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ZÜRICH: THE TURN OF THE SCREW – Wiederaufnahme

15.10.2015 | Oper

Zürich: The Turn of the ScrewWiederaufnahme – besuchte Aufführung: 14.10.2015

Dämonische Beklemmung mit minimalen Mitteln

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Pavol Breslik, Layla Claire. Foto: Monika Rittershaus

Die nach einem Konzept von Willy Decker von Jan Essinger regielich betreute Aufführung von Brittens faszinierendem Werk hat sich in der Wiederaufnahme-Serie in der Aussage wesentlich verdichtet. Die Abläufe sind noch harmonischer geworden und das Spiel der Protagonisten noch selbstverständlicher. Allen voran wieder die fabelhafte Layla Claire als the Governess: in Erscheinung passend „very british“, in der Stimme klar, aufblühend, hoch musikalisch. Die Sängerin wurde zu Recht bei ihrem Solovorhang bejubelt: eine grossartige Künstlerin. Neben ihr nun neu besetzt die Haushälterin mit Diana Montague, die mit ihrem lyrischen Mezzo wunderschön singt, aber Layla Claire als Governess nicht nur stimmlich, sondern auch erscheinungsmässig fast zu ähnlich ist. Dies im Gegensatz zur vorhergehenden Besetzung mit Hedwig Fassbender, die ein wirklicher Alt war. Aber beide Besetzungen sind in der Tat gute Optionen. Pavol Breslik war wieder als Prolog und Mr. Quint in einer seiner Glanzrollen zu erleben. Wie es überhaupt scheint, dass Breslik vor allem im Peter-Pears-Fach besser nicht besetzt werden könnte. Er konnte diese Zweideutigkeit, dieses Unfassbare des Quint sowohl in Stimme als auch mit seiner zurückhaltenden Körpersprache in beklemmender Weise zum Ausdruck bringen. Miss Jessel wurde durch Giselle Allen als „Zombie“ mit kräftigem Mezzo als von Quint verdorbene und ihm hörige Frau verkörpert. Als Miles war Matthew Price zuerst etwas verhalten, blühte aber förmlich auf und machte die Wandlung vom Schuljungen zum dämonisch Besessenen höchst glaubwürdig. Als seine Schwester Flora war Lydia Stables wirklich „the bad girl“. –

Immer wieder ist man erstaunt, dass Benjamin Britten mit einer Kammer-Besetzung von nur 13 Musikern ein solches Klangbild an verführerischen Klängen und bedrohlichem „gothic horror“ aus dem Orchestergraben zaubern kann. Constantin Trinks dirigierte umsichtig, transparent und packend die geniale Partitur Brittens. Beklemmend auch, wenn die sich immer fast unmerklich und unbarmherzig drehende Bühne (Bühnenbild: Wolfgang Gussmann, auch für Kostüme verantwortlich) plötzlich beim Tod von Miles stehen bleibt. Die Drehung der Schraube hat ihren Endpunkt erreicht. Und wie die Governess sagt: „We destroyed him together“  weiss niemand, wer wen eigentlich „zerstört“ hat. Mit einem Kloss im Hals verlässt man das Haus…

John H. Mueller

 

 

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