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ZÜRICH/ Opernhaus; MATTHIAS GOERNE SINGT LIEDER VON SCHUMANN UND MAHLER

Zürich: Matthias Goerne singt Lieder von Schumann und Mahler – Opernhaus 23.6.2014

„Ich leb‘ in meinem Lied“ – frei nach Rückert und Mahler

Unbenannt

Matthias Goerne gehört schon seit längerem zu der kleinen Garde der Liedsänger, die die Tradition eines Fischer-Dieskau und einer Schwarzkopf weiterführen. So präsentierte sich Matthias Goerne – begleitet vom hoch sensitiven Flügelmann Alexander Schmalcz – mit einem durchdachten und unüblich gestalteten Lied-Programm. Nicht vor der Pause Schumann, nach der Pause Mahler, sondern Matthias Goerne mischt die Kompositionen, ordnet sie einer programmatischen Dramaturgie unter. So wechseln Lieder von Schumann mit denen Mahlers ab und die Verwandtschaft der beiden Autoren wird dadurch nur noch augenfälliger. Nicht umsonst schätzte Mahler die Lieder Schumanns über alles , vor allem die unbekannten. So baute Goerne diesen Liederabend auf, sang ohne Pause während 90 Minuten – und es wurde auch keine Sekunde lang langweilig. Der Sänger verfügt über eine unglaublich grosse Spanne an Ausdrucksmöglichkeiten, sodass er für jedes Lied die ihm zugedachte Stimmung fand. Vom kopfigen Piano bis zum vollen Baritonklang, vom perfekten Legato in der Mittellage bis hinunter in des Basses Tiefe – alles war vorhanden. Dabei diente Goerne seine Technik für den fast überhöhten Ausdruck, mit dem er diesen Liederabend ausstattete. Man hörte auch ungewohnte Wendungen, so wenn er im Lied „Das irdische Leben“ das letzte „Totenbahr“ wie einen Aufschrei, eine Anklage herausschleuderte, wo man doch eher gewohnt ist, dass dieses letzte Wort zurückgenommen wird. So mischte er die Mahlerschen Kindertotenlieder mit Schumanns teils düsteren Gesängen. Sehr schön gelang ihm insbesondere „Der Einsiedler“, wo die leicht verschleierte Stimme Goernes der Einsamkeit beredten Ausdruck schuf. Mit Soldatenliedern von Mahler (bspw. „Revelge“) und natürlich den „beiden Grenadieren“ von Schumann schloss Goerne den Liederabend fast trotzig ab, quasi als Anklage an das Schicksal. Die Zugabe „Du bist wie eine Blume“ versöhnte dann mit  weitgesponnenen Melodiebögen, die wirklich diese im Lied angesprochene Wehmut ausdrückten. Dass Heinrich Heine dieses Lied wohl aber eher ironisch meinte und Schumann, wie man so üblich zu sagen pflegt, dies nicht aufgenommen habe, veranlasste Goerne offenbar dazu, der Musik Schumanns den Vorzug zu geben. Ein faszinierender Liederabend im dramaturgischen Aufbau, wundervoll ausgedeutet, aber manchmal auch oft an die Grenze der Überemphase, um nicht zu sagen des Manierierten. Das soll keine Kritik, sondern eine Feststellung sein. Es ist Matthias Goerne hoch anzurechnen, dass er der Kunst kompromisslos gerecht wird. So heisst es wohl für ihn wohl als sein Motto wie im Mahler-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“: Ich leb‘ allein in meinem Himmel, in meinem Lieben, in meinem Lied!“

John H Mueller

 

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