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Zum 100. Geburtstag von Rudolf Schock (4.9.1916 – 13.11.1986)

10.09.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 

 CD-Müllerin-mit-Rudolf-Schock-300x300 Schuberts „DIE SCHÖNE MÜLLERIN“ als Geburtstags-Gabe – CD Relief CR3006

 5099991230027-1200px-front Bizets „CARMEN“ mit Christa Ludwig wieder aufgelegt – CD Warner Classics 9 12300 2 (deutsch gesungen) 

Zum Wiederkehr des 100. Geburtstages, den Rudolf Schock am 4. September hätte begehen können, legt die kleine Schweizer Nischenfirma Relief eine Aufnahme aus der Glanzzeit des deutschen Tenors vor. Es handelt sich um Schuberts Liedzyklus „DIE SCHÖNE MÜLLERIN“, der der Sänger mit dem unerreichten Pianisten Gerold Moore eine höchst eindrückliche Interpretation angedeihen lässt. Die Aufnahme der Electrola stammt von 1959. Im Jahr 1958 hatte Rudolf Schock, sonst als lyrischer Tenor von Mozarts Gnaden in Salzburg, Wien und allen Opernzentren der Welt unterwegs, mit grossem Erfolg einen strahlenden Walther von Stolzing in Bayreuth gesungen. Vielseitigkeit war immer die Devise des Tenors gewesen. Im Nachkriegs-Berlin sang er Belmonte, Tamino und Hoffmann, den er auch mehrere Male auf Schallplatten und im Radiostudio – sogar für die deutsche Synchronfassung des sagenhaften Filmes „Hoffmanns Erzählungen“ mit der Prima-Ballerina Moira Shearer als Stella und Olympia – verewigen durfte. Wo andere Tenöre sich mit der Tessitura und den gesangstechnischen Anforderungen der Partie schwertun, sang Schock mit einer Nonchalance hinweg, die einen erstaunen macht. Etwaige Probleme in der Bruchlage gab es für ihn nicht und die Höhe, wenn auch nicht immer ganz frei, erreichte er immer punktgenau. Ein Tenor, der sich akribisch an die Angaben der Komponisten hielt: keine zu lang ausgehaltenen Spitzentöne, keine rhythmischen Ungenauigkeiten, ein perfektes Legato bei einer unübertrefflichen Wortdeutlichkeit: alle diese Tugenden zeichnen seine Interpretationen aus. Das mag auch die Schallplatten-Konzerne, vor allem die Electrola und Eurodisc bewogen haben, mit diesem „Allrounder“ eine Unmenge an Aufnahmen zu realisieren. Auch als Operettensänger macht er sich einen Namen und das ZDF liess ihn oft am Bildschirm auftreten. Seine Partnerinnen waren in erster Linie jeweils Erika Köth und Margrit Schramm. Schock wurde zum Markenzeichen einer populären Klassik; seine TV-Sendungen wurden mit hohen Einschaltquoten geschaut und seine Platten verkauften sich millionenfach.

Umso mehr erstaunt, dass Rudolf Schock auch ein hervorragender Liedersänger war und er diese Königklasse der Gesangskunst mehr, als man annehmen konnte, beherrschte. Anders als Dietrich Fischer-Dieskau hatte Rudolf Schock einen unvermittelten Zugang zum deutschen Liedgut. Schock sang die Lieder, wie sie geschrieben waren, als lyrisch-seelische Äusserungen eines einfachen Menschen und nicht eines reflektierten Intellektuellen. Gerade diese Charakteristik der Interpretation Schocks verhilft dem Schubertschen Liedzyklus zu einer direkt ansprechenden künstlerischen Mitteilung, wenn man das so sagen darf. Rudolf Schock singt diese Lieder so einfach, ohne Drücker und ohne Larmoyanz, dass die vor gut 50 Jahren entstandene Aufnahme ganz modern und nicht antiquiert klingt. Schock bleibt in seiner Ausdrucks-Amplitude immer ganz „bei sich“, macht kein Getöse und auch nicht mehr her, als es für eine künstlerische Aussage nötig wäre. Sehr sympathisch und auch beeindruckend ist dieser Müllersbursche. Man hört ihm gerne zu, geht mit ihm auf die Reise, hat Emphase für seine Liebe zur untreuen Müllerin, für den Hass seinem Rivalen, dem grünen Jäger, gegenüber und empfindet das den Zyklus abschliessende „Wiegenlied“ nicht als trotzigen Ausgang, sondern eher versöhnlich und gelöst. Gerald Moore, der Meister-Begleiter so vieler Sängerinnen und Sänger, vollbringt wahre Wunder mit seinem farbenreichen Klavierspiel, ohne sich irgendwie in den Vordergrund zu spielen, ist er aber dennoch ein wahrer Duo-Partner. Auch in dieser  Beziehung zeugt diese Aufnahme von einer kongenialen künstlerischen Partnerschaft. – Als Bonus hören wir drei weitere Schubert-Lieder, diesmal mit dem nicht minder hervorragenden Pianisten Adolf Stauch, wobei „Nacht und Träume“ von Rudolf Schock in einer perfekten Messa di Voce gesungen und von Adolf Stauch mit sanft-perlendem Klavierspiel interpretiert wird. Ein wunderbare Aufnahme und ein wertvolles Dokument zur Beurteilung eines der wesentlichen Tenöre der Nachkriegszeit. –

Von der Firma Warner wird die deutsch gesungene „CARMEN“-Aufnahme der Electrola mit Rudolf Schock  als Don José wieder aufgelegt. Und man staunt, deutsch gesungen geht sehr wohl, wenn dies wie auf dieser Aufnahme so natürlich und wortdeutlich geschieht. Sicher wirken gewisse Passagen der Übersetzung heutzutage altmodisch, aber alle Sänger wirken authentisch. So der jugendlich-üppige Mezzo von Christa Ludwig (zwar etwas gar klischiert in der Ausdrucksweise), die keusch klingende und unterschätzte Melitta Muszely als Micaela und der vollstimmige Escamillo von Herrmann Prey. Horst Stein dirigiert temperamentvoll und sängerfreundlich. Eine den heute nivellierenden CD-Markt belebende Ausnahme an musikalischer und sängerischer Individualität. So eben wie es Rudolf Schock auch war und heute noch Gültiges auf Aufnahmen vorzuweisen hat.

John H. Mueller       

 

 

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