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ZÜRICH: RIGOLETTO – Wiederaufnahme in teils neuer Besetzung

19.01.2014 | KRITIKEN, Oper

Zürich: RIGOLETTO – 18.1.2014  

Wiederaufnahme mit neuer Gilda und neuem Rigoletto

Die vor einem Jahr präsentierte, aber nicht rundum akzeptierte Regie von Tatjana Gürbaca hat viele Opernfans in ihrer Direktheit und Kargheit mehr als befremdet. Tatsache ist jedoch, dass die Regisseurin die ganze Brutalität dieser „Männerwirtschaft“ offen gelegt und in „La donna e mobile“ den wahrlich frauenverachtenden Herzog entlarvt hat. Da hiess es Abschiednehmen vom beliebten Wunschkonzert… Neu ist nun in der diesjährigen Wiederaufnahme die fabelhafte Gilda von Olga Peretyatko, von der man schon viel Gutes im Voraus vernommen hat. So ist es auch. Sie stellt in dieser gewiss nicht einfachen Inszenierung eine berührende Gilda dar, die wegen ihrer weltfremden Erziehung – zuerst Kloster, dann vom Vater überbeschützt – in jede Falle tappt, und dies bis zum bitteren Ende. Die Petersburgerin überzeugt in Stimme und Aussehen. Ihre Stimme hat Flexibilität, ein weiches Timbre, eine gute Höhe. Zu Beginn beeinträchtigte zeitweise ein etwas übermässiges Vibrato – vielleicht Nervosität – ihre Leistung, wobei sie aber die Arie „Caro nome“ sehr schön gesungen hat. Nach der Pause war sie dann ganz „da“, so wie es der Fall auch für die ganze Aufführung an diesem Abend war. Das etwas gar lethargische Dirigat von Stefan Blunier entwickelte sich dann im 4. Bild zu einem blutechten Verdi, was vorher nur angedeutet war. Leider liess der Dirigent immer wieder wahre Spannungslöcher entstehen, indem er Stück für Stück musizierte und nicht nach dem Prinzip des „Attacca“ handelte. – Der anderweitig viel gelobte Rigoletto von Andrzej Dobber konnte mich allerdings nicht im selben Masse begeistern wie die Gilda von Olga Peretyatko. Gewiss, man merkt dem Sänger die grosse Erfahrung an. Seine Stimme verfügt auch über alle Töne, Höhe und Tiefe, aber an das etwas knarrende Timbre muss man sich erst gewöhnen. Zudem neigt der Bariton in Passagen, die ein getragenes Mezzaforte bis Piano erfordern, leider oft zum Distonieren. Auch vermochte er als Vater, der offenbar wenig Empathie mit seiner Tochter an den Tag legt, nicht zu überzeugen. Kann sein, dass er sich in dieser Inszenierung nicht wohl fühlte. Ganz in seinem Element aber war Saimir Pirgu, der sich als Duca gegenüber der Serie des Premierenjahres noch gewaltig gesteigert hat. So sicher und mühelos habe ich in letzter Zeit kaum einen Duca singen gehört. Die Inszenierung, in die er von Anfang an involviert war, kommt seinem Naturell offenbar sehr entgegen. Super-Spitzentöne, gutes Legato, gute Diktion – was will man mehr. Ausserdem sieht er gut aus. Pavel Daniluk verkörperte einmal mehr einen gefährlichen Sparafucile und beeindruckte mit seiner typisch russischen Stimme. Fabelhaft wie er die tiefen Töne platzieren kann. Als Maddalena war einmal mehr die höchst attraktive Judith Schmid mit schönem Mezzo mit von der Partie. Auch Julia Ripley konnte als Giovanna in der Phrase „E magnamino sembra e gran signore“ auf ihre schöne Altstimme aufmerksam machen. Valerij Murga sang gut, war aber für die Partie des Monterone, der mit „Donnerton“ seinen Fluch schleudern sollte, unterbesetzt. Gut Cheyne Davidson als eigentlich zu sympathischer Höfling Marullo, Dmitry Ivanchey mit beachtlichem Tenor, Yuriy Tsiuple als Conte di Ceprano. Deanna Breiwick war die Contessa und mit einer schön gesungenen Phrase Dara Savinova als der Page. Der Chor (Einstudierung: Ernst Raffelsberger) sang hervorragend und war auch schauspielerisch gefordert. Die Philharmonia Zürich  wurde durch das Dirigat eigentlich nicht richtig gefordert, spielte aber auf verlässlichem Niveau und konnte dann, wie die ganze Aufführung, im letzten Bild gewaltig aufholen. Und wieder ergreift einen eine der genialsten Opern Verdis!

John H. Mueller

 

 

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