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ZWEI TAGE, EINE NACHT

29.10.2014 | FILM/TV

FilmPlakat Zwei Tage eine Nacht~1

Ab 31. Oktober 2014 in den österreichischen Kinos
ZWEI TAGE, EINE NACHT
Deux jours, une nuit  /  Frankreich  /  2014
Drehbuch und Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Mit: Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Catherine Salée u.a.

Man riskiert einiges – vor allem angesichts der Begeisterung vieler Kritikerkollegen, die Lobeshymnen fürs Stammbuch und Kalenderblatt schrieben  -, wenn man einen Film, der allgemein als ergreifendes Meisterwerk gilt, als spekulativen Sozialporno abtut. Das heißt nicht, dass man herzlos ist oder keine Antenne für die wahren sozialen Probleme hat. Es bedeutet nur, dass man deren billige Ausschlachtung ablehnt.

Dazu kommt die dramaturgische Zumutung, die das Publikum gläubig fressen soll: Es gibt Filme, die gehen von den albernsten Voraussetzungen aus und zwingen das Publikum, dies ernst zu nehmen. Seidls „Liebe“ war so ein Unsinn, und „Zwei Tage, eine Nacht“ funktioniert ähnlich.

Welcher Chef verspricht einer 16köpfigen Arbeiterschaft eine Prämie von je 1000 Euro unter der Bedingung, dass eine Kollegin entlassen wird? Und selbst, wenn dergleichen (was logisch nicht durchdacht werden kann) passiert – wer kämpft um seinen Job, wenn er Leute bitten muss, für dessen Erhaltung 1000 Euro zu verlieren? Leute, denen es auf jeden Euro ankommt, die als Fabrikarbeiter zu den Ärmsten zählen, für die eine solche Summe Gas und Strom für ein Jahr bedeuten?

Die arme Marion Cottilard muss nun, von Depressionen und Tabletten gebeutelt, von ihrem Gatten mehr oder minder getrieben, von einem zu anderen ihrer Arbeitskollegen gehen –  zwei Tage, eine Nacht, also ein Wochenende, hat sie dafür Zeit. Am Montag wird neu abgestimmt.

Nun wankt sie also dahin, bettelt als Bittstellerin um ihren Job, erleidet die zu erwarteten Abfuhren (Gott, sind die Menschen roh), erfährt dann wieder überraschende Freundlichkeit (dann trieft es entsprechend) – zwischendurch nimmt sie eine Überdosis, aber offenbar ist dergleichen mit ein paar Stunden Spital zu erledigen (!!!)… es ist einfach zu dumm.

Wenn sie am Ende, nachdem sich nur die Hälfte der Kollegen für sie einsetzt, den Job doch verliert, ist sie seltsamerweise ganz fröhlich und gibt an, sich einen neuen zu suchen. Genau das hätte sie vernünftigerweise von Anfang an tun müssen, eine andere intelligente Entscheidung gibt es nicht, dann wäre ihr viel erspart geblieben und dem Kinobesucher auch.

Unsere ach so kalte Arbeitswelt ist jeden Film wert, das steht außer Frage. Aber bitte, werte Regisseure Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne – einen, den man ernst nehmen kann und der das Publikum nicht für blöd verkauft, nur weil man billige Rühr-Effekte melken möchte…

Renate Wagner

 

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