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ZÜRICH: DON CARLO

28.03.2012 | KRITIKEN, Oper

Don Carlo, Opernhaus Zürich, 27. März 2012; weitere Vorstellungen am 30.März und 9. April


Foto-Copyright: Oper Zürich

Das Opernhaus Zürich zeigt noch bis zum 9. April 2012 einen neuen Don Carlo in Starbesetzung (die Premiere fand am 4. März 2012 statt).
Entschieden hatte man sich für die 1886 für Modena entstandene fünfaktige italienische Fassung, also inklusive Fontainebleau-Akt. Hinzugefügt wurde außerdem der Jägerchor. Don Carlo Inszenierungen (den französischen Don Carlos von Peter Konwitschny an der Wiener Staatsoper ausgenommen), spielen zu 99% im Dunkeln (obwohl wir doch seit eines deutschen Schlagers von 1972 wissen: „Die Sonne scheint bei Tag und Nacht, Eviva Espana“) und die Bühnenbilder dominieren große Kreuze. Die recht statische Zürcher Don Carlo Inszenierung von Regisseur Sven-Eric Bechtolf bildet da keine Ausnahme.

Bechtolf hat sich für steife, traditionelle Kostüme (Marianne Glittenberg) in schwarz entschieden, die fast leere Bühne (Rolf Glittenberg) wird dominiert von einzelnen Requisiten: Sternenhimmel und Strohballen im Fontainbleau-Akt, ein riesiger Totenschädel (der mich irgendwie an Hamlet erinnerte) und das goldene Skelett Karls V. im Kloster Saint Juste, Zypressen im Garten der Königin, fallende weiße Kreuze im Autodafé oder ein Christusportrait im Arbeitszimmer Philipps.

Der Chor tritt als schwarze Masse in Erscheinung, es scheint, als gebe es gar kein Volk, sondern nur dunkel gewandete Höflinge und Mönche.
Ich fand es schade, dass Bechtolf wenig Personenregie einsetzt, so dass die Beziehungen der sechs Hauptpersonen untereinander den Zuschauer seltsam unberührt lassen. Keinerlei Gesten der Freundschaft zwischen Carlos und Posa, keine Gesten der Liebe zwischen Carlos und Elisabeth, nichts zwischen Eboli und Philipp. Das mag Absicht des Regisseurs sein, um die Einsamkeit im Spanien des 16. Jahrhunderts zu verdeutlichen. Bechtolfs Charaktere agieren wie gelähmt, die Macht der Kirche ist überall spürbar (z.B. wenn Eboli ihre Hofdame bittet, sie mit der Mandoline zu begleiten („Nel giardin del bello“) und ein Mönch eben diese Hofdame davon abhält, die Mandoline zu holen).

Aber eigentlich verschenkt Bechtolf damit die Gelegenheit, ein hochspannendes fast Shakespeare’sches Kammerspiel darzustellen, denn die Geschichte bietet alles, was sich ein Regisseur nur wünschen kann: Politik, Intrige, drohenden Machtverlust, Liebe, Eifersucht, Verzweiflung, Hoffnung. Das sollte der Zuschauer spüren, und ich finde, dass dies beispielsweise Peter Konwitschny in Wien hervorragend gelungen ist.

Vielleicht liegt es auch am Rhythmus der Inszenierung, dass so schwer Stimmung aufkommt. Ein Beispiel: Der Auftritt der sechs flandrischen Gesandten während des Autodafés muss vollkommen überraschend stattfinden. Bei Bechtolf treten sie bereits kurz vorher im Hintergrund auf, stehen auf der Treppe und kommen dann vor, die ganze Dramatik geht verloren. Immerhin ist dies die einzige Szene, in der gezeigt wird, dass Carlo nicht nur Opfer ist, sondern zum ersten Mal aktiv gegen seinen Vater rebelliert (ich hätte übrigens Fabio Sartori ohne zu Zögern Flandern überlassen, von diesem Carlo wäre keine Gefahr für das mächtige Spanien ausgegangen). Schade auch, dass die große Sturmszene nach Rodrigos Tod ihre Wucht einbüßt, da der sehr gute Chor als Einheitsmasse nicht wirklich spielen darf und erst gar nicht an den König dran kommt, der immerhin sagt: „Öffnet die Tore“ und in diesem Moment kurz davor steht, einem Volksaufstand zum Opfer zu fallen („Was wollt ihr?“ – „Den Infanten!“), bevor ihn der Großinquisitor in letzter Sekunde rettet.

Es gab jedoch auch einen szenischen Höhepunkt des Abends – und zwar die Szene zwischen dem Großinquisitor und Philipp („Son io dinanzi al Re?“). Hier gelang es Alfred Muff und Matti Salminen endlich, eine spannende zwischenmenschliche Atmosphäre zu schaffen, von Zubin Mehta und dem Orchester wunderbar begleitet.

Zusammengefasst würde ich sagen: Eine stilvolle, wenn auch etwas fade Inszenierung, die das Stück konsequent erzählt, aber keinerlei Gefühlsausbrüche zulässt oder neue Aspekte offenbart. Sicher auch eine passende Inszenierung für die Mailänder Scala.

Zur musikalischen Gestaltung: Fabio Sartori (Don Carlo) ist ein ganz typischer italienischer Tenor; eine schöntimbrierte, große Stimme mit Italianità und Gespür für Phrasierung und Ausdruck, aber null Schauspiel. Ich glaube, sein Gesichtsausdruck schwankte stets zwischen purer Verzweiflung und wilder Entschlossenheit, es war nur nicht ganz erkennbar, um welches Gefühl es sich nun genau handelte.

Für Anja Harteros (Elisabetta) war es die erste Produktion in Zürich, und wie überall erhielt sie den größten Applaus. Die Stimme blüht in der Höhe wunderbar auf, kling jung, gesund, und ich mag besonders ihre Interpretation der scheinbar nebensächlich wirkenden Stellen im Libretto, z.B. das tonlos bedrohliche „Rendetemi la croce! La Corte vi convien lasciar col dì novello…“ , wenn Eboli ihr das Verhältnis mit Philipp gesteht. Es ist wunderbar, wenn man spürt, dass der Sänger ganz genau weiß, was er singt.

Matti Salminen (Philipp) wirkte immer noch leicht indisponiert, zur Premiere hatte er eine Grippe. Bei seinem ersten Auftritt („Perchè sola è la regina“) schien ihm die Stimme fast zu entgleiten, zum Glück fing er sich, und seine große Arie war grandios emotional. Salminen ist und bleibt eine große Bühnenpersönlichkeit und kann natürlich auf Grund seiner Erfahrung stimmliche Unsicherheiten gut überspielen. Ich hoffe sehr, dass es diesem wunderbaren Sänger bald wieder richtig gut geht.

Von Massimo Cavaletti (Rodrigo) war ich sehr positiv überrascht. Eine große schöne Stimme, ein sehr gut aussehender Sänger, gute Präsenz und schöne Gestaltung. Hier hätte der Regisseur gut einen Aspekt der Eifersucht zwischen Carlo und dem vom König bevorzugten, entschlosseneren Rodrigo reinbringen können.

Vesselina Kasarova (Eboli) erhielt viel Applaus und gute Kritiken. Ich tue  mich schwer, denn ich finde nicht, dass die Eboli die richtige Rolle für sie ist. Ihr fehlt es an Tiefe, Volumen und Durchschlagskraft und ihr Stil zu singen passt nicht so recht. „O don fatale“ war sehr, sehr grenzwertig. Hoffentlich schadet die Partie ihrer Stimme nicht, denn in ihrem Repertoire ist sie eine tolle Sängerin.

Alfred Muff (Großinquisitor) war Matti Salminen ein stimmlich ebenbürtiger Partner, etwas dämonischer hätte es noch sein dürfen, immerhin ist er als graue Eminenz der mächtigste Mann im Reich, eiskalt, berechnend, gefühllos.

Zubin Mehta ist ein erfahrener Verdi Dirigent, und das merkt man in jeder Minute. Er dirigierte zügig, sicher, mit viel Gespür für die Höhepunkte in der Musik und die vielen wechselnden Stimmungen; von galant bis dramatisch, von drohend bis verzweifelt. Besonders hervorheben möchte ich einige wunderbaren solistischen Leistungen des Orchesters, beispielsweise das berühmte Cello-Solo vor „Ella giammai m’amò“, die Flötensoli in der ersten Eboli Arie oder die Blechbläser, die die kalte, mächtige Atmosphäre des Klosters wunderbar vermittelten.

Eine Ansage vor der Aufführung bittet, die Handys auszuschalten und wünscht, dass man beglückt nach Hause gehen solle. Das Publikum bedankte sich mit viel Applaus und ging, nachdem Rodrigo tot, Carlo völlig am Ende, Elisabetta ohnmächtig, der König allein, Eboli im Kloster und der Großinquisitor zufrieden ist, nach vier Stunden hoffentlich beglückt nach Hause. 

  Marie v. Baumbach

Dem geneigten Zuschauer möchte ich noch zwei Fragen stellen:
PS: Ganz klar ist mir nicht geworden, ob Karl V. in der Inszenierung ein Geist ist? Er lebt ja noch. Aber dann stellt sich die Frage: Wem gehört eigentlich das goldene Skelett mit der Königskrone?

PPS: Im 2. Akt, 2.Bild, kurz vor der Schleierarie, singt Eboli: „In dieses fromme Gemäuer darf nur die Königin von Spanien vortreten“. Abgesehen davon, dass sich bereits Eboli, der Page und sämtliche Hofdamen dort befinden, folgen Auftritte von Rodrigo, Don Carlo, Philipp und dem restlichen Hofstaat. Da hat sich der Librettist wohl etwas vertan?

 

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