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ZÜRICH/ Tonhalle: MAHLERS „Neunte“ – mit Haitink – kontrolliert und daher ausdrucksstark

Zürich, Tonhalle: Mahler NEUNTE – 15.1.2014    

Mahler mit Haitink – kontrolliert und daher ausdrucksstark   

Mahlers NEUNTE ist wohl die Summe aller Summen, die der Komponist, bei dem Komponieren immer Lebensausdruck war, gerade am Schluss seines Lebens gezogen hat. Wenn der Dirigent David Zinman, der uns vor ein paar Jahren in Zürich einen fabelhaften Mahler-Zyklus geboten hat, sagt, dass alle Sinfonien Mahler quasi eine Sinfonie mit neun Sätzen sind, dann hatte das gerade in der Aufführung unter seinem grossen Dirigentenkollegen Bernard Haitink seine absolute Richtigkeit. Der holländische Dirigent  hat sich zeit seines Lebens mit Mahler befasst – sein viel beachteter Mahler-Zyklus auf Schallplatte erschien in den sechziger Jahres und ist immer noch massgebend – und das spürt man auch. Selten geht von einem Dirigenten eine solche Konzentration auf das Wesentliche wie bei Bernard Haitink aus. Keine Show fürs Publikum, kein Getänzel auf dem Podium, sondern nur ein Dirigieren mit knapper, aber ganz genauer Zeichengebung. Bei Haitink trifft das Wort wirklich zu, dass er der Musik dient, so abgegriffen das auch klingen mag. Und die NEUNTE Mahlers zu dirigieren, ist wirklich kein Pappenstiel. 75 Minuten höchste Konzentration überträgt sich auf das übrigens blendend disponierte Tonhalle-Orchester und auch das ebenfalls höchst konzentriert zuhörende Publikum. Erstaunlich ist doch bei dieser Musik – wohl typisch für Mahler – aber auch wieder nicht. Die Ländler-Melodien gibt es hier auch, aber sie sind merkwürdig gebrochen und werden im Laufe der ganzen Sinfonie immer mehr entmaterialisiert, um sich schliesslich in einem letzten Satz des wohl unerhörtesten Piano-Ausklanges wie in Luft aufzulösen. Der in den Mittelsätzen teilweise grosse Orchesterklang, der aber immer wieder durch Einbrüche in ganz intime Zwischenspiele unterbrochen wird, gerät so nie zur reinen Orchester-Opulenz um seiner selbst willen. Alles hat hier seinen Sinn. So musiziert auch Bernard Haitink mit grossem Atem und durchgehendem Puls durch das ganze Werk. Die vier Sätze verschmelzen zu einem Satz, dessen letztes Ziel es ist, sich selbst aufzulösen. Es ist sicher ein transzendiertes Nah-Todes-Erlebnis, an dessen Grenzen der schwer herzkranke Komponist wohl oft gestanden haben mag. Mahler vollbringt das Wunder, das musikalisch so auszudrücken, dass Sentimentalität nie, wohl aber Betroffenheit und ungeheures Sehnen zum Ende hin sich durchsetzen. Um letzten Satz ist es das zwölfmalige Anklingen des Themas, das immer mehr in entmaterialisierte Klänge transzendiert wird. Sehr ergreifend, wenn der Schluss der „Kindertotenlieder“ ganz kurz zitiert wird und die Hörner das wie ein Schlaflied erklingen lassen, wie wenn die Mutter dem schlafenden Kind über die Haare streichen würde. Haitink vermeidet jede Sentimentalität, weil er eben ganz ehrlich und konzentriert bei der Sache ist. Die Musik ist so stark, dass sich jedes Gefühl ohne weiteres mitteilt, ohne dass man das besonders betonen müsste. Eine wahrhaft ergreifende Wiedergabe dieses unerhörten Werks durch einen der ganz grossen Musiker unserer Zeit. Das Tonhalle-Orchester war ihm ein ebenbürtiger Partner.

John H. Mueller    

Wiederholungen: 16. Und 17.1.2014, Tonhalle Zürich

 

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