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ZÜRICH/ Opernhaus: ORPHÉE ET EURIDICE. Premiere / Livestream

Fragen ohne Ende, Vibrato ohne Ende

15.02.2021 | Oper international

Christoph Willibald Gluck / Hector Berlioz: Orphée et Euridice, Opernhaus Zürich, Livestream: 14.01.2021

Verfügbar bis am 5. April 2021: https://www.opernhaus.ch/digital/corona-spielplan/orphee-et-euridice/

Fragen ohne Ende, Vibrato ohne Ende

Bildergebnis für oper zürich orphee et euridice
Foto © Monika Rittershaus

Christoph Willibald Glucks Vertonung der Orpheus-Sage gehört zu jenen Opern, von denen mehrere Versionen überliefert sind und sich dementsprechend die Frage stellt, welche Fassung gezeigt werden soll. Zählt man grosszügig, stehen vier Fassungen zur Wahl: die Fassung der Wiener Uraufführung von 1762, die als «Atto d’Orfeo» auf Wunsch von Kaiserin Maria entstandene Umarbeitung zur Hochzeit ihrer Tochter, Erzherzogin Maria Amalia, mit dem Infanten Ferdinand von Spanien in Parma 1769, die Fassung der Umarbeitung für Paris von 1774 oder die für Maria Malibrans Schwester Pauline Viardot-García (1821-1910) entstandene Bearbeitung von Hector Berlioz aus dem Jahre 1859.

Grundsätzlich sind bei einem Entscheid für eine Fassung eines Werks die Fassung erster oder letzter Hand in Betracht zu ziehen. Mischfassungen sind bei einigermassen gesundem philologischen Gewissen keine Wahl: sie sind, wie es die einschlägige Literatur anmerkt, dramaturgisch und musikalisch ein Verbrechen am Werk und dienen höchstens dem Selbstbestätigung der Mischenden. Für die Aufführung von Bearbeitungen kann es durchaus gute Gründe geben (https://onlinemerker.com/st-gallen-theater-die-kroenung-der-poppea-von-claudio-monteverdi-ernst-krenek/): für Berlioz Bearbeitung des Orphée bräuchte man aber sowohl eine adäquate Regie wie eine adäquate Besetzung. Hinzu kommt aber in jedem Fall, dass die Bearbeitung vom Bearbeiter dominiert ist und, wie hier bei Berlioz Bearbeitung des Gluckschen «Orphée und Euridice», nur wenig vom Original übrigbleibt. Bei der Zürcher Produktion scheint das Vertrauen in Berlioz-Fassung nicht allzu gross, wenn man mit der Gluckschen Ouvertüre beginnt. Regisseur Christoph Marthaler äussert sich im Online-MAG zur Fassungsfrage: «Es ist übrigens sehr wichtig, dass man die Fassung von Berlioz nicht «berliozisiert», also aus dem 19. Jahrhundert heraus denkt und interpretiert, sondern stets aus der Perspektive Glucks.» Dabei geht vergessen, dass eine Bearbeitung immer aus der Gegenwart des Bearbeiters, hier Berlioz, hervorgeht und das Stück deshalb nicht aus der Perspektive des Originals, hier Gluck, gedacht und interpretiert werden kann.

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Foto © Monika Rittershaus

Nadezhda Karyazina als Orphée unterwirft sich mit bemerkenswertem Einsatz den Anforderungen der Regie. Ihre Stimme, die eine beeindruckende Tiefe, eine durchschnittliche Mittellage und ein rasch scharf werdende Höhe hat, hat leider nicht das für den Orphée aus Berlioz Bearbeitung notwendige Format. Den virtuosen Passagen fehlt die Leichtigkeit, das dauernde Vibrato, ob gewollt oder nicht, ermüdet. Chiara Skerath legt die Euridice hoch dramatisch mit viel Vibrato an. Den besten Eindruck an diesem Abend hinterlässt mit frischem, kräftigem Sopran Alice Duport-Percier als L’Amour. Als selige und unselige Geister treten auf: Sebastian Zuber, Graham F. Valentine, Bérengère Bodin, Marc Bodnar, Liliana Benini, Raphael Clamer und Bernhard Landau.

Die Philharmonia Zürich unter der Leitung Stefano Montanari spielt hoch konzentriert und kostet Berlioz Klangwelten voll aus. Der Chor der Oper Zürich (Choreinstudierung Ernst Raffelsberger) wird wie die Philharmonia vom Probenraum am Kreuzplatz ins Opernhaus eingespielt. Der Statistenverein am Opernhaus Zürich ist mit bewundernswertem Einsatz am Werk.

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Foto © Monika Rittershaus

Die Inszenierung der Zürcher Produktion stammt von Christoph Marthaler (Regiemitarbeit Joachim Rathke), die Ausstattung von Anna Viebrock (Bühnenbildassistenz: Anna Scheffel-Brotánková, Kostümassistenz: Iva Ivanova), die Lichtgestaltung von Martin Gebhardt.

Da, so die Ausstatterin Anna Viebrock in der NZZ, Christoph Marthaler keine Interviews mehr zu laufenden Projekten gibt, er seine Arbeiten nicht erklären möchte, und kein Programmheft zu Verfügung zu stehen scheint, ist man betreffend Inszenierung auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen. Zudem scheinen Regisseur und Ausstatterin unter den Produktionsbedingungen zu leiden: So eine «Corona-Premiere» sei keine leichte Aufgabe.

Marthaler und Viebrock lösen das Problem der in ihrer Sicht fehlenden szenischen Spannung, indem sie den drei Gesangsrollen sieben Schauspielerrollen hinzufügen. Diese sind während der ganzen Aufführung auf der Bühne präsent und sollen eine nicht weiter bestimmte Macht andeuten, der Orphée und Euridice ausgeliefert sein sollen. Die hinzugefügten Schauspieler sollen eine eigenständige Reflexionsebene eröffnen.

Kurz und gut, Marthaler und Viebrock liefern, was erwartet werden konnte, was in Zürich ausser einem kleinen Fanclub niemanden mehr begeistert.

Fragen ohne Ende, Vibrato ohne Ende.

15.02.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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