bösen?

Regisseurin Sherry Hormann, zuletzt mit der einigermaßen lustigen „Anleitung zum Unglücklichsein“ auf der Leinwand, davor in der „Wüstenblume“ schon mit dem Schicksal einer gequälten Frau befasst, hat einen ganz normalen Kinofilm gedreht, der weit von jeder ausgereizten Spekulation entfernt ist. Das Geschehen wirkt nicht spezifisch österreichisch (Nataschas Mutter, überhaupt nur sehr am Rande behandelt, wird von der Dänin Trine Dyrholm gespielt), man will das ja wohl international verkaufen. Beschworen wird Kleinbürgerlichkeit – und ihre Geheimnisse im Keller. Ein bisschen nachdrücklicher hätte man es sich gewünscht, und wenn immerhin Hormann-Gatte Michael Ballhaus, ein legendärer Kameramann, dabei war, hätte man gedacht, mehr Enge zu atmen. Aber was will man eigentlich? Eigentlich will man einen solchen Film ja gar nicht sehen, wenn man keine sadistische Ader hat…

Natascha Kampusch wünscht man, dass mit Buch und Film die Vergangenheit für sie selbst so weit aufgearbeitet ist, wie jemand es aus eigener Kraft vermag – und für die Öffentlichkeit ausreichend abgearbeitet sei, dass jegliche (auch in Bezug auf den „Sex“ lüsterne) Neugierde befriedigt wurde. Vielleicht kann das Opfer jetzt in Frieden ruhen und ein neuer Mensch ein echtes Leben beginnen. Schließlich hat Natascha Kampusch in einem zweifellos symbolträchtig gemeinten Akt (nicht im Film, aber in der Realität) den Keller zuschütten lassen.

Renate Wagner

 

 

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