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ZÜRICH: ARIADNE AUF NAXOS

17.02.2012 | KRITIKEN, Oper

Zürich: „ARIADNE AUF NAXOS“ – 15.2.2012

Wer etwas von Verwandlung hören und verstehen möchte, wird früher oder später auf diese Oper stoßen. Zwar haben alle 6 der „gemeinsamen Opern“ von Strauss und Hofmannsthal in verschiedener Weise mit Verwandlung zu tun, aber bei „Ariadne“ ist sie das eine große Thema. Der Komponist und Zerbinetta, erst recht Ariadne und Bacchus singen davon in unterschiedlicher Weise. Wie Richard Strauss das komponiert, macht staunend. Ausgehend von den kontrastierenden Haupttonarten (Ariadne: g-moll, Bacchhus: Cis-Dur) komponiert er die Verwandlung beider über den Wechsel von b- und Kreuz-Tonarten, die schrittweise verschränkt werden, bis er am gemeinsamen Ziel das rauschende Des-Dur erreicht, die Klangfarbe des Göttlichen. Nun sind beide frei – Ariadne von ihrer Trauer, Bacchus von seiner Circe-Erfahrung – durch die Kraft des Du, des Gegenübers. Frei – und neu, jeder ein anderer, als er war. „Deiner hab‘ ich um alles bedurft!“, weiß Bacchus im Finale. Das hört sich herrlich an und bleibt ein Wunder. Verwandlung zu neuem Leben gelingt eben nicht aus eigener Kraft.

Die Freude der Musiker unter der Leitung von Peter Schneider, das alles Klang werden zu lassen, konnte ich hören und aus der 1. Reihe heraus auch sehen. Dass sich diese Emotion auf die Bühne und ins Publikum überträgt, ebenso. Wunderbar das Vorspiel in kammermusikalischer Klarheit, Detailgenauigkeit und Spannung (auch das Vorspiel hat seine finale Steigerung!) und die vielen exzellenten Einzelleistungen: z.B. die Solovioline, wenn Zerbinetta dem Komponisten für einen Moment ihr Herz öffnet, das dezente Hornsolo, wenn sich Ariadne an Theseus erinnert („Ein Schönes war…“).

Verwandlung braucht natürlich orchestrale Power! Beginnend mit der Ankündigung von Bacchus durch die Nymphen gelingt Peter Schneider inklusive des Wechsels von innig-ruhigen Momenten und erregten Ausbrüchen ein hoch emotionales Finale aus einem Guss, eine 32minütige Steigerung bis zum breit-feierlichen fff der vollendeten Verwandlung. Ein beglückender musikalischer Genuss!

Die Protagonisten haben ihren Anteil daran. Nina Stemme und Michael König sind Liebespaar auf Stimmhöhe: Sie mit warmer, fülliger, gut sitzender Stimme und den erforderlichen Tiefen, er mit stabiler heldentenoraler Kraft und dem erforderlichen metallischen Glanz. Elena Moşuc ist eine souveräne Zerbinetta, die Töne geradezu schweben lassen kann und der die Koloraturen und Spitzentöne E‘‘ und D‘‘ sicher und leicht gelingen. Der Komponist lebt und stirbt (!) für seine Oper. Deshalb darf Michelle Breedt auch nach dem Vorspiel präsent sein, allerdings – welches Wahnsinns Beute? – viermal als still geisternder Un-Toter. „En Blaascht“, sagt der Schweizer. Frau Breedt ist geradezu emphatisch in der Rolle. Beim Übersetzen von Noten in Emotionen sollte sie aber mehr an ihre Einsätze denken. Gegen Ende klang ihre Stimme angestrengt. Der Hausherr Alexander Periera hatte natürlich einen Bonus als Haushofmeister, aber den Lacher bekam der Dirigent, der ihn an einer Stelle in bestem Schwizerdütsch in die Schranken wies. Unter den weiteren Personen des Vorspiels fiel mir Michel Laurenz (Tanzmeister) mit gelegentlich flackernder, immer etwas zu lauter Stimme auf. Zerbinettas Buffotruppe Harlekin (Krešimir Stražanac), Scaramuccio (Martin Zysset), Brighella (Reinaldo Macias) und mit bemerkenswertem Bass Truffaldin (Reinhard Mayr) klangen ebenso wie die Nymphen Najade (Eva Liebau), Dryade (Irène Friedli) und Echo (Sandra Trattnigg) zusammen wunderbar harmonisch.

Ich sollte erwähnen, dass von der Klang gewordenen Verwandlung nicht viel zu sehen ist. Zum einen, weil die Kronenhalle das Geschehen banalisiert (besteckklappernde Bedienungsnymphen und ein Gaststättentisch, darauf eine Feuerschale und von Bacchus handgepresster Traubensaft sind einfach nur peinlich). Zum anderen, weil Verwandlung durch Liebe einen besonderen Raum braucht und in eine andere Dimension führt. Nicht vergebens steht in den originalen Regieanweisungen, ein Baldachin solle beide einschließen – ein Sternenhimmel hätte es auch sein können. Stattdessen und weil sogar Regisseur Claus Guth bemerkt haben muss, dass die Kronenhalle nicht passt, lässt er unprosaisch einen Vorhang ziehen. Aber das hilft nun auch nicht mehr.

Wie gut, dass wir die Musik mit ihrer großen suggestiven Kraft haben und einen Dirigenten, der mit dem geradezu wienerisch klingenden Orchester der Züricher Oper ein Maximum an musikalischem Ausdruck erreicht.

Kerstin Voigt

Nächste Vorstellungen: 19. und 23.2.

 

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