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12 YEARS A SLAVE

16.01.2014 | FILM/TV

 

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Ab 17. Jänner 2014 in den österreichischen Kinos
12 YEARS A SLAVE
USA  /  2013
Regie: Steve McQueen
Mit: Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Benedict Cumberbatch, Brad Pitt, Paul Dano u.a.

Eine Gesellschaft muss einen gewissen Grad an Reife erlangt haben (oder muss bloß genügend Zeit vergangen sein?), um nicht nur mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern vor der eigenen Haustüre zu kehren. Die USA sind aufgewacht und haben – sicher auch als Folgeerscheinung eines „halb-schwarzen“ Präsidenten – sich auf ihre Sünden gegenüber den Negern in ihrer Bevölkerung besonnen.

Wobei man sich jetzt nicht mit politisch korrekten Formulierungen verrenken sollte: Von „Afro-Amerikanern“ war damals noch nicht die Rede, das waren „Nigger“, mit denen man legitim (!) alles machen konnte, zu Tode trampeln, prügeln, peitschen, quälen – dieser Umgang mit den Mitmenschen, die nicht als solche betrachtet wurden, sondern als Nicht-Menschen, Untermenschen, Fleisch, das man auspressen und wegwerfen konnte, war nicht nur gesellschaftlich sanktioniert, sondern zu lange Zeit einfach selbstverständlich.

Man hat es in den USA endlich begriffen, und mittlerweile wurden viele lobenswerte Zugänge zur Sklavenproblematik  gewählt – ob in dem Film „The Help“, wo man dankbar vor der Leistung ungezählter schwarzer Frauen in die Knie ging, die nicht nur weiße Haushalte führten, sondern auch weiße Kinder aufzogen, ob zuletzt in „The Servant“, wo man die Überlebensstrategie von Schwarzen vorgeführt bekam, die in der weißen Gesellschaft einen kleinen Platz suchten und fanden (wie jene  Butler im Weißen Haus). „12 Years a Slave“ – zu Recht mit dem Golden Globe als bester Film des Jahres ausgezeichnet – greift nun am härtesten zu, blendet in die Unrechtszeit vor dem Bürgerkrieg zurück, wo Sklaverei im Süden die Regel und ein Schwarzer ein rechtloses Stück Menschenfleisch war.

Dabei ist die Geschichte des Solomon Northup ein Stück grausame Wirklichkeit, so geschehen, wie beschrieben (will man einmal annehmen), nachdem ein freier Mann 1841 in den Süden verschleppt und als Sklave verkauft wurde – und dort zwölf endlose, unglaublich harte Jahre auf den Baumwollplantagen in Louisiana durchlitt, bevor sich Menschen fanden, die ihn 1853 befreiten. Seine Memoiren erschienen noch 1853, kurz nach „Onkel Toms Hütte“, bewirkten damals aber noch nichts weiter.

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Chiwetel Ejiofor spielt diesen Solomon bemerkenswert: Zuerst der stolze, selbstbewusste freie Bürger des Nordens, ein Musiker, der zufrieden in New York mit Frau und zwei kleinen Kindern lebt und nichts Böses ahnt. Auch nicht, als man ihm ein lukratives Gastspiel in Washington verspricht. Bei einem gemütlichen Drink mit den Agenten, die ihn von zuhause fortgelockt haben, wird er mit einer Betäubungsdroge besinnungslos gemacht – und wacht in Ketten wieder auf. Jede Versicherung, er sei ein freier Mann, wird mit Prügel beantwortet… Und nun muss Solomon durch sein Schicksal gehen – das Begreifen der Situation, die lebensnotwendige Anpassung, die Verleugnung, die Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, der nie vergessene Wunsch, in die Freiheit zurück zu kehren.

Die Geschichte des Solomon Northup ist nicht nur so herzzerreißend, weil sie wahr ist, sondern auch, weil sie wohl stellvertretend steht für Millionen von Menschen, deren Leben ein einziges Jammertal war. Der Transport wie Vieh in den Süden, hier New Orleans. Die Demütigungen des Sklavenmarkts. Die Unberechenbarkeit der Herren – William Ford (wunderbar sensibel gespielt von Benedict Cumberbatch) ist ein feiner Mann, der seine Schwarzen wie Menschen behandelt (Solomon sogar eine Geige gibt, damit er spielen kann – wenn auch zum Vergnügen des weißen Mannes), der aber selbst nicht viel gegen die Willkür seines Vorarbeiters tun kann: Paul Dano ist in einer erschreckenden Studie einer jene Schwächlinge, die ihr Mütchen an den ganz Schwachen kühlen, zitternd vor Erregung über ihre „Macht“.

Wenn Ford aber aus Geldnöten seine Sklaven weitergeben muss, dann gerät Solomon mit Edwin Epps an einen jener Herren, die man mit den Kommandanten der KZs vergleichen kann – Sadismus pur, aus der ganz tief sitzenden Befriedigung, dass man ihn straflos ausleben kann. Ein bekanntes Phänomen, das sich innerhalb totalitärer Strukturen (und die Welt der Sklavenhalter war eine solche) immer wieder auf das furchtbarste zeigt. Michael Fassbender, der mit Regisseur McQueen schon einige außerordentliche Leistungen erarbeitet hat, ist wiederum von atemberaubender Überzeugungskraft.

Einblick gibt der Film auch in den elenden, schuftenden Alltag der Sklaven, wo sie einander bitten, sie zu töten, nur um das Leben zu enden, wo die Frauen selbstverständlich die gezwungenen Huren der weißen Herren sind, und wo ein Mann wie Solomon niemanden findet, der sich seiner erbarmen und für ihn einen Brief aus dem „Gefängnis Plantage“ schmuggeln würde. Bis endlich einmal ein freier Mann aus dem Norden kommt (Mitproduzent Brad Pitt hat die kleine, aber wichtige Rolle übernommen), der furchtlos ist und seine Botschaft überbringt. Dann gibt es genügend ehrbare (weiße) Menschen, die sich um die Freilassung eines freien Mannes, der verbrecherisch in die Sklaverei verkauft wurde, zu kümmern. Ungemein berührend ist letztlich das Wiedersehen mit der Familie, die zwölf Jahre auf einen Mann gewartet hat, von dem sie nichts wusste.

Im übrigen ist dieser Film aber auf alles andere als Rührung angelegt. Der englische Regisseur Steve McQueen hat mit Filmen wie „Hunger“ und „Shame“ gezeigt, dass er bereit ist, an Grenzen zu gehen, und in der Darstellung körperlicher und seelischer Grausamkeit ist er hier gleichfalls nicht zimperlich. Aber immer stellt er auch die Psychologie der Figuren auf den Prüfstand, der Opfer ebenso wie der Täter, ohne im geringsten zu entschuldigen oder sentimental zu werden. Man ist der Sklaverei selten so nahe gekommen, und man hat selten so viel davon begriffen („Vom Winde verweht“ kann man zu diesem Thema ja kaum heranziehen…). Meisterlich.

Renate Wagner

 

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